Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 9



Von germanischer Baukunst.


11. Quedlinburg.


II. Ältester Holzbau*).

Von Professor Dr. Albrecht Haupt in Hannover.
(Schluß.)

12. Halberstadt.

Noch viel
uns die dörf-
Vahren-

kade, wie sie
kapelle des hl.Liudger im nahen Helm¬
stedt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert
gerade noch so dasteht. Und hier
können wir die Möglichkeit einfach
offen lassen, ob wir nicht in obigem
Balkenwerk wirklich ein Bröcklein
tatsächlich romanischen Holzbaus vor
uns sehen, das später im Neubau
Platz gefunden habe. Ist das aber auch nicht der Fall, so wird
niemand im Zweifel sein, daß wir hier wenigstens die ge-
treueste Kopie eines uralten Holzwerkes vor uns sehen.
An manchem andern Hause sind ähnliche Vermutungen

14. Helmstedt.
nach 1500 wieder einen

Ehe ich zum Nachweis schreite, daß das Fächermotiv und
andre des Zimmermannstils (hier sei der Ausdruck in anderm
Sinne erlaubt) uralter Formenschatz der Germanen sind, zuerst
noch den Beweis, daß ich in der Tat nicht Urgespenster auf
offener Straße sehe, sondern im Fachwerkbau
wirklich wohl erkennbare uralte Gestalten
immer wieder auftreten. Dazu geht man
am besten in die stillen halbvergesse-
nen, heute noch als Holzstädte zu
bezeichnenden ältesten städtischen
Ansiedlungen, wie z.B. Quedlinburg
oder Gandersheim, Städte, die seit
dem 9. oder 10. Jahrhundert als
solche bekannt sind. Ich gebe hier
die Reiseskizze einer Fachwerk-
brüstung aus letzterer Stadt (Abb. 10).
Auf den ersten Blick sagt der Architek-
turgeschichtskundige: »Das ist ja früh-
romanisch;« und nach kurzem Be-
denken fügt er vielleicht hinzu:
»Nein, sogar karolingisch,
Freilich hat er darin
recht; es ist die
richtige ganz früh-
mittelalterliche Ar-
z. B. in der Peters-

Herkunft
die primitivste. Aber das Steinportal aus Ronne-
berg, einem uralten Dorfe bei Hannover (Abb. 17), entstammt
spätestens dem 11. Jahrhundert und zeigt am oberen Ende der
beiden Gewändornamente je zwei Viertelräder oder Halbfächer
(Muscheln), die in der Form sich in gar keiner Hinsicht von
den im 16. Jahrhundert üblichen unterscheiden.
Das Quedlinburger Obergeschoß mit den anderthalb

Material. Kerbschnitte, Stabwindungen aller Art, romanische
Arkaden wie oben u. dgl. mehr begegnen uns in der alten Stadt
um König Heinrichs I. Grabstätte auf Schritt und Tritt. In
Halberstadt nicht minder. Es kann kein Zweifel sein, daß eine
Stütze, wie die in Abb. 12 dargestellte, auf uralte Zimmerer-
kunst hindeutet, ebenso wie die Auskragung
aus Helmstedt (Abb. 13), deren besondere Eigen-
tümlichkeit die volksmäßig-altertümlichen Aus¬
kerbungen bilden.
Ähnlich ist es mit der Brüstung und Aus¬
kragung, die wir zwei Häuser davon in der¬
selben engen Gasse bemerken (Abb. 14), unver-
kennbar eine Erinnerung an den in jenen Harz-
gegenden längst verschwundenen Blockbau.
ursprünglicher mutet
liehe Konsole aus
holz (Abb. 15) an,
neben einer Stalltür,
ein Anklang an die '5. vahrenhoiz (KuhkoPt?).
Gestalt des Kuhkopfes vielleicht. Und
wie echt zimmermännisch!
Ich sagte oben, viele Motive, so
das Fächer- oder Radmotiv, seien uralt
germanisch, keineswegs etwa »Re-
naissance«-Motive. Dem ist wirklich
so. Ob die am Hause neben jenem
andern in Gandersheim angebrachten
zwei Fächer (Abb. 16), der eine wie
in drehender Bewegung befindlich,
nicht auch, wie die Arkade, ältester
sind, bleibe dahingestellt; ihre Technik





10. Romanisches Fachwerk in Gandersheim.

gerechtfertigt; so
scheint es zweifel-
haft, ob der mäch-
tig hohe Balken zu
Quedlinburg (Abb.
11) — ohne die
Konsolen drüber
und drunter — nur
im Bilde, oder gar
in natura von einem
viel älteren Bau
übernommen sei.
Quedlinburgwim-
melt von solchem

*) Die im vorigen Heft befindlichen Bilder aus Osnabrück (4. 8. 9.) sind von
Rudolf Lichtenberg, Maler und Photograph in Osnabrück, aufgenommen.

Fächern (Abb. 18) ist nicht minder wohl erkennbar als altem
Vorbild nachgeformt. Gleichzeitig treten hier zahlreiche Kerb-
schnittrosetten, sowohl drehende wie sechsteilige, auf,
die ein uraltes Rüstzeug im Bauschmuck der
Germanen bilden. — Zum erfreulichen

Vergleich gebe ich hierzu zwei
Steinkonsolen aus Spanien (Abb.l 9
und 20), von westgotischen Künst-
lern gemacht, wohl im 6. oder
7. Jahrhundert, die sich unserm
Auge ohne weiteres als — Nach-
bildungen von Balkenköpfen zu
erkennen geben. (Sie befinden sich
in den Museen zu Sevilla und Leon.)


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