Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12


schöner Anwendung. —
Dies Rad spielt unter den
Verzierungen der Fach-
werkbauten der Renais-
sance wie anderswo so
auch hier eine große
Rolle*). Es wird dazu be-
merkt, daß das Motiv an
sich schon älter, sogar ur-
alt sei; man findet es auch
schon an romanischen
Werken in Dänemark, und
wenn man ganz weit zu-
rückgehen will, in Assy-
rien und Babylonien
stets in geänderter Aus-
stattung. So wirdes auch,
solange es eine Verzie-
rungskunst gibt, stets
wieder sich anbieten, und
nicht aussterben.
Will man sich gerne
ein wenig solchen Rück-
Haus zu Ripen, Fischergade. blicken hingeben, so ist
auch das Motiv der Jagd, wenn auch nicht der Jagd mit dem
Schießgewehr, unsterblich, stammt aus Ägypten und Assyrien.
Unsere Alten haben die Jagd besonders oft auf Taufsteinen an-
gebracht — die Taufsteine liefern zu unsrer Kenntnis ältester
Plastik den meisten Stoff. Auch die angelsächsischen Vögel und
den assyrischen Lebensbaum wird man hier erblicken, sowie den
Drachen. Statt der Laub- und Ornamentfriese sind Inschriften
nicht selten (Auswahl bei Meiborg S. 52, fast immer dänisch, doch
auch oft in der für vornehmer erachteten deutschen Kultursprache).
Wenn uns das Beispiel von Odensee etwas goslarisch
anmutet — auch mit Gold und Farben hob man kräftig die
Wirkung hervor und ergänzte sie —, so ist das noch mehr der Fall
bei einem schönen Hause zu Koldingen, welche Stadt reich war
an ganz ausgezeichneten Beispielen solcher Kunst aus der Zeit
des ausgehenden sechzehntenJahrhunderts, da hier die Könige
wohnten; sie hat auch überhaupt den deutschen Einströmungen
am nächsten offen gestanden.
Eine eigentümliche Bildung, noch dem Mittelalter ange-


Haus zu Ripen, Storegade.
im Gegenteil geringer, als man es in Deutschland oft findet
und für schön oder zulässig hielt, und beträgt nur 30, höchstens
50 cm. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts ist das Über-
kragen überhaupt verboten worden, womit dann der freien,
reichen Entwicklung der Fachwerkbaukunst der Nerv abge-
schnitten war. Denn gerade die Knaggen und Füllhölzer boten
ja der Verzierungslust und der charaktervollen Betonung der
Konstruktion das beste Feld.
Jene Betonung der Vertikalen bei der Stützung scheint gerade

hörig, zeigt sich in den Apostel-
häusern. Unter den Knaggen
sind die Gestalten Christi und
der Apostel angebracht; unter
diesen sind wieder Konsolen er-
forderlich. Das bedeutendste
Beispiel ist zu Nästved auf See-
land; ein andres ist in den Resten
des Grauen (Franziskaner-) Klo-
sters zu Flensburg erhalten. Es
finden sich auch andre Figuren
in ähnlicher Verwendung, so aus
früher Renaissancezeit an einem
Hause zu Malmö in Schonen,
ferner an einem Hause vor dem
Grauen Kloster zu Flensburg.
Es ist hie und da auch wohl
die Knagge selbst sehr in die
Länge gezogen.
Dieselbe Betonung des Ver-
tikalen ist bereits in mehreren
der oben gegebenen Beispiele
bemerkbar gewesen. An ihr ist
nicht schuld der Umstand, daß
der Vorsprung der oberen Stock-
werke sehr stark wäre. Er ist

*) In voller Rundung fanden sich
die Räder am Propsteihofe zu Haders-
leben. Siehe Baudenkmäler Schles-
wig-Holsteins 1, S. 357.

Haus zu Randersen.


das Nationaleigentümliche däni-
scher Fachwerkbaukunst zu sein.
Sie findet sich besonders deut-
lich zu Köge zur Erscheinung
gebracht. Das Vorkommen er-
innert aufs lebhafteste an die bei
den Dänen in der romanischen
Zeit beliebte, in den ältesten Zie-
gelbauten angewandte Stützung
der Dachfriese durch solcherlei
Stelzen. Daß diese Gestaltung
aus dem Holzbau herstammen
muß, ist außer Zweifel. So hat
dies Motiv, vom nationalen Holz-
bau ausgehend, sich schließlich
im Holzbau auch noch ausgelebt.
Das letztgegebene Beispiel
bietet noch zu einer Anmerkung
Anlaß. Es ist unter den hier ge-
botenen das einzige, das dem
Typus der Hallenhäuser nahe-
steht; aber man würde irren,
wenn man danach aus dem Bilde
dieser Fachwerkbaukunst das
Hallenhaus ausschlösse. Dieses
ist seiner Natur nach weitaus
schlichter, als die in Stockwerke
gegliederten Gebäude; das Ge-
präge der Hallenhäuser ist durch-
weg altertümlich und sie sind

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