Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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diagonaler Richtung in der mittelalterlichen Ma-
lerei und Graphik.
Das Übereinander-Thema schließen wir mit
einem Beispiel. Zum Jubiläumsjahr 1300 (abgerun-
detes Millenium des konstantinischen Sieges) ließ
Papst Bonifazius VIII. in der Araceli Kirche am
Kapitol die Erscheinung der Sonnenjungfrau
malen, vor der Kaiser Augustus auf sein Antlitz
fällt, die Tiburtinische Sibylle erklärt ihm die
Erscheinung. Die Darstellung nimmt Bezug auf
die vierte Ekloge Vergils, dernach die Erscheinung
der Jungfrau in der Sonne den Adventus, die
Geburt eines neuen Weltherrschers nach Augustus
ankündigt. Der Papst ließ durch Pietro Cavallini
dieses heute nicht mehr erhaltene Eresko zur
Bekräftigung seiner These malen, daß nicht das
Kaisertum, sondern die Kirche Weltherrschaft
beanspruchen kann (ego sum césar, ego sum
augustus). Wir haben davon nur Nachbildungen
in der frankoflämischen Miniatur, wo der Kaiser
immer auf sein Antlitz fällt. Dagegen sitzen in der
Variante des Freskozyklus im Kreuzgang des
Klosters slawischer Benediktiner Emmaus in
Prag (um 1360) Kaiser und Sibylle würdig auf
ihren Thronen, mit beistehendem Gefolge, oben
erscheint in blauer Luft die Jungfrau mit dem
Kind auf dem Hintergrund einer großen, flam-
menden Sonnenscheibe, von Siegesengeln assistiert.
Zwischen Kaiser und Sibylle eine Kirche. Das
Ganze ist durch einen sehr breiten Spitzbogen,
der dem Rundbogen nahe kommt, eingerahmt
(Abb. 44). In der Böhmischen Chronik Johanns
von Marignola, die wie das Fresko zu dieser Zeit von
Karl IV. beauftragt worden ist, wird die Erschei-
nung der Jungfrau in der Sonne über Augustus
und Sibylle ausführlich geschildert, mit Anlehnung
an Vergil, und als eine Ankündigung der civitas
solis, der Sonnengemeinde erläutert.26 Civitas solis
war ein Schlagwort der Utopie schon in den
spätantiken Romanen von Expeditionen zu den
idealen Sonneninseln, neuerdings dann in der
Renaissance (Campanella). Wir können dies hier
ebensogut bemerken, als man auch das Prager
Bild mit Pisanellos Erscheinung der Sonnen-
jungfrau über den Heiligen Antonius und Georg
(Antonius statt Sibylle für die Vita contemplativa,
Georg statt Augustus für die Vita activa)^ und
Raphaels Madonna di Foligno direkt vergleichen
könnte. In der nachfolgenden Entwicklung ver-
wandelt sich die Symbolik in ein Kreisen der

Figuren, welches da Himmel und Erde wieder-
vereinigt.
Die Wiedervereinigung von Himmel und Erde
durch den endgültigen Triumph des Pantokrator
ist der Sinn von Michelangelos „Jüngstem Gericht“
ebenso wie bei allen früheren Darstellungen des
Themas. Nur geht die Wiedervereinigung hier
physisch vor sich, durch das Kreisen der Figuren,
während früher sie in symbolischer Vision ver-
schlossen blieb, wie sie in reinster Prägung das
Amuletum Kircherianum (1654 von Athanasius
Kircher veröffentlicht und von A. A. Barb neuer-
dings behandelt), darstellend Maria und Johannes
als Propheten der Vision des thronenden Christus,
die ganze Einrahmung nähert sich der arabischen
Gebetnische Mihrab.28 Man vergleiche das Amulet
mit der lombardischen Miniatur des 13. Jahr-
hunderts (ungefähr gleichzeitig) „Die Sonnen-
jungfrau erscheint Kaiser Augustus und der
Tiburtinischen Sibylle“ (Liber de temporibus
et etatibus, Modena, Biblioteca Estensa, Ms.
oc M. J. F. 92’, unsere Abb. 39). Schon die Man-
dorla, in der Christus bei solchen Visionen, auch
im Jüngsten Gericht erscheint, bedeutet an sich
Vereinigung zweier Welten, wie Rudolf Berliner
davon schreibt: sie vereinigt das Menschliche mit
dem Himmlischen, deswegen ist die Mandorla
„in der Bibel von St. Aubin im oberen Teil vor-
wiegend blau, im unteren mehr rot gehalten“.
Daß Christus in der Mandorla bei Darstellungen
des Jüngsten Gerichtes oft zwei Zonen der kos-
mischen Hierarchie überschneidet, ist bekannt.
In solchen Visionen, an romanischen Portaltym-
panonen z. B„ ist der ganze Gehalt der biblischen
Apokalypse Johannis zusammengefaßt, der ja
expressis verbis die Wiedervereinigung der (einst
durch die Erbsünde geschiedenen) zwei Welten,
des Himmels mit der Erde ist, im Neuen Jerusa-
lem, der idealen Stadt. Diese Vereinigung wir von
feurigen Himmelszeichen und Katastrophen in der
Natur wie unter den Menschen, vorher eitet.28
Schon um 1000 in der Apokalypse von Cambrai
sehen wir diese Zeichen und Eingriffe des Him-
mels zwei und drei Zonen übereinander durch-
schneiden, vereinigen. Hier knüpfen dann die
nicht nur symbolischen, sondern die Bewegung
im Raume darstellenden Apokalypsen von Karl-
stein30 und diejenige Dürers an. Die symbolisch
zusammenfassende Vision Christi oder der Maria
als des Apokalyptischen Weibes mit zwölf Sternen

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