Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 1


Landhaus in Bremen-Vahr. Architekten: Runge & Scotland in Bremen.
3. Ansicht von der Straße.
Die Grundlagen des neuen Stils.
Von Professor Karl Widmer in Karlsruhe.
(Vortrag, gehalten auf der Wanderversammlung des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine in Mannheim 1906.)

er Stillstand der lebendigen Stilentwicklung im
19. Jahrhundert war nur das Symptom einer
viel allgemeineren Zersetzung unsrer künstle-
rischen Kultur. Den Gegensatz zwischen Kunst
und Nichtkunst, wie ihn unser modernes
Leben geschaffen hat, haben frühere Zeiten nicht gekannt. Das
Handwerk bildete die natürliche Vermittlung zwischen der Kunst
und allen übrigen Gebieten menschlicher Arbeit. Diesen lebendigen
Zusammenhang hat erst die moderne Technik zerrissen. An Stelle
der persönlichen, auf konkreter Erfahrung beruhenden Arbeit
der menschlichen Hand trat eine unpersönliche, auf abstrakte
Wissenschaft gegründete Arbeitsmethode. Mit der neuen, rasch
aufschießenden Formenwelt, welche sie schuf, wußte die Kunst
zunächst nichts anzufangen. In der Baukunst wirkte außerdem
das schwindelnde Wachstum der modernen Städte mit, wo-
durch das Bauen ebenfalls zu einer Art von fabrikmäßiger Massen-
produktion wurde. So verödeten Architektur und Gewerbe
entweder künstlerisch ganz, oder soweit sie sich ihrer künst-
lerischen Aufgaben bewußt blieben, verloren sie den Zusammen-
hang mit dem gesamten Kulturfortschritt ihrer Zeit und damit
die Quelle einer lebendigen Formenentwicklung. Baukunst
und Kunstgewerbe, auf die Rekonstruktion alter Stile ange-
wiesen, gingen in einem Formalismus auf, der die Form nicht
im organischen Zusammenhang mit dem Inhalt als etwas
Wandelbares betrachtete, sondern als etwas Absolutes, für sich
Existierendes und darum Unveränderliches. Hier haben wir
also die erste und notwendigste Voraussetzung für die Ent-
wicklung eines neuen Stils: Die Kunst muß sich aus ihrer
Isolierung befreien und den Zusammenhang mit der fortschrei-
tenden Kultur ihrer Zeit wiederfinden. In der Einheit von Kunst
und Leben, deren Frucht der Stil zu allen früheren Zeiten ge-
wesen war, müssen wirauch die Grundlage des neuen Stils suchen.

Die Frage, wie weit wir auf dem Weg nach dem neuen
Stil schon gelangt sind, mag heute noch verfrüht sein. Wohl
aber hat sich die im Anfang noch unklare und gärende Be-
wegung heute schon so weit abgeklärt und beruhigt, daß wir die
Richtung, in der sich die gesunden Keime eines neuen Stils
zu entwickeln scheinen, zu erkennen vermögen. Welches sind
nun die Faktoren unsrer modernen Kultur, welche diese Rich-
tung bestimmen? Welches sind die Quellen des neuen Stils?
Entsprechend der Doppelnatur der tektonischen Künste, die
praktisch-materielle und künstlerisch-ideale Aufgaben vereinigen,
teilen sich die Quellen aller Stilentwicklung nach zwei Adern.
Die eine fließt aus der materiellen Umgestaltung der von
der Natur um uns gelagerten Welt der Stoffe zu Zweckformen.
In diesen Zweckformen äußert sich aber gleichzeitig ein eben-
falls Formen und Farben bestimmendes Schönheitsideal, das
mit Ort und Zeit wechselt. Wie in der Wertschätzung mensch-
licher Schönheit jede Zeit ihr eigenes Schönheitsgefühl hat, so
schafft sich der stets wandelnde Zeitgeist in gewissen, von
rein ästhetischen Bedürfnissen diktierten Grundsätzen der ar-
chitektonischen Formbehandlung seinen künstlerischen Aus-
druck. Das sind die psychologischen Quellen der Stil-
entwicklung. Ein andres Schönheitsideal verkörpert uns eine
Ritterdame zur Zeit der Minnesänger, ein andres eine tizianische
Frauengestalt. Das Ideal der klassischen Baukunst ist die Klar-
heit der Symmetrie und die Ruhe in der Betonung der Wag-
rechten. In der Gotik herrscht die Bewegtheit der aufstreben-
den Senkrechten und das malerische Element der unregelmäßigen
Bauweise vor u. s. w.
Die materiellen Quellen der Stilwerdung besitzen von Haus
aus die stärkere Kraft und grundlegende Bedeutung; aber
gerade diese Quellen pflegen von einem gewissen Stadium des
Kulturfortschritts an ihre Kraft zu verlieren. Es liegt das zum


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