Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 0

durchsichtige Gerippe
hat etwas Analoges mit
der Struktur der Bäume
und paßt fast auf jeden
landschaftlichen Hinter-
grund.
Wenn aber eine
Brücke innerhalb einer
Stadt liegt, wie die
»Fuldabrücke« in Kas-
sel, und mit der archi-
tektonischen Umgebung
zusammenstimmen soll,
so ist die Verwendung
von offenem Eisenfach-
werk, zumal als Ober-
konstruktion, ästhetisch
sehr bedenklich.
Die preisgekrönten
Entwürfe haben nun
alle eiserne Oberkon-
struktion, weil die Prä-
miierung mehr nach
ingenieurtechnischen
als künstlerischen Ge-
sichtspunkten geschah. — Das ist aber zu bedauern, weil auf
diese Weise die originellsten und künstlerisch mit großem
Abstand wertvollsten Entwürfe von Th. Fischer-Stuttgart und
H. Billing-Karlsruhe (Tafel 46 und Seite 46) nur angekauft
wurden und somit kaum Aussicht auf Ausführung haben.
Beide Entwürfe gehen davon aus, daß ein Zusammenwirken
von Brücke und architektonischer Umgebung nur möglich ist,
wenn auch die Brücke eine gewisse Masse hat.
Beim Fischerschen Entwurf zur Fuldabrücke ist die ganze
Brücke mit oxydiertem Kupfer verkleidet und abgedeckt. Seitlich
öffnen sich die Fußgängerstege nach dem Wasser. Weitere
Öffnungen in den hochgehenden Hauptwänden sorgen für
Licht in dem Brückengewölbe. Die Idee ist neu und über-
raschend und wohl wert, einmal verwirklicht zu werden. Die
Bedeckung von Brücken wird auch von Ingenieuren aus prak-
tischen Rücksichten als Schutz gegen Feuchtigkeit empfohlen.
Der Entwurf »Denkmalpflege« von Billing vermeidet
jeden Oberbau vollkommen. Bei der geringen Höhenent-
wicklung wäre eine solche Lösung im Prinzip wohl die
günstigste. Leider hat sich das wasserbautechnische Gut-
achten gegen die Mittelpfeiler ausgesprochen, die am Rand
der Ladestraße und somit im Hochwasserprofil stehen.



Die Brücke ist eine

Betonbogenbrücke mit
Steinverkleidung. Das
Verhältnis der Bögen
zueinander, Pfeileraus-
bildung und Stellung der
Plastik sind sehr glück-
lich. Die ganze Ansichts-
fläche, Wölbung und
Brüstung einbegriffen,
bildet eine Ebene und

bietet durch die

Vermeidung wei-
terer Unterteilung
eine genügende
Masse.

Die weiter ab¬

gebildete Max-
Josephbrücke
(Spannweite 64 m)
in München-Bo¬

genhausen wurde
von Professor Th.
Fischer als Ar-

Pfeiler von der Max-Joseph- Architekt: Professor
brücke in München- Theodor Fischer
Bogenhausen. in Stuttgart.
Bildhauer: Prof.Jos. Floßmann.

chitekten und der Bauunternehmung Sager & Woerner im
Jahre 1901 in München ausgeführt. (Seite 45 und 47.)
An feiner Linienführung und sicherer Formengebung sucht
sie wohl ihresgleichen. Die Brücke hat wie kaum eine andere
Schule gemacht und war für viele jüngere Brücken schon vor¬

bildlich.

Die körperliche Eigentümlichkeit des Steinmaterials ist in
ganz merkwürdigerweise überall herausgeholt und in plastischem
Schmuck wie in architektonischer Detailform bis hinab zur
Fugenteilung und der Oberflächenbehandlung zum Ausdruck
gebracht.
Bei der umstehend abgebildeten Wallstraßenbrücke in
Ulm, zu der ich selbst die Details zeichnete, war die Arbeit
des Architekten verhältnismäßig leicht. Der konstruktive
Entwurf des Ingenieurs (Generaldirektion der Kgl. Württem-
bergischen Staatseisenbahnen, Oberbaurat Neuffer) hatte in
Bogenform und Fahrbahnkurve eine so glückliche Linien-
führung, daß eigentlich nur mehr Einzelheiten anzugeben
waren.
Die Brücke ist eine reine Betonbrücke mit drei Gelenken
und 65 m Spannweite. Sie ist eine Eisenbahnüberführung und
spielt im Städtebild keine so wichtige Rolle wie die oben
besprochenen; die Gesamthaltung ist deshalb sehr einfach.

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Treskowbrücke zu Oberschöneweide bei Berlin.

Entwurf: Regierungsbaumeister Karl Bernhard in Charlottenburg.

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