Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft I

Landhaus in Bremen-Vahr. Architekten: Runge & Scotland in Bremen.
4. Eßzimmer.


Teil an dem nivellierenden Einfluß der Kultur, wie ihn Verkehr
und Austausch, die Emanzipation der Kunst vom Boden und
Klima durch technische Errungenschaften u. dgl. mit sich bringen.
So wich z. B. seit Ende des Mittelalters bei uns das nationale
Holzhaus allmählich dem Steinhaus. Das krasseste Beispiel
dieses stilzersetzenden Einflusses der Kultur ist aber die moderne
Universalfassade, die nicht nur in unsern europäischen Städten
alle landschaftliche und historische Eigenart verwischt hat, son-
dern auf dem Land auch das Bauernhaus verdrängt, und mit
der der Europäer die Schablone des Palazzostils auch in die
Kolonieen getragen hat. Die von ursprünglicheren Kulturen
geschaffenen Stil werte zu retten, wird in solchen Fällen Auf-
gabe einer bewußten künstlerischen Reaktion.
Das sind Einflüsse, die von außen kommen. Die materiellen
Faktoren der Stilentwicklung erschöpfen sich aber mit der Zeit
auch in sich. So scheint in der Behandlung der beiden wich-
tigsten Baumaterialien: Holz und Stein, der Kreis der Mög-
lichkeiten schon lange durchmessen zu sein: von der naiven
Massenauftürmung der cyklopischen Mauer bis zu der spitz-
findigen Raffiniertheit spätgotischer Konstruktionstechnik, die
schon über die Grenzen des Materials hinausstrebt. Ein neues
Problem der Stilentwicklung ist nun freilich unsrer Zeit in der
Massenverwendung von Eisen und Glas gestellt worden, wie
sie in diesem Sinne keine frühere Zeit gekannt hat. Es sind
die Eisen- und Glaskonstruktionen unsrer Bahnhöfe, Aus-
stellungsgebäude, Markthallen, die eisernen Türme, Brücken u. s. w.
So bekommt die Behauptung, daß der »Eisenstil« der Stil der
Zukunft sei, eine relative Berechtigung. Aber nur in sehr
bedingtem Sinne, mit der Beschränkung auf einen ganz be-
stimmten Teil technischer Aufgaben, wo auch die nüchternste
Betonung abstrakter Zweckmäßigkeit ihre eigene Möglichkeit
künstlerischer Schönheit in sich schließt. Für den überwiegen-
den Teil der architektonischen Aufgaben vom Wohnhaus bis
zum Monumentalbau fehlt dem Eisen eines der wichtigsten
Elemente künstlerischer Raum- und Flächenwirkung: der stoff-
lich-sinnliche Reiz des Materials. Es ist Skelett ohne Fleisch.
Die Architekten wissen, warum sie bei der konstruktiven Ver-
wendung des Eisens das eiserne Gerippe doch wieder mit den
Formen des Steinstils umkleiden. So ist der Eisenstil nur ein
Seitentrieb, nicht der Hauptstamm der neuen Entwicklung. Und
ähnlich ist es mit den neuen Zweckformen unsrer Zeiten.
Die Uraufgaben, welche die große stilschöpferische Kraft in sich
tragen, wachsen auf dem jungfräulichen Boden junger Kulturen.
So war es im Anfang des Mittelalters, als frische Völker in
den Kreis der abendländischen Kultur eintraten und diese auf
den unberührten Boden des nördlichen Europas verpflanzten.
Gleichzeitig schufen das Christentum eine neue religiöseOrdnung,
das werdende Rittertum und Bürgertum eine neue soziale Ord-
nung des Lebens. Aus diesen Bedingungen entstanden die großen
Stiltypen: die Kirche, die Ritterburg, das Bürgerhaus. Auf

einem beschränkteren Gebiet brachte im Anfang der Neuzeit die
Renaissance noch einmal einen Stiltypus hervor: es ist die in die
Breite entwickelte Form des neuzeitlichen Wohnhauses, die mit
dem italienischen Palazzo beginnt und mit dem Biedermaierhaus
endet. Seitdem scheinen sich aber die Möglichkeiten neuer
Grundformen erschöpft zu haben. Für unsre materiellen Bedürf-
nisse genügt die Kombination und Anpassung im einzelnen. Als
z. B. die neue Bewegung im Wohnhausbau mit der Universal-
fassade aufräumte und den Stil des bürgerlichen Wohnhauses
wieder begründete, war im mittelalterlichen Bürgerhaus mit der
Anregung zugleich das Vorbild gegeben. Selbst das moderne
Geschäftshaus wiederholt in seiner Auflösung der Fläche in
Pfeiler und Fenster nur das Konstruktionsprinzip der Gotik.
Und dem engen Kreis neuer Zweckformen, welche die tech-
nischen Anlagen unsrer Zeit hervorgebracht haben (wie z. B.
in dem Fabrikschornstein ein neues architektonisches Element
entstanden ist), fehlt wiederum das Universale, Lebenumfassende,
das zum Wesen eines Stils gehört.
Wir können also die Entwicklung eines neuen Stils nicht auf
eine von den Grundformen der alten Stile unabhängige Basis
stellen. Es giltaber,und das führt uns zu den psychologischen
Quellen der Stilbildung, diese Formen mit neuem Geist
zu befruchten. So ist seinerzeit das Barock und Rokoko aus
der Renaissance hervorgegangen: aus rein ästhetischen Motiven,
als Ausdruck eines veränderten Zeitgeistes; und so ist später-
hin das Empire entstanden: als ästhetische Reaktion, als Rück-
kehr zur Einfachheit. Hier zeigt sich der fundamentale Irrtum,
den die historische Schule in ihrer Stellung zu den alten Stilen
begangen hat. Indem sie das architektonische Schaffen auf
das Wissen, statt auf das künstlerische Empfinden stellte, und
damit das wissenschaftlich getreue Kopieren als Aufgabe der
Kunst auffaßte, verschloß sie sich selbst die Quellen der Stil-
verjüngung. Was die eigene Zeit dazu tat, das kam gleichsam
verstohlen durch die Hintertüre herein. Statt es zu betonen,
suchte man es zu unterdrücken. Darum fordert der moderne
Künstler sein Recht, die alten Formen nach seiner persönlichen
Empfindung zu behandeln. Und wie jeder ein Kind seiner
Zeit ist, so bringt er dadurch ein Stück Zeitgeist zum Ausdruck.
Ist seine Persönlichkeit gewaltig, so wird er seiner Zeit zu-
gleich den Stempel seines eigenen Geistes aufdrücken. So
schafft sich der Mensch aus seinem innern Wesen heraus
den neuen Stil: andre Menschen, andre Stile.
Fragen wir nun: wo liegt das Wesen des modernen Zeit-
geistes, das Geist und Richtung des neuen Stils bestimmen
soll? Ein Vergleich wird uns die beste Antwort geben.
Das Zeitalter, das dem unsern unmittelbar vorausgegangen ist,
endet im Rokoko. Es war eine Zeit des spielenden Lebens-
genusses. Eine müßiggängerische Aristokratie beherrschte das
Leben und bestimmte den Geist der Kultur. Wie im Leben
der Genuß zum Zweck wurde, so wurde in der Kunst der
Schmuck zur Hauptsache. Dem Rokokozeitalter entsprach
ein dekorativer Stil. Unsre Zeit ist eine Zeit der ernsten Ar-


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Landhaus in Bremen-Vahr.
5. Diele.

Architekten: Runge & Scotland in Bremen.
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