Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10


Die Stadtkirche
in Meißen.

Wie es schon die
Römer getan,
errichtete man im
Zuge der Mauern
an wichtigen toder
gefährdeten Stellen
Türme als beson-
dere Stützpunkte
und Verstärkungen
für die Befestigung
und zur Beobach-
tung und Beschieß-
ung des Vorgelän-
des. Es waren klo-
bige, die Mauern oft
nur mäßig, manch-
mal auch hoch über-
ragende Türme von
viereckiger oder run-
der Gestalt, deren
Dach wohl während
einer Belagerung
beseitigt wurde, um
auf der Plattform
Raum für die Auf-
stellung von Wurf-
maschinen zu ge-
winnen. Oftmals
traten diese Türme
nach außen halb-
rund vor die Mauer
hervor, während sie
nach innen zu offen
waren, damit von
der Stadtseite aus
das Turminnere
übersehen und der
eingedrungene
Feind beschossen

Aufnahme von Architekt
Arthur Meyerhofer in Davos.

werden konnte.

Diese Stadt bot nun bei ihrer Lage an einem Flusse und
auf leicht hügeligem Gelände mit ihren Mauern und Türmen
einen stattlichen Anblick, und die Anstrengungen, welche ihre
Bürger machten, erweckten in ihnen das Gefühl stolzer Sicher-
heit und die Achtung vor dem Burgherrn schwand. Man be-
trachtete seine Gänge durch die Stadt mit Mißtrauen, als wolle
er ihre Schwächen für einen etwaigen Angriff erspähen. Gerade
war man am Werk, einen schadhaften und den vermehrten
Ansprüchen nicht mehr genügenden Mauerzug durch eine
neue Befestigung zu ersetzen. Die städtische Bauhütte, die
nach dem Vorbild der bei den Kirchenbauten üblichen Ein-
richtung gegründet war, hatte Steinmetzen und Taglöhner an-
gestellt und außerdem waren bußfällige Bürger dazu verpflichtet
worden, einen Teil dieser Arbeiten ausführen zu lassen und
Steine zu liefern. Reges Leben herrschte an der Baustelle,
geräuschvoll brachten die Fuhrleute die Steinfuhren herbei,
unter Bretterhütten wurden die Steine für die Quaderketten,
Tür- und Fenstergewände und die Konsolen des Turmes her-
gerichtet, dessen breit gemauertes Fundament schon seine
Form erkennen ließ. Mit Befriedigung verfolgten die Bürger
die emsige Arbeit und das Gefühl ihrer Sicherheit und ihres
Stolzes wuchs mit dem mächtigen Mauerwerk, das vor ihren
Augen entstand. Man gesellte sich zu den Gruppen der
Zünftler, die das Geschäft der Mauerbewachung mit Müßig-
gang vereinten und mit prahlerischen Reden würzten, indem
ihre Phantasie den Ritter gefangen nahm und ihm eine mehr
oder weniger freundliche Unterkunft wünschte. Dazu hielt

Der Turm.
Eine Betrachtung von Conrad Sutter.
(Schluß.)
man zunächst den »schwarzen Turm« besonders geeignet. Es
war ein runder, überaus starker Turm, aus mächtigen Stein-
quadern gefügt und drei Stockwerke hoch; hinter dem Zinnen-
kranz erhob sich das kegelförmige Dach. Er war wohl der
älteste der zahlreichen Türme; ganz schmucklos, nur für den
praktischen Zweck der Verteidigung gebaut, ragte er finster
auf und spiegelte sein dunkles Gemäuer in dem trüben Wasser
des Wallgrabens, ein Bild der Zeit, wo rohe Kraft vor Recht
ging. Sein unterstes Gelaß, ursprünglich als Waffenmagazin
bestimmt und nur durch wenige Schlitzfenster spärlich be-
leuchtet, konnte als Verlies dienen, in dem der Trotz und
Hochmut des Gefangenen gebrochen würde.
Freilich der »Neuturm« wäre für ein Rittergefängnis ge-
eigneter. Er ist ein gar stattlich Bauwerk mit dicken, ge-
wölbten Zwischenböden im Viereck gebaut Über dem Unter-
geschoß, wo sich der Wehrgang der Mauer anschließt, kragt
das nächste Geschoß aus, und über ihm bauen sich drei hohe
Stockwerke auf. Auf der Stadtseite schmückt ein großes Bild
der Mutter Gottes die Wand. Das oberste Stockwerk steht
auf Kragsteinen nochmals über die untern hervor und vier
Ecktürmchen verleihen ihm besonderen Schmuck und beleben
den Fuß des Daches, das sich über dem Zinnenkranz erhebt,
und mit Lukarnen geziert ist.
Auch war da noch der »Bürgerturm« in behäbiger Run-
dung, von dessen oberstem Stockwerk aus man durch zwei
hohe, gekuppelte, spitzbogige Fenster einen schönen Blick über
die Gassen und Gäßchen der Stadt gewinnt. Ein auf Kon-
solen vortretender Spitzbogenfries umschließt den oberen
Mauerkörper wie eine Halskrause und nimmt den breiten
Zinnenkranz auf, der von vier runden Türmchen erkerartig
unterbrochen wird. Hinter den Zinnen läuft die Plattform her,
und Wasserspeier sorgen für deren Entwässerung. Der ge-
drungene Turmkern erhebt sich nur mäßig über die Plattform,
und nimmt das runde hohe Dach auf, das mit zwei Lukarnen-
reihen besetzt ist. Auf der Spitze dreht sich die kunstvoll
geschmiedete Wetterfahne.
Seht dort den Turmwächter vom »Gautor«, wie er Aus-
schau hält. Jetzt in diesen Friedenszeiten konnte er dort oben
behaglich wohnen und statt nach beutelustigen, die Straße
heraufziehenden Scharen nach dem geflügelten Raubzeug
spähen, das in weiten Kreisen in der klaren Morgenluft den

Straßenbild in Lüneburg. Aufnahme von M. Feller in Cliarlottenburg.


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