Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

Page: 67
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1907/0079
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 8


Wohnhaus des Herrn Karl Finckh in Stuttgart,
Hölderlinstraße. — 1. Diele,

Architekten: Eisenlohr & Weigle,
Oberbauräte in Stuttgart. ■

Wie spotten dieselben Holzkünstler, die sich in den
modernen Phantasiefärbungen nicht genug tun können, doch
so unbarmherzig über die frühere Generation, die bei ihren
beschränkten Mitteln ihrem bescheidenen Schönheitsbedürfnisse
dadurch gerecht zu werden suchte, daß sie statt der unzweifel-
haft künstlerisch zu billigenden Furnierung mit Edelhölzern
ihre kiefernen Türen und Schränke mit Ölfarbe eichen- und
nußbaumholzartig bemalte und maserte. Sieht man ganz un-
befangen genauer hin, wird man einen allzugroßen Unterschied
zwischen Damals und Jetzt kaum ernstlich beweisen können.
Damals suchte man das schlichte Kiefernholz durch Be-
malung scheinbar in Edelholz umzuwandeln. Heut versucht
man dasselbe durch Beizen, was vielleicht etwas »echter« er-
scheinen mag. Aber man verwandelt ebenso unwahrhaft die
Edelhölzer in niemals vorhandene Phantasiestoffe. Man ver-
leugnet vollkommen den natürlichen Zusammenhang zwischen
Farbe und Material, dessen nächstes Kennzeichen ja eben seine
natürliche Farbe ist. Nicht nur das! Man überträgt die den
Edelhölzern eigentümlichen prächtigen Farben auf mindere, die
auch in der Struktur jenen nicht gleichkommen, also man
zerreißt den Zusammenhang der natürlichen Schönheitswirkung.
Oder man versucht künstlich auf Hölzern, die eine schöne
Maserung an sich nicht besitzen, durch allerhand Kunstgriffe
eine solche zu erzeugen, oder wirklich vorhandene ins Über-
natürliche zu steigern, abermals Täuschung und ungesunde
Übertreibung! Es wird doch niemand ernstlich behaupten
können, daß das noch eine gesunde Bereicherung der Mittel
ist. Das ist Raubbau, der sich gegen die gesunde,
wohltuend ruhige Schönheit des vornehmen Materials
ebensowohl richtet, wie gegen unsre immer zappliger
werdenden Nerven und unser immer unsicherer wer-
dendes Schönheitsempfinden.
Es ist gerade so unkünstlerisch, wenn wir jetzt
in der bürgerlichen Wohnung alles, womöglich die
Küchenmöbel, aus farbenprächtigen Edelhölzern her-
gestellt erscheinen lassen möchten, als wenn wir vor
20 Jahren alles mit Rokokoornamenten überklebten.
Früher freute sich der wirklich künstlerisch Empfin-
dende, in seiner schlichten, dem Gebrauch und dem
Besitzstand angemessenen Einrichtung ein schönes
Stück aus edlem, besonders zur Geltung gebrachten
Holz, etwa eine kunstvoll zusammengesetzte Tisch-
platte oder ein schön eingelegtes Kästchen zu haben.
Heute ist der Geschmack der Mehrheit, die immer
wieder — und teilweise gewiß mit vollem Recht —
gegen die Überladung mit Zierformen zetert, gegen die
mißbräuchliche Steigerung in der Verwendung brillan-
ter Holzeffekte so abgestumpft, daß man es dem
besten (?) Großstadtpublikum nicht nur bieten zu

dürfen, nein, bieten zu müssen glaubt, die riesigen
Flächen der Wandvertäfelungen eines Weinsaales mit
den kostbarsten Hölzern zu verkleiden, obendrein noch
mit so scharf als nur denkbar hervortretender Mase-
rung, die wiederum durch blaue Steineinlagen über-
trumpft wird.
Ja, das Empfinden für Materialeigenschaften ist
bereits so weit abgeschwächt, daß man allen Ernstes
als einen besondern Erfolg der chemischen Technik
der Beizkünste, hervorhebt, nun auch Hölzer so färben
zu können, daß sie wie Seidenstoffe »changieren«,
oder man reibt Bronze in die Poren ein, um Metall-
effekte hervorzubringen!
Und das alles nicht etwa für kleine Stückchen
zu Einlegearbeiten, das könnte man sich ja noch gern
gefallen lassen, nein, hübsch en gros! Mit einem Worte,
ebenso aufdringlich wie vor kurzem mit dem Orna-
ment, wird jetzt mit den schönsten Farben- und Struk-
turwirkungen gewirtschaftet. Farbe und Maserung sind
nahe dran, durch die übertriebene Betonung und die
profanierende Anwendung geradeso entwertet und
dem selbständig Empfindenden »verekelt« zu werden,
wie das alte Ornament, dem die neue Kunst noch
so verschwindend wenig wirklich Ebenbürtiges an die Seite
zu setzen vermocht hat.
Von vornehmer, sachlicher Kunst kann da wahrhaftig keine
Rede mehr sein, und da ist es Pflicht, ebenso laut wie die
Vermehrung unsres chemisch-technischen Könnens, die Er-
rungenschaften der Beizkünste gepriesen werden, gegen deren
mißbräuchliche Anwendungen zu protestieren.
Will man Holzarbeiten in einer willkürlichen Farbe er-
scheinen lassen, so benutze man Hölzer, die keine eigentümlich
schöne Naturfarbe haben, und bemale sie deckend, wie es das
Mittelalter in ausgedehntester Weise und mit größtem Geschick
getan hat. Aber man verquicke nicht, wie jetzt, sich von Haus
aus widersprechende Verfahren zur offenbaren Unnatur! Der
Tischler braucht mit seiner Holzbehandlung durch Beizen und
Polieren, die auf das Herausholen der natürlichen eigenartigen
Schönheit gerichtet ist, nicht mit dem Maler und Tapezierer in
Wettbewerb zu treten.
O . ---- ■ ■ o
Beschreibung der Abbildungen.
Tafel 57. Villa des Herrn Kutzschbach in Halle a. S.
Architekten: Th. Lehmann & O. Wolff in Halle a. S.

Die unregelmäßige Form der Baustelle ist im Grundriß möglichst
verdeckt. Im Keller befinden sich die Wirtschaftsräume nebst einer Kegel-
bahn, zu der eine kleine Treppe führt. Das Kegelzimmer ist vertäfelt und
mit Tiroler Bauernmalereien geschmückt, die gewölbte Diele des Erdge-
schosses wegen der ungestörten Benutzung vom Treppenhaus getrennt. Das
Speisezimmer hat Eichenholzvertäfelung und Holzdecke und in der Nische
ein Kamin aus Scharffeuerfliesen von Scharvogel-München zwischen leder-


Wohnliaus des Herrn Karl Finckh in Stuttgart,
Hölderlinstraße. — 2. Diele.

Architekten : Eisenlohr & Weigle,
Oberbauräte in Stuttgart,

67
loading ...