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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

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https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0206

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196

Dr. Marcinowski

Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbildung.

Von Dr. MARCINOWSKI, Haus Sielbed.

Zum Thema »Gattenwahl und Ehe« hat Hans Blüher <Imago
III, 6) eine Beobachtung mitgeteilt, die widersprudislos hinzu»
nehmen ist. Seine Beobachtung stellt gewissermaßen ein
Normalsdtema auf, nadi dem sidr für gewöhnlich die Gattenwahl
abspielt, und am Grunde der Ersdreinung erkennen wir schließlich das
Gesetz, das auch fiir die von der Norm sdreinbar abweidienden
oder doch besonderen Verhältnisse überall das gleidie ist: die Er-
lebnisse und Gefühfseinstellungen der ersten Kinderzeit
schaffen so machtvolle Eindrücke, daß sie fiir das ganze
übrige Leben maßgebend werden und auch den gesamten
Charakter des Menschen formen, einschließfich seines Ge-
schlechtscharakters. Dabei kann esfüglich dahingestellt bleiben, ob
der allgemeine Charakter des Menschen ein Abkömmling seines
gleichfails so erworbenen Geschleditscharakters ist, oder ob beide auf
tiefere Wurzeln einer gemeinsamen besonderen angeborenen Ver-
anlagung — also nicht nur auf eine allgemeinere, labilere Qber»
empfindlichkeit des sogenannten Nervösen — zurüdczuführen sind.

In diesem Normalsdiema ersdieinen Dirne und Ehefrau als
die entgegengesetzten Endpunkte einer Reihe von Liebesbeziehungen,
die vor allem durch die Elüditigkeit oder die Dauer gekennzeichnet
sind, also durch die fehlende oder vorhandene Kraft des Weibes, zu
fesseln und zu binden. Aber in dieser Reihe klafft eine Unterbredrung,
die von Ubergängen nur selten voflkommen überbrüdct zu sein pflegt,
so daß es sidh wohl tatsächlidi mehr um Gegensätze handelt. Das ent-
spricht nun ihrer Ableitung von den kindlichen Beziehungen zu der
einen Mutter einerseits und von wedhselnden flüchtigen Beziehungen
des Knaben zu Dienstpersona! und Gespielinnen anderseits.

Das Beispiel Blühers zeigt ferner, warum wir diesen Unter»
schied auch darin markieren, daß wir dem einen Typus mit dem Willen
zur geschlcditlidhen Betätigung mit wadiem Begehren begegnen, während
uns all den Frauen gegenüber, die uns an die Mutter gemahnen,
anfangs meist eine scheue Sdram und ein enrfürchtiger Wille zur Keusch-
heit zu überkommen pflegt, bis unter ganz bestimmten Voraussetzungen
das Begehren »erlaubt« wird, die Natur sidi Bahn bricht und die Ver»
drängungen gleichsam durchbricht und bei Seite schiebt.

Diese Unterschiede sind also so tief in der Charakter-
entwicklung des Mannes begründet, daß es sehr unpsychologisch
wäre, solche Gefühlspunkte bei ehe- und sexualreformerischen
Vorschlägen außer acht zu lassen. Gesetze sind ofi viel mehr der
Ausdruck tiefer begründeter Gesetzmäßigkeit als über sie hinweg
befohlene Satzungen, und der Mensch hat oft gar nicht die Wahl,
 
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