Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12




Haus zu Ripen.
Aus »Gamle Darske Hjem« von R. Meiborg.

Diese Bauart für uralt zu halten hat man deshalb Grund, weil
sich ihre Überbleibsel so weit verbreitet im Norden finden: an
den Küsten der Ostsee (zu Heiligenhafen ist ein Speicher noch
von 1766), zu Tondern, Boitzenburg, Braunschweig. Die Balken,
festgespannt, dienen zugleich als Anker. Die Verwandtschaft mit
dem Schiffbau liegt auf der Hand. Denken wir uns aber den unteren
Raum weg, und den oberen zum Wohnen eingerichtet, so bleibt
ein Gelaß, völlig gleichartig jenen allerältesten Wohnräumen,
dergleichen noch in wenigen Beispielen in Schonen, der süd-
lichen, vordem dänischen Halbinsel Schwedens, zu finden sind.

im Aussterben.
Das Charakte-
ristische ihrer
Bauart besteht
darin, daß sie
innerhalb der
Umfassungs-
wände einen
einzigenRaum
bieten, der, wie
es die hansea-
tischen Kauf-
herrnhäuser
im großen zei-
gen, teils in
voller Höhe
benutzt wer-
den, teils auch
durch einge-
zogene Dek-
ken und Wän-
de in Räume
von beliebigen Höhen geteilt werden mag. Die Enden der Deck-
balken für die Zwischenböden sind im Inneren des Hauses auf
Konsolen gelegt, die an den verschiedenen Ständern angeschlagen
sind; meist aber gehen sie durch diese durch, stehen nach außen
vor, und das vorstehende Ende wird durch einen Keil oder
mehrere festgemacht. In schlechten Bauten sind sie auch wohl
einfach in der Wand eingemauert. Sind die Häuser niedrig,
so erspart man sich gewöhnlich, wie in dem Beispiel von Köge,
die Dachbalken und gewinnt einen um so größeren Dachraum.
Zur Ausschmückung ladet diese Bauweise wenig ein. Es ist
mir nur ein Beispiel bekannt, in dem auch nur die vorstehenden
Zapfen eine gewisse kunstmäßige Betonung erfahren haben:
zu Oldenburg im Ammerlande; hier hat jeder Zapfen zwei
Pflöcke und ein niedliches Schutzdach (Abb. auf S. 102).

Haus zu Odensee.
Die moderne evangelische Kirche.
Von M. Escherich.
»Ein bestimmt entwickeltes religiöses Bedürfnis einer größeren Allgemeinheit:
das ist die Voraussetzung für die Blüte der kirchlichen Baukunst. Ohne diese
findet sie sich immer in einem Zwiespalt und ist sich selbst ein Widerspruch.«
O. Honseil: »August Reichensperger und der Kirchenbau der Renaissance«.
(Nette Heidelberger Jahrbücher 1903.)
Jber die Notwendigkeit eines deutschen evangelischen Sakral-
stils ist in den letzten Jahren manches geschrieben worden.
Das Schreiben tut’s freilich nicht. Aber ganz unwesent-
lich ist es auch nicht. Die Taten werden durch Ge-
danken geboren.
Man ist sich längst darüber klar, daß die katholi-
sche Bauweise für das protestantische Gotteshaus nicht
paßt. Sie ist ein Notbehelf, wie es einst die antike
Basilika für die Christen der ersten Jahrhunderte war.
Aber Notbehelfe sind oft für die Entwicklung von
Jahrhunderten entscheidend, und niemand muß öfter
aus der Not eine Tugend machen, als der Architekt.
Wie einst die deutschen und französischen Bau-
meister sich mit der Antike abgefunden haben, wie
sie die basilikale Form als feststehende Überlieferung
und Grundlage annahmen und daraus dann Neues
entwickelten, den romanischen und den gotischen Dom,
so muß auch für den protestantischen Kirchenstil ein
Abfinden mit der katholischen Bauweise zu stände
kommen, kein Verwerfen, sondern ein Weiterentwickeln
der Überlieferung.
Wir haben es heute leichter als jene damals. Das
Christentum kam als etwas ganz Neues, Fremdes in
die klassische Welt, und es bedurfte darum ziemlich
eines Jahrtausends, bis sich eine selbständige christ-
liche Architektur entwickeln konnte. Nicht in dem
Maße befremdend trat der Protestantismus gegen den
Katholizismus auf. Die Extreme waren durch eine ge-
meinsame Grundlage, die christliche Idee, verknüpft.
Darum bedarf es auch nicht der Entwicklung eines Jahr-
tausends, um zu einem protestantischen Stil zu gelangen.
Der Hauptirrtum der zahlreichen Streit- und Pro-
pagandaschriften, die in den letzten zwei Jahrhunderten
für und wider die Sache geschrieben wurden, liegt in
der falschen Beurteilung der Entwicklung des Kirchen-
baues überhaupt. Einseitiger Konfessionalismus trübte
vielfach den Blick. Leidenschaftliche Stellungnahme
gegen das Katholische trieb dazu, dieses in seinem

Haus zu Koldingen

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