Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 1

beit. Das Bürgertum beherrscht die moderne Kultur, und ein
nüchterner Kampf ums Dasein bestimmt den ganzen Zuschnitt
des Lebens. Der bezeichnendste Ausdruck des modernen Zeit-
geistes ist die Maschine: die klassische Schöpfung konse-
quentester logischer Zweckbestimmung, die einzige durchaus
originale Stilschöpfung unsrer Zeit. Sie trägt ihre eigene
Möglichkeit künstlerischer Wertung in sich, aber erst allmäh-
lich lernte man diese Art von Schönheit verstehen und im
künstlerischen Sinne fruchtbar zu machen. Aus dem gleichen
Geist heraus wurde ein modernes Gewerbe geboren, dessen
Erzeugnisse den wichtigsten Faktoren des modernen Fort-
schritts: dem Verkehr, der Technik, der exakten Wissenschaft
dienen. Von dem Ozeandampfer und der Schnellzugsloko-
motive bis zum anatomischen oder optischen Instrument tragen
sie alle den gleichen Charakter knappster, sachlichster Zweck-
mäßigkeit. Durch sie fand der Geschmack an der Einfachheit
seinen Weg allmählich vom reinen Nutzgegenstand in das
Kunstgewerbe. Nehmen wir irgend einen Gegenstand des ein-
fachen Gebrauchs oder des reicheren Luxus, eine Lampe, eine
Uhr, ein Glas, ein Messer: alles was früher, um »künstlerisch«
zu sein, irgend eine Verzierung tragen mußte, gefällt uns heute
am besten in der einfachen Eleganz der glatten Zweckform.
Und der gleiche Geist beherrscht die Entwicklung der heutigen
Baukunst. Wir streben immer entschiedener einem konstruk-
tiven Stil zu, dessen Wesen Wahrheit und sachliche Einfach-
heit ist: die Form als knapper, klarer Ausdruck des Zwecks
und als Träger der künstlerischen Schönheit die Proportionen
der konstruktiv bedingten Teile: der Flächen und Stützen; also
einem Proportionalstil, dessen Entwicklung sich unter der
Parole »los vom Ornament« vollzieht. Jene Richtung, die den
»modernen Stil« in Erfindung neuer Ornamente, gesuchter Will-
kürformen gefunden zu haben glaubte, hat sich in Wegen und
Zielen der modernen Kunst gründlich geirrt.
So haben also die beiden Extreme unsrer modernen Kultur:
Technik und Kunst einen inneren Zusammenhang gefunden. Ihre
Weiterentwicklung auf dem Boden eines gemeinsamen
Schönheitsbegriffs ist der Anfang einer neuen künst-
lerischen Kultur, welche Geist und Richtung des
neuen Stils bestimmt. Daraus ergibt sich die Wichtigkeit
einer künstlerischen Erziehung für den Ingenieur, der als Tief-
baumeister, Maschinenbauer, Schiffsbauer, Brückenbauer einen
immer wachsenden Einfluß auf die Gestaltung der uns umgeben-
den Welt gewinnt. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß das
Zweckmäßige an sich und unter allen Umständen noch nicht das
Schöne ist. Eine eiserne Brücke kann sehr zweckmäßig sein und
doch die Natur entstellen. Es ist eben Aufgabe eines künstlerisch
geschulten Proportionsgefühls, die in der Zweckform keimenden
Schönheitswerte zu entwickeln. Daß aber zwischen beiden eine
innere Verwandtschaft besteht, das beweist schon die Tatsache,
daß die technisch vollkommenste Maschine auch die schönste ist.
Es ist bezeichnend für das bürgerliche Wesen unsrer
Zeit, daß die moderne Bewegung in der bürgerlichen
Wohnkunst zuerst den sicheren Boden einer einheitlichen
Entwicklung gefunden hat: sie liegt in der Anknüpfung an
die Empire- und Biedermaierkunst, da wo der Faden der
lebendigen Tradition seinerzeit abgerissen ist und wo für den
modernen Geschmack zugleich das Vorbild geistesverwandter
Einfachheit gegeben ist. Von Darmstadt nach Dresden führt
hier der deutliche Weg einer steten Klärung der Anschauungen
in diesem Sinne. Im Äußern des Wohnhauses scheint die
Entwicklung nach einem Ausgleich der im mittelalterlichen
Wohnhaus gegebenen Motive mit dem Geist des Biedermaier-
hauses zu streben. Auf viel weniger sicherem Boden steht
unsre heutige Monumentalarchitektur. Hier herrscht noch
immer der Eklektizismus, wenn auch neuerdings die kon-
struktive Einfachheit der klassischen Stile wieder entscheiden-
den Einfluß gewinnt. Daß sich auch auf der Grundlage eines
konstruktiven Stils jede Steigerung und Bereicherung der
künstlerischen Wirkung erreichen läßt, das liegt schon in
dem Reichtum der Mittel, welche die Farbe an die Hand
gibt. Dazu kommt die Wahl reicherer und edlerer Materialien
(womit z. B. die Wiener Werkstätten in ihrer Raumkunst bei

der raffiniertesten Einfachheit das denkbar Üppigste von Ge-
schmackskultur erreichen). Ferner die Möglichkeiten, die in
der Formgestaltung selbst liegen:»die Flächendifferenzierung,
die Massengruppierung, die Raumdifferenzierung, die Ge-
schlossenheit der Wand, die Auflösung der Fläche wie beim
Warenhaus u. s. w. Eine künstlerische Kultur, die sich auf der
Grundlage konstruktiver Einfachheit und zweckentsprechender
Sachlichkeit entwickelt, ist denn auch dem modernen Menschen
in seiner äußeren Erscheinung wie in seinem inneren Wesen
verwandt. Hier haben wir eben einen weiteren Fingerzeig
dafür, daß die Bewegung nach dem neuen Stil auf das hin-
strebt, was wir als die Grundlage jeder lebendigen Stilent-
wicklung bezeichnet haben: auf die Einheit von Kunst und
Kultur, einen universalen Stil des Lebens.

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Architekt: K. E. Scherz in Blasewitz.

Kapelle für das Ehrlichsche
Oestift in Dresden.

Feste Richtpunkte für den protestantischen
Kirchen bau.
er zweite Kongreß für protestantischen Kirchenbau hat
in Dresden programmgemäß und unter lebhafter Be-
teiligungverschiedener Kreise stattgefunden. Bestimmt
umrissene Leit- und Streitsätze oder scharf geprägte Beschlüsse
sind dabei nicht zu stände gekommen. Wer dadurch etwa ent-
täuscht sein sollte, möge bedenken, daß die Einberufer des Kon-
gresses sich wohl gehütet haben, mit solchen Vorschlägen den
Erfolg der Beratungen von vornherein in Frage zu stellen; »eine
Aussprache über die Frage der künstlerischen Gestaltung
der evangelischen Kirche, sowie über die Stellung der Malerei,
Bildnerei und des Kunstgewerbes innerhalb dieser Ausgestal-
tung zwischen Theologen, Künstlern und Kunstfreunden her-
beizuführen, deren Ziel die Forderung eines zeitgemäßen kirch-
lichen Schaffens ist,« — das wurde in der Einladung als
Zweck des Tages bezeichnet. Somit bleibt es jeder der
Schwesterkünste unbenommen, aus den Verhandlungen sich das
anzueignen, was ihr gut und richtig deucht; es sind fast immer
anerkannte Autoritäten, auf die sich diese Ansichten und Grund-
sätze stützen können, bald aus dem Lager der Theologen,
bald aus dem der Künstler oder Kunstkenner.
Wenn hier das Fazit solcher Art nur für die Baukunst ge-
zogen werden soll, so kann das — abgesehen von persönlichen
und Raumrücksichten — ohne weiteres damit gerechtfertigt



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