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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

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https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0131

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Vom wafircn Wesen der Kinderseele

121

Vom wahren Wesen der Kinderseele.

Redigiert von Dr. H. v. HUG=HELLMUTH.

I.

Von frühem Lieben und Hassen.

Die Erbitterung, mit welcher der Widerstand gegen eine Sadte arbeitet,
ist ein Maß für die unbewußte Anerkennung der Riditigkeit des
Bestrittenen, So erklärt sidi audi gut die hartnäckig böse Stimmung
des Laien gegen den »Ödipuskomplex«, gegen die ambivalente
Gefühlseinstellung des Kindes zu den Eltern, seine der Erotik ent»
springende Identifikation mit Vater oder Mutter und nidit weniger gegen
die von unbewußter Sinnlichkeit keineswegs immer freie elterlidie Liebe
zu Sohn oder Tochter.

Und darum ist Jede Bestätigung dieser psychoanalytischen Erkennt»
nisse aus dem Alltag, aus den Werken feinfühliger Autoren wertvoll und
es mögen in der nachstehenden Zusammenstellung eine Reihe solcher Belege
Platz finden,- zunächst einiges aus der direkten Kinderbeobachtung:

I. Ein vierjähriger Knabe, der an der Mutter mit großer Zärtlichkeit
hängt, im Vater aber in erster Linie eine zu fürchtende stärkere Macht
erblickt, die man wohl »auch gern hat, weil es eben der Papa ist«, sagt:
»Wenn ich groß bin, kauf' ich mir und der Mama eine Kuh, die den
Papa beißt.«

Die Zusammenstellung »mir und der Mama« ist bezeichnend genug
für die kindliche Auffassung über die Zusammengehörigkeit der Familien»
mitglieder. Gerade vom Vater aber wurde der Knabe wegen seiner starken
exhibitionistischen und onanistischen Gelüste wiederholt derb bestraft. Die
Kindern, besonders Knaben sehr geläufige Vorstellung, das Kuheuter sei
dem namenlosen 1 und doch als so widitig gefühlten Teil des eigenen
Körpers gleich, mag neben der Größe des Tieres Anlaß sein, daß der
Knabe gerade eine Kuh zur Vollstredcerin seiner Rachegedanken gegen den
Vater wählt. Auch wurde dem Kinde wiederholt die Drohung ausge»
sprochen, ein Hund werde ihm die »schtimmen Finger« abbeißen. Was der
Hund an ihm vollziehen soll, muß an dem großen Vater mit den großen
Händen natürlich ein entsprediend großes Tier tun.

II. Zwei Knaben von fünf und drei Jahren gilt es als größte Freude,
des Morgens, sobald der Vater das elterliche Schlafzimmer verlassen hat,
in Mutters Bett zu schlüpfen. Der Besitz ihres Körpers wird genau zuge»
teilt und keiner darf in das Gebiet des andern auch nur mit einem Finger
hinüberlangen. Jeder solchen Übertretung folgt ein erbitterter Kampf — auf
dem Körper der Mutter. Die Neigung zum Vater richtet sich nach der
jeweiligen eingebildeten Bevorzugung des Konkurrenten durch die Mutter.
Die Grundstimmung gegen ihn ist bei beiden Knaben eine ausgesprochen
feindliche, eifersüchtige.

Der eine der beiden Söhne stirbt in seinem sechzehnten Lebensjahr,
der andere bleibt zeitlebens an die Mutter fixiert, deren Einstellung zu ihm

1 Frühzeitig tritt die Frage nach dem »ordentlidien« oder »wirklichen«
Namen des in der Kinderstube nadi seiner vorfäufigen Funktion benannten Penis auf.
 
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