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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

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https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0068

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Dr. H. Protze

Der Baum als totemistiscfies Symbol in der Dicbtung.

Von Dr. H. PROTZE <zurzeit Bad Ems>.

Seit sich die psydioanalytisdie Wissenschaft, unter dem Vorgang
Freuds, der Erforsduing der totemistischen und tabuistisdien
Phänomenezugewandt hat,sind in der psychoanalytischenLiteratur
mehrfadi Fälle von sogenanntem »individuellen Totemismus« mitgeteilt
worden, zuletzt meinesWissens von Abraham in seiner Arbeit Ȇber
Einsdtränkungen und Umwandlungen der Schaulust« (Jahrbuch 1914>.
Unter anderem bespricht Abraham dort den Fall eines Psycho»
neurotikers, welcher, in Träumen wie in Wachphantasien, die Br-
scheinungen eines ausgesprochenen Baumtotemismus bot.

Über ein Gegenstüdc hiezu, ein analoges Gebilde aus dem
Gebiet der dichterischen Produktion, möchte ich im folgenden
Näheres berichten. Ein solches fand ich in der Brzählung des früher
viel gelesenen, jetzt wohl wenig mehr bekannten österreichischen
Schriftstellers Karl Postl <Charles Sealsfild> »Die Prärie am
Jacinto«, einem selbständigen Fragment aus des Dichters Roman
»Das Kajütenbuch«. — Dies Phantasiestüdc, äußerlidh betrachtet
nichts weiter als die Sdhilderung eines Reiseabenteuers, erweist sich
bei näherer Musterung als eine symbolische Darstellung unbewußten
Erlebens, eben in jener eigenartigen, an den Pflanzentotemismus der
Primitiven gemahnenden Form,- dabei ist besonders bemerkenswert,
daß die Dichtung ihre totemistische Symbolik gleichsam selbst
kommentiert, insofern ihr sonstiger Inhalt auf diejenigen infantilen Ten-
denzen und Einstellungen, in denen die Psydhoanalyse die Wurzeln
totemistischer Bildungen vermutet, mit unverkennbarer Deutlichkeit
hinweist. — Gerade wegen letzterer Eigenheit, vermöge deren die
Diditung zur Verifikation der psychoanalytischen Hypothese über den
Ursprung desTotemismus beiträgt, möchte idhsie imfolgenden in extenso
wiedergeben/ es dürfte jedoch, da die Erzählung an eine bestimmte
Episode in des Dichters Leben anknüpft, und auch sonst Züge aus
dessen realen Erleben verwertet, zwedcmäßig sein, einige Daten aus
der Biographie des Autors voranzustellen.

Nach der mir vorliegenden, leider sehr summarischen bio-
graphischen Skizze wurde der Dichter Karl Postl 1793 in einem
kleinen Dorfe in Mähren, wo sein Vater die Würde eines Dorf-
richters <»Gemeindevorstehers«> bekleidete, geboren. Der Vater, eine
harte, derbe Bauernnatur, erzog ihn mit eiserner Strenge, weshalb
der Knabe zuweilen dem elterlichen Hause entfloh und sich tagelang
in der durch Naturschönheit ausgezeichneten Umgebung seines
Heimatdorfes umhertrieb. Hier wurden, meint der Biograph, die
Keimezu seiner späteren, namentlich in Natur=SchiIderungen brillieren-
den, poetischen Produktion gewedct.

Schon im frühen Alter von 8 Jahren wurde Postl, auf Wunsdi
seiner Mutter, aber auch seinen eigenen Wünsdhen gemäß, für den
 
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