Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 6


Max-Josephbrücke in München-Bogenhausen.

Architekt: Professor Theodor Fischer in Stuttgart.
Ingenieur-technische Bearbeitung: Bauunternehmung Sager & Woerner in München.

große Mehrzahl von minder guten immer

einen zweiten Fall an: Der Ingenieur ist
ganz so sicher, wie er es sein sollte, und

Architekt: Professor
Theodor Fischer
in Stuttgart.

Wenn
stalten
ist er
so einfach sein wie sie will; sie kann erfreuen und kann nach¬
gefühlt werden.
Dieser Fall ist glücklicherweise nicht so selten, wie man
gemeinhin annimmt, und dieser Art zu arbeiten verdanken wir
die besten Ingenieurbauten: eiserne Hallen, Viadukte, Stauan-
lagen, — Werke, die neue Ausdrücke und neue Formen ge-
funden haben, Werke, die wir mit der gleichen Ehrfurcht be-
trachten wie die Pyramiden Ägyptens und die Aquädukte Roms.
Gut und hervorragend ist aber einmal im menschlichen
Leben nur weniges, und neben diesen wenigen hervorragenden
Werken wird eine
entstehen.
Nehmen wir
seiner Sache nicht
glaubt, seine Zweckform dürfe er nicht nackt zeigen, wie sie
sich von selbst ergeben hat.
Er fängt an sie zu verzieren und schulmäßig zu gliedern,
und verdirbt damit meist, was an sich vielleicht gut war. Oder
er geht mit der fertigen Brücke zum Architekten, weil er seine

der seltenste Fall,
darf es einer
den Persön-
diese sind bei
tensodünnge-
Ingenieuren.

3 L
tls vielumstrit-
£ tene Frage
steht heute die nach
einer geeigneten Ar-
beitsteilung zwischen
Architekt und Inge-
nieur bei Ingenieur-
bauten auf der Tages-
ordnung.
Die Frage ist eigent-
lich sehr müßig. Ma-
chen soll es der, der’s
kann.
Im einen Falle wird
der Ingenieur seine
Sache allein machen;
wenn er seine Bauten
nicht nur mit dem Kopf
rechnet, sondern sie
auch als lebendige For-
men fühlt, so braucht
er keinen Architekten.

Sache mit der Zweckform für erledigt hält und alles weitere
als außerhalb seines Tätigkeitsgebiets liegend ansieht.
• Ist der Entwurf an sich gut, so braucht der Architekt nur
dafür zu sorgen, daß er nicht durch schlechte Details verdorben
wird.
Oft steht aber der Architekt dem Ingenieurbau ganz wesens-
fremd gegenüber und glaubt, er müsse ihn in seine Architektur-
schablone hineinzwingen. Bei Eisenbauten ist das schließlich
ganz unmöglich; hier betätigt er sich in überflüssigem Bei-
werk, wenn es ein Ausführungsobjekt ist. Wenn es aber ein
Konkurrenzentwurf ist, so stellt er, um seine Fähigkeiten
zu beweisen, an ein Ende der Eisenbrücke eine phantasie-
volle Ritterburg. — Leider findet sich dieser Typus auch
wieder unter den preisgekrönten Entwürfen zur Fuldabrücke
in Kassel.
Ist nun der fertige Entwurf, mit dem der Ingenieur zum
Architekten kommt, schlecht, so kann der Architekt in dieser
späten Stunde nichts mehr kurieren und steht oft machtlos
einer Aufgabe gegenüber, die er günstig und anregend hätte
beeinflussen können, wenn er von vornherein, bei der ersten
Idee, schon mit dem Ingenieur zusammengearbeitet hätte.
Es wäre zu wünschen, daß der Ingenieur in solchen
Fällen, bei denen er den Architekten zur Mitarbeit heranzu-
ziehen beabsichtigt, immer schon von Anfang an mit ihm zu-
sammenarbeitete.
Eine letzte Möglichkeit des Zusammenarbeitens zwischen
Architekt und Ingenieur ist noch zu erwähnen. Hier ist der
Architekt der Gestaltende, Ideegebende, der Ingenieur der Unter-
stützende, Ausführende. Das ist naturgemäß
denn dazu be-
hervorragen-
lichkeit, und
den Architek-
sät wie bei den

Pfeiler von der Max-Joseph-
brücke in München-
Bogenhausen.
Bildhauer: Heinr. Düll.
er zugleich beim Konstruieren und technischen Ge-
die Form als Form fürs Auge sieht und empfindet, so
ein »Bildender«, ein Künstler. Seine Form mag dabei

Gruppe von der Max-Josephbrücke Architekt: Professor Theodor Fischer
in München-Bogenhausen. in Stuttgart.
Die Luft, Bildhauer: Heinr. Düll.

Neue Brückenbauten.
Von Paul Bonatz in Stuttgart.




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