Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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BESPRECHUNGEN

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menschlichen und biographischen Seite hin. Persönliche Schwierigkeiten und Lebens-
umstände haben die Frühromantiker auseinandergebracht. Der Kreis der Freunde
und Sym-Philosophierenden von einst ist zerstoben. Zwischen denen, die sich aufs
engste zugetan waren, herrscht jetzt vielfach eine tastende Unsicherheit, wenn nicht
gar, ihnen selbst schmerzlich bewußt, offener „Parteigeist". Wieviel Mißtrauen hat
nicht Carolines Verbindung mit Schelling zwischen die Brüder Schlegel gesät! Jahre
nachher, in einem Briefe vom 15. April 1806, beklagt sich Friedrich darüber, „daß
das Lügengewebe jener lasterhaften Frau (den Bruder) noch immer umstrickt hält,
und ihre Fantasmagorien sich noch immer vor (seinen) Augen erhalten". Etwa zwei
Jahre später stellt Friedrichs Übertritt zur katholischen Kirche, den er zunächst
August Wilhelm gegenüber verheimlicht, das brüderliche Freundesverhältnis erneut
auf eine schwere Probe. Angesichts und trotz all dieser Schwierigkeiten hält Friedrich
daran fest, daß ihr „Vereint-Sein" (479) die beste und fruchtbarste Vorbedingung
für ihrer beider Wirken und Schaffen wäre.

Am peinlichsten berührt die menschliche Krisis des Schlegel-Kreises, wenn man
sie von der „Bernhardi-Affäre" her betrachtet. Mit ihrem Verlauf macht uns die um-
fangreiche Korrespondenz zwischen Sophie Bernhardi und August Wilhelm Schlegel
bekannt. Körner hat nämlich außer den in Coppet aufbewahrten Briefen Sophies an
andrer Stelle auch die an sie gerichteten Antwortbriefe ausfindig gemacht und mit
abgedruckt. Sophie Bernhardi, die Schwester Ludwig und Friedrich Tiecks, in deren
Berliner Hause Schlegel von 1801—1804 gewohnt hatte, trennt sich von ihrem Manne
und reist mit Knorring, den sie später heiraten wird, in Deutschland, Italien und
Österreich umher. In häufigen, langen und dringenden Briefen appelliert sie an
August Wilhelm Schlegels Mitleid, Liebe und Freundschaft. Sie schwärmt und jam-
mert, klagt und hofft. Bald ist sie mit ihrem Briefempfänger, bald mit sich selbst
unzufrieden. Einmal ist sie von übertriebener Offenheit, ein andres Mal verschließt
sie sich mißtrauisch. Dabei weiß man freilich nie recht, wo echte Gefühlsäußerung
aufhört und Verstellung beginnt. Recht häufig klaubt sie aus einem Briefe, den sie
bekommen hat, eine Stelle heraus, erklärt sich enttäuscht, vernachlässigt und ver-
kannt, um dann mit ihren Vorwürfen dem Absender zuzusetzen. Wenn ihre Briefe
schon wegen ihrer aufdringlichen Überschwenglichkeit mitunter eine menschlich
wenig erfreuliche Lektüre bilden, so fühlt man sich erst recht von ihrem Inhalt pein-
lich berührt. Sophie will nicht zu ihrem Manne zurückkehren, sie will auch ihre
beiden Söhne nicht zu ihm heimschicken. Unaufhörlich und hemmungslos beklagt
sie sich über seine Roheit und seine Niederträchtigkeit. Wohin sie kommt, hängt sie
sich an Gönner und bemüht sie für ihre Sache, deren Ausgang durchaus nicht gewiß
ist. Auf Bernhardis Seite stehen nämlich zahlreiche und einflußreiche Freunde, welche
seiner Frau alle Schuld zusprechen und insbesondere ihren Umgang mit Schlegel
und Knorring verdächtigen und verurteilen. Der Prozeß und sein Drum und Dran
erregen allerwärts Aufsehen. Friedrich Schlegel schreibt am 22. Dezember 1807 von
Köln aus: „Es wird unglaublich viel von dieser Sache in Deutschland gesprochen,
wie ich fast an jedem hier durchkommenden Fremden gewahr werde." Wie sehr die
Bernhardi-Affäre den romantischen Kreis verwirren mußte, geht außer aus vielen
anderen Umständen auch aus der Korrespondenz Friedrich de la Motte Fouques mit
seinem verehrten ..Meister" August Wilhelm Schlegel hervor. Jener macht aus seiner
Freundschaft mit Bernhardi kein Hehl und ruft so das Befremden August Wilhelms
in einem solchen Maße hervor, daß das peinliche Thema in den weiteren Briefen vor-
sichtig gemieden werden muß.

Zu den erfreulichsten Gestalten, denen wir während der Krisenzeit im engsten
Schlegel-Kreise begegnen, wird man, glaube ich, Dorothea rechnen müssen. Man
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