Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

Page: 23
DOI issue: DOI article: DOI article: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ars1967/0183
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Gebiete der Theorie und Geschichte der Archi-
tektur. Nicht zuletzt waren es auch die Einflüsse
der Prozesse des nationalen Bewusstwerdens des
19. Jahrhunderts, die in bezug auf das künstlerische
Schaffen auf die Geschichte der betreffenden Na-
tionen zurückgreifen mussten, auf die alten Baure-
liquien, um aus deren Studium das sichere Be-
wusstsein ihrer nationalen Daseinsberechtigung
zu erlangen. Darüber hinaus, dass die Bourgeoisie
des 19. Jh. die Erfüllung ihrer materiell-wirt-
schaftlichen Ambitionen erleben konnte, hat sie
sich allmählich einige Charakterzüge der gewesenen
herrschenden Klasse angeeignet; dies tat sie in dem
Bestreben, die frühere herrschende Klasse nicht
nur in der Äusserung ihrer Macht, sondern auch
in ihrem Lebensstil nachzuahmen (Wohnen auf
Burgen und in Kastellen). Formell sollte dies
durch eine Monumentalität repräsentiert werden,
ja sogar durch eine überschwengliche Anwendung
von Verzierungssymbolen in der Komposition von
Gebäuden, Fassaden und in der innerarchitekto-
nischen Gestaltung.
Somit wiederholte sich der schon aus der alten
Geschichte der Architektur bekannte Prozess der
Entwicklung und der Formübernahme: solange das
Auftreten der neuen Klasse, der Bourgeoisie in der
Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jh. eine positi-
ve Rolle spielte, entsprach ihr der rationale, klare,
einfache, d. h. der klassizistische Stil. Mit der
Weiterentwicklung des kapitalistischen Unterneh-
mertums und mit den zunehmenden Erfolgen hat
sich — in Zusammenwirkung mit den übrigen
Umständen, die auf die architektonische Gestaltung
ihren Einfluss ausübten — das Gefühl einer roman-
tischen Zusammengehörigkeit mit der Kultur der
Begründer des Kapitalismus, mit der Architektur
der jungen italienischen Bourgeoisie eingestellt.
Die für diese Traditionen empfundene Sympathie
und auch die wachsende Erkenntnis der Kunst-
schätze Italiens führten zu Versuchen, den Stil
der Renaissance nachzuahmen, den Stil, der auf
der Suche nach architektonischen Wahrheiten ohne
Zweifel zumindest einen rationellen tektonischen
Ausdruck bedeutet hat: den Glauben an das hu-
manistische Losungswort der Renaissance „der
Massstab für Alles ist der Mensch“.
Der Klassizismus, der laut der kunsthistorischen
Theorie vom Ende des 19. Jh. als der letzte grosse
und reine Stil der Architektur betrachtet wird,
war im Grunde genommen auch nicht originell,


9. Košice, ehemaliger Jabak-Palast, 1897.

denn er schöpfte eigentlich aus der Vergangenheit,
aus den Prinzipien der Renaissance und der Antike,
ebenso wie die Renaissance in ihrer Zeit aus dem
älteren antiken Schaffen schöpfte, und in der
Antike selbst übernahm der römische Raum die
architektonischen Erkenntnisse des alten Grie-
chenlands. Die Architektur des alten Roms, weiter
sowohl die der Renaissance wie auch die klassizis-
tische haben, auch wenn anhand älterer Muster,
schöpferisch gearbeitet in Übereinstimmung mit
den gesellschaftlichen und technischen Prinzipien
ihrer Epochen, wofür sie als die „echten und
grossen“ Stile der Vergangenheit bezeichnet wur-
den; die formalistische, manchmal geistlose Wie-
derholung der Stilmerkmale der Renaissance und
später auch anderer Stilmerkmale, die auf den

23
loading ...