Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7


Alkazar in Sevilla. — Frauenhof. Eingang zum Saal der Gesandten,

brunnen herab und plätschern leise, die gefiederten Gäste der Bäume zu
schmetterndem Gesang anregend; Wasserpflanzen breiten ihre schwim-
menden Blätter auf der spiegelnden Fläche und öffnen ihre weißen und
farbigen Blüten den Sonnenstrahlen, die sie in Düfte verwandeln. Stunden-
lang saß hier Philipp V. in Schwermut verfallen und hielt umnachteten
Geistes die Angel in der Hand, im Wahn, sich hiermit mönchischer Be-
schaulichkeit zu widmen und sein ewiges Heil zu fördern.
Die Galerie Don Pedros, von maurischen Architekten aus Granada
erbaut, ist eins der eigenartigsten Denkmale maurisch-spanischer Kunst.
Wie kein anderes paßt dies Bauwerk zu den Gärten, wie diese zu ihm
passen. Was spanische Meister in späterer Zeit änderten, ist keine Ver-
besserung des im arabischen Geiste entworfenen Bauwerks, das, nach außen
geschlossen, seine Innenseite in einer langen Reihe rauh umrissener Rund-
bogen zwischen schlanken Säulen nach den Gärten hin öffnet. Bogen und
Mauern sind aus groblöcherigem dunkelbraunem Gestein, wohl einer Art
glasig schaumiger Lava, erbaut, mit weißen Zwischenlagen. Die Säulen,
auf denen die Bogen ruhen, mußte das römische Amphitheater von Italica,
der unfern Sevilla gelegenen Heimat Kaiser Trajans, hergeben: eine
wunderbare Vermengung von Grottenbau und Säulenhalle in einer An-
ordnung, als ob dichter brauner Pflanzenwuchs in regelmäßigen Formen
alle Wände bedeckte, das Weiße der Säulen und Wände nur durch Spaliere
durchschimmerte;
und der Eindruck
verstärkt sich durch
die Anlage von
dichten flachen
Orangenschirmen,
mit denen die
Wände bis auf ein
Drittel der Höhe
im glänzend dunk-
len Grün des präch-
tigen Laubwerks
bekleidet sind. Die
Wandelbahnender
Galerie finden ihre
Fortsetzung in de-
nen des Alkazar;
von den Porzellan-
bänken der Log-
gienreihen, zwi-
schen den Säulen-
stellungen der Ga-
lerie hindurch und
von dem Garten-
hause, in dem die
Galerie Don Pe-
dros endet, bieten
sich entzückende
Aussichten auf die
Gärten zu den
Füßen des Be-
schauers, und von
Aus »House and Garden«.

Gärten des Alkazar in Sevilla.
Eingang zu den Gemächern der Maria de Padilla.


der flachen Dachterrasse aus schweift der Blick in weite Ferne über die vom
Strom umfangene Stadt hinweg in die Landschaft, in der das dunkle Smaragd-
grün der Feigenbäume mit dem Blaugrün der Agaven und dem Silbergrau der
Oliven sich am Horizont im Purpurblau des andalusischen Himmels verliert.
Die mittlere Gartenterrasse ist in zwei Reihen großer quadratischer
Beete, jede Reihe zu vier Beeten, eingeteilt. Auch bei diesen sind die
wichtigen Punkte: Ecken, Schnitte der Achsen, Mittel- und Kreuzpunkte
durch hohe Palmen mit mächtigen Stämmen und Kronen, durch Bassins
mit Springbrunnen oder Bäume auffallender Form und regelmäßig geformte
immergrüne Sträucher betont. Auch hier sind die Wege mit bunten mau-
rischen Fliesen in lustigen Mustern, mit Sternen, Halbmonden und Sonnen-
kreisen belegt; die Beete sind von mittelhohen Myrtenhecken begrenzt
und in kleinere Beete: kreisrunde, dreieckige, Eckstücke und schmälere
Rabatten eingeteilt, die mit niedrigen ßuchsbaumkanten eingefaßt sind. Aus
diesen immergrünen Einfassungen ließ Karl V. die heraldischen Figuren
seines Wappens ausschneiden und erfreute sich an ihrem Anblick wie an
den Formen der Adler, Löwen, Kreuze und Kronen, mit denen er die
Teppichbeete bepflanzen ließ. Allerdings ist von diesen Spielereien nichts
erhalten geblieben; die üppige südliche Vegetation und die Fülle ver-
schieden gestalteter Planzenformen entschädigen aber mehr als reichlich
für ihren Fortfall. Die Vorliebe für den Buchsbaum tritt hier deutlich
hervor. Wie im Garten des Klosters Palmen und Zypressen als Symbole
himmlischen Aufschwungs am Platz sind, so in den Gärten der Schlösser
und Paläste der Buchsbaum; er ist für den Spanier eine aristokratische
Pflanze; er wächst nicht wild oder in den Gärten des niederen Volkes;
nie verliert er die Blätter und verunziert den Boden mit abgefallenem
Laub. Unverändert bleibt er zu jeder Jahreszeit im warmen Spanien, wo
kein Winterfrost seine Blätter bräunt, unverändert, als gäbe es für ihn
keinen Wechsel der Zeiten. Zu den am auffälligsten hervortretenden Formen
der Palmen mit ihren rauhen dunkeln Stämmen und den stolzen gefieder-
ten Wedeln gesellen sich die breitästigen, hohen australischen Araukarien
mit ihren gezackten oder feinnadeligen Ästen, die dunkeln Zypressen und
Zedern, immergrüne Lorbeerbäume und Steineichen, mit weißen oder roten
Blüten bedeckte Oleander, Granatbäume mit leuchtend roten Blüten, japa-
nische Mispelbäume mit goldgelben Früchten, Caroubenbäume mit den
braunen Schoten des »Johannisbrots« zwischen schön gefiederten Blättern,
Pompeimusen mit menschenkopfgroßen, aromatisches Zitronat hergebenden
Früchten, Bananen mit schweren grünen Frucht- und braunroten Blüten-
büscheln, palmenähnliche Zycadeen und feingefiederte, mimosenartige, von
gelben oder hellvioletten Blüten überdeckte Akazien, deren zarte Blätter
jeder Windhauch in Bewegung setzt. — Starkduftende Eukalypten und
zierlicher Bambus, das herrlichste Produkt der Tropen, der Pfefferbaum
mit hellgrünen zartgefiederten Blättchen an den hängenden Ästen und
Trauben kleiner, hellroter, pfefferiger Fruchtbeeren verdeckt im Verein mit
den karmesinroten Hochblättern der Bougainvillien die aufsteigenden Wände.
Von allen aber ist der prächtigste der Judasbaum, wenn die noch laubfreien
Zweige über und über mit Blüten bedeckt sind, die sogar aus der Rinde
des alten Stammholzes entspringen, so daß der ganze Baum wie ein ein-
ziges Blumengewinde von rosenroter Farbe erscheint. — Wenn der Baum,
ganz in Blüten gehüllt, seine rosenfarbigen Äste über die weißen Sterne
des Chrysanthemum neigt und gelbblütige Rosen die roten Äste erklimmen,
hochrote Geranien, duftendes Heliotrop, bunte Nelken, helleTeerosen und Re-
seden sich hinzugesellen und das Ganze sich gegen schlanke Bambusen, die
wie Federbüsche in die Luft ragen, und gegen die dunklen Fächerpalmen ab-
hebt, gleicht das bezaubernde Bild der bunten Farbenwildnis des Kaleidoskops.
Niedriger als jene Hochbäume, doch immer noch stattlich erscheinen
die in den Beeten verteilten kräftigen, dickfleischigen Agaven, die ihre Blüten-
schäfte bis zehn Meter hoch in die Lüfte recken, phantastische mit spitzen
Stacheln bewehrte Opuntien, die dichten Büschel des Pampasgrases, groß-
bliitige Malvensträucher, zinnoberrote schnabelförmige Korallenblüten tra-
gende Erythri-
nen, während
duftende Ros¬
marinbüsche
und aromati¬
sche hohe La¬
vendelstau¬
den die Luft
mit Wohlge¬
ruch erfüllen.
Von den un¬
zähligen sich
nurflach über
denErdboden
erhebenden,
durch Blüten¬
reichtum, Ge¬
stalt und
Größe, Duft
und Farbe der
Blüten sich
auszeichnen¬
den Pflanzen
fallen beson¬
ders die Fett¬
pflanzen auf
wegen der
Größe und
Farbenpracht
ihrer Blüten
und der saft¬
strotzenden
wunderlich
geformten
dicken, wie
mit Silbertau

<0 10 iO +0 5,0


A Eingang. B Palast über dem Garten der Maria de Padilla. C Gemächer der
Maria de Padilla. D Galerie Pedros des Grausamen. E Obstgarten. F Gartenhaus.
GTeich. HBadJohannasderWahnsinnigen. IPavillon KarlsV. K Labyrinth KarlsV.


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