Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 8


Kloster Wettenhausen in Schwaben.

Aufnahme von Matth. Kempfle in München.

Von germanischer Baukunst.
II. Ältester Holzbau.
Von Professor Dr. Albrecht Haupt in Hannover.

Wie ich früher (1904, Heft 10
u. 11) in diesen Blättern
ausführlich darlegte, ist die
älteste germanische Bauweise
ohne jeden Zweifel reiner Holz-
bau gewesen. Und wie Venan-
tius Fortunatus sie beschreibt,
der im 6. Jahrhundert deutsche
Rheinstädte sah und bewun-
derte, verschmähte man durch-
aus jede Beihilfe des Maurers
und des Steinmetzen und be-
schränkte sich rein auf die Ar-
beit des Zimmermanns. Ungemein charakteristisch ist hierfür
auch die Bibelübersetzung des Vulfilas, der das heilige Buch
in die Sprache der Goten übertrug, nicht nur in Bezug auf die
Wörter, sondern auch auf die Begriffe. Da ihm das altdeutsche
Wort für mauern und versetzen fehlte, weil eben der Begriff
dafür mangelte, so errichten bei ihm die »Zimmerleute« den
biblischen Eckstein, und heißt bauen auf Altgotisch einfach
zimmern (timbrjan).
Ist doch der mächtige dunkle Wald die eigentliche Heimat
der Germanen, — und wenn die deutschen Stämme zu einer
Zeit noch frisch und ursprünglich, jungfräulich und in vollstem
Jugendprangen auf die Weltbühne traten, als die gesamte
Kulturwelt bereits greisenhaft und verlebt in sich zusammen-
sank, so dankten sie das ihrem Waldleben, ihrer Liebe zu Hain
und Baum, die den Germanen Gott sei Dank bis heute ge-
blieben ist: die uns auch bis heute noch die frisch-waldige
Heimat gerettet hat, da im romanischen wie griechischen Süden
Europas, was Wald heißt, fast ausgerottet ist.
So ist das wichtigste Baumaterial der Germanen von jeher
das Holz gewesen und das charakteristische bis heute ge-
blieben. So läßt sich auch ihre Eigenart im Bauen und in
der Kunst nur unter fortwährender Rücksicht auf Holzbau und
Schnitzelei verstehen.

Darum ist es vom höchsten Interesse und Wert für unsre
Kenntnis unsrer eigensten heimatlichen Kunst, zu wissen, wie
sich der Holzbau von Anfang an bis zu seiner Höhe entwickelt
hat; denn auch das unterliegt keinem Zweifel, daß nur die
Germanen diese Bauweise zu einer wirklichen künstlerischen
Höhe förderten, — wenigstens soweit uns Europäer die Sache
irgendwie näher angeht. Das Ostasiatentum in seiner des Reizes
nicht entbehrenden Eigenart auch auf diesem Gebiete wird
uns und muß uns trotz aller Bewunderung für seine bemer-
kenswerten Leistungen ewig fremd bleiben. Und gegen die
schon manchmal gemachten Anstrengungen, etwas davon nach
Europa oder gar nach Germanien zu übertragen, kann man
sich nicht nachdrücklich genug wehren. Es sind und bleiben
solche Einfügungen Fremdkörper, die nach einigem Krankheits-
prozesse folgerichtig wieder ausgeschieden werden.
Und doch heischen wir heute noch vergebens eine Ant-
wort auf die Frage: wie sahen unsre ältesten germanischen
Wohnstätten, soweit sie bereits künstlerische Bedeutung ge-
wonnen hatten, nun wirklich aus? Kärgliche Beschreibungen
der ersten bekannten Holzpaläste, z. B. der unzweifelhaft von
ostgotischen Zimmerleuten errichteten prangenden Königshalle
des Attila und ähnlicher Werke, geben uns wohl eine unge-
fähre Idee von der allgemeinen Erscheinung und Gruppierung
der Bauanlage, doch des Näheren nichts, und ermöglichen
keine Anschauung.
So geht es weiter. Selbst vom frühen deutschen Mittel-
alter wissen wir nichts hierüber, als daß seine Städte aus Holz
bestanden und von Fremden bewundert wurden; aber keine
Spur scheint aus jener Zeit und Kunst geblieben. Furchtbare
Brände haben immer von neuem gehaust und alles vernichtet,
was so fernen Tagen entstammte, bis allmählich steinerne Städte
an die Stelle der hölzernen traten, so daß nur noch einzelne
Gegenden ansehnliche Reste der letzten Perioden des künst-
lerischen Holzbaus bewahrt haben, so besonders unser Nieder-
sachsen. Da sind heute noch Goslar, Hildesheim, Braun-
schweig, Osnabrück und andre Städte ragende Zeugen jener


1. Das älteste Haus in Quedlinburg.

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