Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 9

sein, auf dem
seiner Zeit und seines Standes gemäß mußte es die Burg sein,
deren beherrschende Lage ihm den Wegzoll sicherte, deren Un-
zugänglichkeit sie zur sicheren Stätte machte, der er seine Fa-

Der Wartturm zu Andernach.
Aufnahme von Architekt Arthur Meyerhofer
in Davos.

ihr herabschwebender Trauergesang, unsre Freude
jubilieren sie in die Lande hinaus. Aus ihren Augen
schauen wir weit in die Ferne, wie in die Un-
endlichkeit, und hoch herab auf das nun über-
sehbare, vielmaschige Netz der Wege, als ob
wir — aus der Höhe zwischen Himmel und
Ercje __ die Irrgänge des Lebens überblicken
könnten.
Einst, zur Jugendzeit der Erde, so geht die
Sage, wollten die Menschen einen Turm bauen,
»dessen Spitze bis zum Himmel reiche«. War
es nur kühnes Vermessen, für das sie von
Jehova durch die Sprachverwirrung gestraft
wurden, oder hat Babel dem Nebo, dem Wäch-
ter der himmlischen Heerscharen, mit diesem
Wunder technischer Energie und baukünstleri-
scher Fähigkeit einen Tempel errichten wollen
an der Pforte des Himmels?
Ein Turm ragt aus den grauen Nebeln der
Sagezeit in die frühesten geschichtlichen Er-
innerungen der Menschheit hinein. — Wohl
eines der mächtigsten Denkmäler der Baukunst
war Babylons Turm. Aus dieser Metropole der
Alten Welt, wo man die Tempel als Türme er-
richtete, um der Gottheit näher zu sein, mag
der dort zu- und abflutende Strom der Men-
schen die Kunst des Turmbaus weiter getragen
haben in ferne Lande. »Pyrgos«, der Turm der
byzantinischen Griechen und der zyklopische
Turm der kleinen Römerkastelle, »burgos« genannt, sind Glieder
in der Kette der Geschichte des Turmbaus. Dem Abendland
aber und vornehmlich der Baukunst des Mittelalters war es Vor-
behalten, den Turmbau auf die höchste Stufe baukünstlerischer

ein scharfer Aufstieg im unbetretenen, weichen Schnee
und zwischen den hohen Baumstämmen steht, wie
plötzlich aus der Erde gewachsen, rauhes, dunkles,
vielfach geborstenes Gemäuer, auf dessen Absätze
und Gliederungen der Schnee seine Linien ge-
zeichnet, um dessen Risse und Wunden er
weiche Hüllen gelegt hat. Es ist ein längst
verfallener Rittersitz. Einst, als die Wälder noch
im großen Zusammenhang sich über die Berge
und bis hinunter an den Saum der breitgelager-
ten Wiesen erstreckten, durch die das viel-
fach sich windende Flüßchen auch dem Saum-
pfade den Weg zeigte, zog -— auch im tiefen
Schnee zur Winterszeit — ein Jägersmann mit
seinen Rüden, gefolgt von wenigen Knechten,
die die Jagdbeute trugen. Wo sich an der
Waldblöße ein kleines Plateau auftat, das von
mächtigen Felsblöcken umzogen war, die den
Berghang hinunter, wie ein erstarrter Wasser-
fall, schroffe, unzugängliche Wände bildeten,
rastete, wie schon oft, der Jäger. Mit scharfem
Auge prüfte er die Stätte, schaute hinaus in
die Ferne, hinunter in die Tiefe und rückwärts
auf den von Felsengeröll durchzogenen, schma-
len Berggrat, der zur nächsten Höhe hinüber
führte und mit mächtigen Bäumen bewachsen
war, die ihre Äste weit verzweigten, hinter
deren tausendfältigem Gewirr der golden leuch-
tende Abendhimmel stand. Das sollte der Platz
er sein festes Haus errichten wollte. Der Sitte



milie, sein Gut anvertrauen, wo er seine persönliche Freiheit
verteidigen konnte. Noch manche Stelle gab’s in diesen Bergen,
die für die Unternehmungslust und die Sicherheit an Brauch-
barkeit mit dieser wetteiferten, aber keine war so sehr von
der Natur bevorzugt, war so dazu geschaffen, die zu errichten-
den Mauern in Einklang zu bringen mit dem festgefügten ge-
wachsenen Boden der Natur, wie diese. Von Jugend auf ge-
wöhnt, in einer Umgebung zu leben, die sich ganz den Lebens-
bedürfnissen anpaßte, aber auch
so gestaltet war, daß sie seinen
natürlichen Sinn für Schönheit
weckte und unbewußt festigte,
stand ihm das Bild des fertigen,
mauerumwehrtenWohnsitzes, den
er hier errichten wollte, vor Augen.
— In der Stadt war ihm ein Mei-
ster bekannt, der in den bilden-
den Künsten bewandert war und
den Befestigungsbau als sein
zünftiges, bürgerliches Handwerk
betrieb. Er hatte den großen klassi-
schen Schriftsteller der Baukunst,
Vitruvius, und den römischen
Militärschriftsteller, Vegetius, stu-
diert und sich im Dienste von
Fürsten und Adligen schon viel-
fach nicht nur als Bearbeiter forti-
fikatorischer Pläne, sondern auch
als tüchtiger Baukünstler bewährt.
Ihm schenkte er das Vertrauen,
seine Absichten und die beson-
deren Wünsche seines nicht ge-
ringen Geschmackes bei der Er-
richtung der Burg verwirklichen
zu können.
Nach dem Berggrate zu, von
woher der Zugang zur Burg
möglich war, sollte eine kurze
Front gegen den Angriff ge-

Vollendung zu erheben.
Wir wollen hier weder eine Entwicklungsgeschichte des
Turmbaus aufrollen, noch eine Gliederung und Betrachtung der
Materie nach Gesichtspunkten der Kunstgeschichte geben.
Die Stilwissenschaft kann als selbstverständliches Gemeingut
vorausgesetzt werden, deshalb wollen wir dieses zur Genüge
bebaute Feld nicht weiter bestellen und können uns nach
jeder Richtung mit den Erzeugnissen begnügen, welche aus
einem für die Fruchtbarkeit reichlich vorbereiteten
Boden in großer Fülle emporsprießen. Vielleicht aber
ist es ein erfreulicher Gang, in dem Blütengarten
unsrer Kunst einmal ohne die Brille der Wissenschaft
zu wandeln, und zu schauen, wie sich die Schön-
heit der Kunst zwanglos entfaltet und ihre Früchte
reifen läßt.-
Ein herrlicher Wintertag. Tief verschneit liegen
Wiesen und Felder, der kaum betretene Weg steigt
aufwärts der bewaldeten Höhe entgegen. Dort, auf
der Höhe am Waldesrand, schweift
der Blick weit hinaus, langge¬
streckt zieht das bergumsäumte
Tal des kleinen Flüßchens. Blaue
Schattenflächen und Linien ordnen
das blendende Weiß im Tal und
auf den Berglehnen. Dunkel
stehen die Höhenwälder vor dem
strahlenden Himmel und entsen¬
den hier und dort ihre zungen¬
artigen Ausläufer nach dem Tal
hinab, oder es bilden sich insel¬
artige kleine Waldbestände, die
nun wie Ungeheuer im weiten
Schneefeld lagern. Hier steigt
friedlich die dünne Rauchsäule
aus einem einzelnen Gehöft, dort
in der Ferne ist ein goldenes
Leuchten, wo die Fensterscheiben
des kleinen Dorfes das warme
Sonnenlicht zurückstrahlen. Noch

Platz in Memmingen.

1^-PELUE.n^

Aufnahme von M. Feller in Charlottenburg.

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