Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften (5) — 1917-1919(1919)

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ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO-
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD

SCHRIFTLEITUNG:

V.5/6. DR. OTTO RANK/DR. HANNS SACHS 1919

Das Unheimliche.

Von SIGM. FREUD.

I.

Der Psy&oanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhe®
tischen Untersudiungen, auch dann nicht, wenn man die
Ästhetik nicht auf die Lehre vom Schönen einengt, sondern
sie als Lehre von den Qualitäten unseres Fühlens heschreibt. Er
arbeitet in anderen Schichten des Seelenfebens und hat mit den ziet»
gehemmten, gedämpften, von so vielen begleitenden Konstellationen
abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der Stoff der Ästhetik
sind, wenig zu tun. Hie und da trifft es sich doch, daß er sich
für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, und dann
ist dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhetischen Fadi^
literatur vernachlässigtes.

Ein solches ist das »Llnheimlidie«. Kein Zweifel, daß es zum
Schredthaften, Angst» und Grauenerregenden gehört, und ebenso
sidier ist es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu be»
stimmenden Sinne gebraucht wird, so daß es eben meist mit dem
Angsterregenden überhaupt zusammenfällt. Aber man darf doch er»
warten, daß ein besonderer Kern vorhanden ist, der die Verwendung
eines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man möchte wissen, was
dieser gemeinsame Kern ist, der etwa gestattet, innerhalb des Ängst»
lichen ein »Unheimliches« zu unterscheiden.

Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführlichen
Darstellungen der Ästhetik, die sich iiberhaupt liebermit den schönen,
großartigen, anziehenden, also mit den positiven Gefühlsarten, ihren
Bedingungen und den Gegenständen, die sie hervorrufen, als mit
den gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen beschäftigen, Von seiten
der ärztlich»psychologischen Literatur kenne ich nur die eine, inhalts»
reiche aber nicht erschöpfende, Abhandlung von E. Jentsch <Zur
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