Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10




j

Kirche in Strehlen.

die Höhe, und
ungezählte Er-
kertürmchen,
getürmte Gie-
belaufsätze,
Dachreiter und
-reiterchen, be-
helmte Lukar-
nen und andere
türmchenartige
Spitzen ergänz-
ten das Muster-
lager in Turm-
spitzen. Es war
die reinste
Turmepidemie
und sie ist noch
nicht ganz er-
loschen.
So wenig
erfreulich die-
ses Kleinzeug
war, ebenso-
wenig waren
Bauten zierten,

Kleiner Turm der Kirche Architekten: Schilling & Gräbner
zu Strehlen. in Dresden.

Selbstge-
als die
seligma-
geprie-
, weil

Architekten: Schilling & Gräbner
in Dresden.

die großen Turmkollegen, die die öffentlichen
die als Kirchen, Rathäuser, Schulen, Sammlungsgebäude,
Postgebäude und amtliche Verwaltungsbauten aller Art in
großen Mengen errichtet werden mußten, dazu geeignet, die
Achtung vor dem Turm dauernd zu erhalten. Die Institution
des Turmes wäre sicher in Mißkredit geraten, wenn nicht der
alte eiserne Bestand an Turmbaukunst so glänzend gewesen
wäre, daß alle Parodien es nicht fertig brachten, ihn der
Lächerlichkeit verfallen zu lassen.
Freilich gibt es zu allen Zeiten, auch zu denen des künst-
lerischen Rückgangs und Verfalls große Talente, die nicht auf
den allgemeinen Tiefstand hinabgezogen werden können, die
aber einen großen Teil ihrer Schöpferkraft einbüßen im Kampfe
mit der Ungunst der Verhältnisse einer der Kunstkultur
mangelnden Zeit, und die auch viel edle Kraft ungenützt liegen
lassen müssen, weil die Mitwelt ihre künstlerischen Absichten
nicht begreift, ja sie sozusagen unter die Herrschaft der Zeit-
strömung nötigt und ihnen einen beschränkten Wirkungskreis
vorschreibt.
Es soll nur Schinkel genannt sein.
Was hätte dieses Genie in seiner Fähigkeit, alle Gebiete
künstlerischen Schaffens zu umfassen und in den Dienst
seiner Baukunst zu stellen, unter andern Verhältnissen
Großes geleistet! Erst unter der Berücksichtigung dieser
Umstände verstehen wir sein Lebenswerk richtig zu <
schätzen. Wir verstehen dann auch, wie eine Zeit- ,
Strömung die schöpferische Begabung des zum Künst-
ler Geborenen niederzwingen, oder mit der aufsteigen-
den Welle emporheben kann, was diejenigen
bedenken mögen, deren Talent es beschie-
den ist, sich ohne Schwanken entwickeln
und ausleben zu können.
Jede neuerstehende Kultur muß an eine
Tradition anknüpfen. Haben wir ein Wissen
für eine Kunst gehabt, so wird es gelten,
dieses Wissen zu nützen, um eine Brücke
zu schlagen zu den alten Kunstüberlieferun¬
gen, an die wir mit unsrer neuen Kunst
anknüpfen können; die Pfeiler dieser Brücke
werden diejenigen sein, die von
der Flut des Niedergangs nicht mit
hineingerissen wurden in das all- /
gemeine Verderben, die ehrlich
standhielten, wenn auch ihre Schöp¬
ferkraft im Kampf mit dem Unver¬
stand und der Verwirrung aller
Kunstbegriffe gehemmt wurde.
Da und dort sind uns auch .

während derHerr-
schaft der Stil¬
wissenschaft, —
die wir noch nicht
überwunden ha¬
ben und die noch
von vielen Satten
und
rechten
allein
chende
sen wird
sich bei der An¬
erkennung ihres
Dogmas so be¬
quem leben läßt,-
auch auf dem Ge¬
biete des Turm¬
baus Schöpfun¬
gen entstanden,
die weit über ihre
Umgebung hin¬
ausragen, wie
jene Pfeiler, über
die der Steg zum
festen Lande
führt, das weit
hinter uns liegt.
Ein Beispiel
nur: Ich nenne den Turm des bayrischen Nationalmuseums in
München, den Gabriel von Seidl erbaut hat. Es ist ein Werk,
das die Stilarchitektur nicht niederzwang, das auf dem festen
Fundament der Tradition steht und froh emporwächst nach
Möglichkeit die eigene Form suchend, ja auch findend.
Was wollen gegen solches Werk die schauderhaften Er-
zeugnisse des Jugendstils sagen, die sich gottlob vornehmlich
in den papiernen »Schöpfungen« neuzeitlicher Konkurrenz-
entwürfe breit machen, als Reinkulturen oder in der Ver-
quickung mit dem »modernen« Barock, das heute Trumpf ist,
oder auch, indem sie sich bescheiden eine biedermeierische
Einfachheit heucheln. Es ist die Mode von gestern, die man
gegen die Mode von morgen vertauschen wird.
Auf dem Wege zu einem eigenen Zeitausdruck, den wir
trotz aller Hemmungen zu betreten im Begriffe stehen, finden
wir einige Turmschöpfungen, unter andern der Architekten Schil-
ling & Gräbner. Hier tritt uns das ehrliche Ringen ent-
gegen, das Wesen der Architektur dahin zu deuten, daß
das konstruktive Grundelement zu jener formalen Ge-
staltung führen muß, die die organische Einheit des
Baues ausmacht. Die dem Bedürfnis entsprechende
\ Form wird zum Schmuck, und der Schmuck ist nicht
\ mehr die willkürlich aufgeklebte, kunstgewerbliche De-
koration, sondern ein orga-
nischgewordener Bestand-
teil des Ganzen. So kom-
men wir zu einer Form, die
aus der Nützlichkeit, aus
dem struktiven Gedanken
herausgewachsen ist und
zum gestaltungsfähigen
Schmuck wird, der teil-
nimmt an dem Ausdruck
unsrer eigenen künstleri-
schen Empfindung. Diesen
Prozeß der künstlerischen
Klärung und des Durch-
dringens zu einem eigenen
Ausdruck, der den Zeit-
geschmack einst widerspie-
geln wird, sehen wir ganz
besonders markant verkör-
pert in dem machtvollen,

Kirche in Wiesa.

Architekten: Schilling & Gräbner in Dresden.

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