Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 6

in der schema-

und Eisen als darüber lie-

lb

Das ein-

Fuldabrücke für Kassel.
Entwurf »Gedeckt«.
Brückenanfänger.

Prinzip die gleiche Form wie
Der obere Eisenbogen ist nur durch eine kleine, ausklingende
Kurve um ein geringes verlängert. Wie wenig, und doch wie
wesentlich! Der ganze Bogen erscheint damit in sich ruhend
und als ein abgeschlossenes, in sich fertiges Ge-
bilde. Vermißt wird hier nichts mehr.
fache und materialgerechte Geländer ist von

Bei dem Wettbewerb für die beiden Kasseler Brücken
überwiegen die Eisenkonstruktionen.
Der erste Preis der Hafenbrücke hat die
tischen Skizze 1 dargestellte Grundform mit
beiderseitigen Steinpfeilerabschlüssen wie bei a.
Daß das links gezeichnete schroffe Aufhören
des Eisenfachwerkbogens (b) eine gewisse Härte
hat, ist nicht zu leugnen. Aber es ist immer
noch besser, diese Endigung in ihrer ganzen
Härte bestehen zu lassen, als zu dem rechts
gezeichneten Steinpfeiler zu greifen.
Dieser Steinpfeiler als Endigung einer
Eisenkonstruktion ist der beliebteste Fehler.
In seiner Häufigkeit ist er geradezu stereotyp.
Man hat das Gefühl, als müßte der Eisenbogen bei einem
leichten elastischen Erzittern den Steinpfeiler wie ein leichtes
Rohr zerknicken. Daß der Pfeiler tatsächlich hält, hat dabei
nichts zu sagen. Das Ge-
fühl ist für das künstleri-
sche Sehen ganz allein maß-
gebend, nicht das statische
Nachrechnen.
Pfeiler als Brücken-
endigungen überhaupt, auch
bei Oberbahnbrücken, sollte
man nachgerade auf einige
Jahrzehnte verbieten; sie
haben sich zu sehr zum
hohlen Gemeinplatz ent-
wickelt.
Der in nebenstehender
Abbildung dargestellte Brük-
kenanfänger von Theodor
Fischer (Entwurf zur Hafen-
brücke in Fulda) hat im
der schematischen Skizzen.

Die Brücke zeigt, wie man einen reinen Eisenbau mit
wenigem künstlerisch bewältigt, und die Einheitlichkeit des
Materials ist nicht genügend zu schätzen. Stein ist zum großen
Vorteil des Ganzen völlig vermieden, denn die Kombination
von Stein und Eisenfachwerkbögen ist, wie
schon Fig.la zeigt, ein recht schwieriges Kapitel.
Will man beim Bogen der Fig. 1 Stein am
Widerlager verwenden, so braucht man bei-
nahe eine Masse, wie in Fig. 2 angedeutet, und
zwar trotzdem der Bogen gar nicht schiebt.
So mächtig ist der Kraftausdruck, der einem
Eisenbogen innewohnt.
In Fig. 3 sind alle Schwierigkeiten der
Endigung dadurch vermieden, daß der Bogen
tiefer unten ansetzt.
Die Verwendung von Stein als Zwischenpfeiler, wie in
Fig. 4, ist ästhetisch auch nicht zu genießen. Größere Dicke
würde nicht viel helfen.
Stein ist bei Eisenbrücken eigentlich nur als Unterstützung
zu verwenden. Sobald das Auge, wie in Fig. 5, nur lastende,
keine schiebenden oder elastischen Kräfte fühlt, ist es von der
Vereinigung von Stein als Stütze
gendem Träger völlig befriedigt.
Ein besonders gutes Beispiel
hierfür ist Fig. 6 im Gegensatz
zu Fig. 4.
Wie sieht hier der breit¬
liegende, kaum aus dem Wasser
herausragende Steinsockel sicher
aus! Die ganze Brücke ist in
ihrem Mangel an Zutaten und
ihrer schönen Linienführung eine
Freude für das Auge. (Spree- Fuldabrücke für Kassel,
brücke bei Oberschöneweide, Re- Entwurf »Gedeckt«. Querschnitt,
gierungsbaumeister Karl Bernhard.) Sie ist einheitlich, wirkt
als reiner Ingenieurbau und ist vollkommen.
Für den, der mit den Augen diese Formen nachfühlt, ist
eine derartige Eisenbrücke Zierde und Mittelpunkt im Land-
schaftsbild, so gut wie eine alte Kirche. Sogar an einfachen
Eisenviadukten wie Fig. 5 erfreut man sich, als an großzügigen
Werken der Menschenhand, so gut, wie an andern
offiziell als betrachtenswert gestempelten Werken.
In freier Landschaft stimmen Eisenfachwerkgebilde







Wttrf

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