Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

Seite: 126
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126 BESPRECHUNGEN.

den Vereinsmitgliedern völlig unbekannt. Unter verschiedenen Gesichtspunkten wurde
das Material untersucht: im Hinblick auf Sprachverständnis, literarische Interessen,
eigentliches Kunstverständnis. Zahlreiche Statistiken sind beigefügt. Wenn auch
manche Ergebnisse noch einer Bestätigung durch eine reichere Erfahrung bedürfen,
der eingeschlagene Weg ist der richtige, gerade weil er so vorsichtig und behutsam
beschritten wird. Überall finden wir bezeichnende Proben, die Busses Schlußfolge-
rungen veranschaulichen sollen. Es hätte nun wenig Wert, das eine oder andere
Ergebnis hier anzuführen und vielleicht kritisch zu beleuchten; diese Arbeit kann
nur ergänzt oder berichtigt werden durch andere Arbeiten gleicher oder ähnlicher
Richtung. Aber keiner, der sich überhaupt ernstlich mit diesem Fragenkreise be-
schäftigt, kann achtlos an dieser Dissertation vorübergehen.

Rostock. Emil Utitz.

Paul Moos, Die Philosophie der Musik von Kant bis Eduard v. Hart-
mann. Zweite, ergänzte Auflage. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart-Beriin-
Leipzig. 1922. 666 S.

Gegenüber jener heute nur allzugroßen Zahl von ästhetischen Büchern, die mit
genialer Intuition unter Mißachtung des Tatsächlichen große Perspektiven eröffnen,
tut es wohl, in den Büchern von Paul Moos Werken eines Gelehrten jenes älteren
Typs zu begegnen, der — nicht ohne festen eigenen Standpunkt, aber doch vor-
sichtig abwägend — die Fülle seiner Belesenheit klar und nüchtern zu einem un-
verächtlichen Ganzen ausbreitet. Auf die Suggestion großer Lesermassen freilich
muß diese Art verzichten; umso erfreulicher ist es, daß sich Moos' »Moderne Musik-
ästhetik in Deutschland« durchgesetzt hat, so daß 1922 unter dem Titel »Die Philo-
sophie der Musik von Kant bis Eduard v. Hartmann« eine neue Auflage erscheinen
konnte. Auch diesmal wieder ist wie in der ersten Auflage die Zufügung »bis
Eduard v. Hartmann« nicht zeitlich, sondern bekenntnishaft zu nehmen. Hartmann
erscheint dem Verfasser als der Vollender der gesamten modernen Musikästhetik.
Zwar ist die Begeisterung jetzt gedämpfter geworden, einige stark unterstrichene
Lobeshymnen der früheren Auflage, die zum Stil des Ganzen nicht paßten, sind weg-
gefallen; aber nur die Form ist gemildert. Noch immer ist die gelegentlich einge-
streute Kritik vom Geist und den Argumenten Eduards v. Hartmann ausgesprochen
oder unausgesprochen beherrscht. Freilich paßt die Sonderstellung, die Hartmann
dadurch eingeräumt wird, daß ihm ein besonderes Schlußkapitel gewidmet ist, nicht
ganz zum Baustil des Werkes; die sachlich referierende Art des Buches hätte ver-
langt, daß Hartmann in der historischen Reihenfolge an den Platz gestellt wird, der
ihm zukommt; oder auch der Verfasser hätte das ganze Werk weniger sachlich re-
ferierend, mehr systematisch-historisch anlegen müssen.

Aber abgesehen von dieser Äußerlichkeit ist die starke Hinneigung zu Eduard
v. Hartmann dem Werke nur förderlich gewesen. Sie hat Moos 1901, in der Zeit,
da die erste Auflage erschien, davor bewahrt, den Moderichtungen des Tages, dem
extrem naturalistischen Psychologismus Fechners und Wundts anheimzufallen; die
erfrischend deutlichen Urteile über das Banausentum von Wundts und Fechners
ästhetischen Anschauungen war in den Jahren, da es selbstverständlich schien, den
Tadel Fechners oder Wundts mit einer Verbeugung vor dem Tiefsinn ihres ästheti-
schen Verständnisses zu begleiten, eine Tat. Ebensowenig aber hat sich Moos in
die Gegenströmung gegen die wissenschaftliche Ästhetik, in die blinde Verhimmelung
Schopenhauerscher oder Wagnerscher Ideen hineinreißen lassen. So brauchte in der
zweiten Auflage nichts an den Grundstellungnahmen geändert zu werden — Moos
ist der Zeit nicht entgegengekommen, sondern die Zeit hat sich ihm genähert. Und
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