Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 8

Kunstideal bleibt im Kern durch die Jahrtausende immer das
nämliche. Gobineau hat, obwohl Franzose, der germanischen
Rasse die höchste Zukunft prophezeit, so sie rein bleiben
könne; und ein Teil seiner Prophezeiung ist rascher erfüllt
worden, als er selber dachte. Darum werden japanische und
chinesische Kunstideale niemals die unsrigen werden können
und auch nie dürfen, solange wir Germanen bleiben. Das aber
müssen wir vor allem.
Diese scheinbare Abschweifung gehört mehr als alles
andre zu unsrer Sache hier: denn sie ist ihr eigentlicher Inhalt
und Kern.
Für das oben Behauptete habe ich hier einen wunder-
vollen Beweis: einen Hausgiebel aus Osnabrück von 1586
(Abb. 8). Jeder Blick auf diesen Fachwerkbau zwischen seinen
zwei romanischen Brandmauern belehrt uns unwidersprechlich,
daß wir hier weder »gotische« noch »Renaissance«-Formen
vor uns sehen, von ein paar winzigen Einzellinien abgesehen,
sondern ein urtümliches Werk volksmäßig-bodenwüchsiger Art.
Freilich sind die fächerartigen Halb- und Dreiviertel-Räder in
unserm Fachwerkbau gar weit verbreitet; auch sie sind aber
absolut keine Renaissance, sondern einfach eine uralte, vom
germanischen Zimmermann von jeher gern gebrauchte Zier-
form , die vermutlich schon an Attilas Königshalle vorkam.
Dafür weiter unten den Beweis.

Woher kommt aber die echt altgermanisch-niedersächsische
Erscheinung und der urwüchsige Schmuck unsres doch erst
dreihundertzwanzigjährigen Giebels?
Die Antwort wird uns nach manchem ähnlichen Studien-
fall nicht mehr schwer. Sie lautet: ehe dieses Giebelhaus war,
stand an der gleichen Stelle ein gleich prächtiges Holzhaus,
nur etwa vom Jahre 1180. Das brannte ab, und pietätvoll
ließ der Hausherr
zwischen den al-
ten Mauern ein
neues errichten,
möglichst dem
verbrannten
gleich. Solches
erzählt uns der
Giebel von 1586,
wie ich glaube.
— Und ganz
überzeugend ist
der Gedanke: wie
sollten vor bald
400 Jahren in der
alten Stadt nicht
wenigstens eben-
soviel wohlerhal-
tene Holzhäuser
des frühen Mit-
telalters noch
unversehrt und
wohlerhalten ge-
standen haben,
wie wir heute
deren aus dem
16. Jahrhundert
auch noch vor-
finden? Den Leu-
ten des eben ge-
nannten Jahrhun-
derts stand das
12. wahrschein-
lich näher, als uns
im 20. das 16. —
Aber daß solch
frühe Holzbauten
einst da waren,
das beweisen
eben die noch
stehenden Brand-

9. Haus in Osnabrück.


mauern aus jener fernen Zeit, die doch auch zuerst Häuser
zwischen sich hatten.
Ein andres vorzügliches Osnabrücker Muster von fast
noch ursprünglicherer Art scheint mir in seinen zwei oberen
Stockwerken ein ebensolches möglichst getreues Abbild seines
Vorgängers zu sein und hat ebenfalls noch die ersten Brand-
mauern (Abb. 9). (Schluß folgt im nächsten Heft.)


Die Anwendung gefärbter Hölzer.
Von Architekt Carl Zetzsche.
n letzter Zeit ist vielfach, namentlich in den kunst-
gewerblichen Zeitschriften, ausführlich dargelegt wor-
den, welche mannigfachen neuen Mittel und Ver-
fahren uns zur Verfügung stehen, um alle nur erdenklichen,
zum Teil ganz neuen farbigen Wirkungen mit den Holzarbeiten
der Möbel, Panneele, Türen, Einbauten, Decken u. s. w. zu er-
zielen. Je mehr diese Bereicherung unsres Könnens gewissen
neueren Geschmacksrichtungen und Bestrebungen entgegen-
kommt, desto näher liegt die Gefahr, daß sie uns in künst-
lerischer Hinsicht zu Irrlümern verleitet, ja vielleicht auf Ab-
wege bringt, die das gesunde künstlerische Schaffen beein-
trächtigen. Deshalb erscheint es wohl angebracht, einmal zu
untersuchen, inwieweit diese chemisch-technischen
Errungenschaften vom künstlerischen Standpunkte
aus anwendungs- und deshalb empfehlenswert er-
scheinen. Denn die sachliche Erwägung, ob deren An-
wendung den für unsre geläuterten künstlerischen Bestrebun-
gen, wie für die zweck- und zielbewußte Kunst jeder Zeit
maßgebenden Grundsätzen entspricht, und nicht die augen-
blickliche Freude am Neuen, noch nicht Dagewesenen, sollte
billigerweise den Ausschlag geben für die Entscheidung, ob
wir die dargebotenen neuen Mittel rückhaltlos oder nur unter
bestimmten Voraussetzungen verwenden dürfen und, wenn
letzteres der Fall ist, wo und wie weit wir von ihnen im ein-
zelnen Gebrauch machen dürfen und sollen.
Wir verlangen ja damit nicht mehr, als was jeder den-
kende Künstler bei allem seinem Schaffen zuerst tun muß
und ganz unwillkürlich — oft unbewußt — immer von neuem
tut. Denn kein Material, sei es noch so schön, und keine
Bearbeitungs- oder Schmuckweise können ohne solche Erwä-
gung bedingungslos verwendet werden ohne Gefahr, daß trotz
der Schönheit an sich Unstimmigkeiten in Bezug auf Zweck
und Gesamtwirkung auftreten. In der richtigen Auswahl und
Anwendung der Mittel liegt eben die künstlerische Meisterung
von Stoff und Technik, ohne die man wohl blenden, aber nicht
organisch und harmonisch schaffen kann. Die Gefahr, in die-
ser Hinsicht starken augenblicklichen Einflüssen über Gebühr
nachzugeben und dadurch auf Ab- und Irrwege zu geraten,
liegt gerade jetzt um so näher, wo die gesamte künstlerische


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