Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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Heft 2) Illustrierte Fanritien-Deitung. 3ahr„ ms.



vis §ctiv)e!tsrn. llack einem Semäläe von C. lllunier. S08)

jetzt seinen Namen preisgab. Aber am Ende hatte
er es doch auch nicht besser verdient. Und wenn er
wirklich der unantastbare Grandseigneur war, als den
er sich gestern seinem ehemaligen Kameraden gegen-
über aufgespielt hatte, so mochte er seine Machtmittel
anwenden, um sich der unwillkommenen Mahnerin zu
entledigen. Jedenfalls konnten sich für einen un-

beteiligten Beobachter aus einem Aufeinanderprallen
der beiden einige recht amüsante Verwickelungen er-
geben. Und um dieses mit einiger Sicherheit zu
erwartenden Vergnügens willen würde er die
schwachen Regungen seines Gewissens wahrscheinlich
auch dann znm Schweigen gebracht haben, wenn
nicht nebenher noch die Hoffnung auf eine Annäherung
an die schöne Amerikanerin einen
sehr wesentlichen Einfluß auf feine
Entschließung geübt hätte.
Nachdem er durch längeres Schwei-
gen die Spannung seiner Begleiterin
bis auf das Aeußerste gesteigert
hatte, begann er also mit einer ziem-
lich rückhaltlosen Beichte. Und noch
vor Ablauf einer halben Stunde
wußte Miß Georgia so ziemlich
alles, was ihm selbst vou Graf
Randolf Meinburgs Lebensschick-
salen bekannt war.
Sie hatte die Lippen fest ge-
schlossen und blickte starr vor sich
hin, ohne seine Erzählung auch nur
durch eine einzige Frage zu unter-
brechen. Eine kleine Falte war zwi-
schen ihren schön geschwungenen
Brauen; sonst aber blieben die Linien
ihres Antlitzes ganz unbeweglich.
„Jetzt, meine Gnädigste, wissen
Sie, daß es keine Lüge war, als ich
vorhin meiner Freude über diese zu-
fällige Wiederbegegnung Ausdruck
gab," schloß Hoßseld seine Rede.
„Seit langem schon hatte ich keinen
sehnlicheren Wunsch, als den, mir
Ihre Verzeihung zu verdienen. Ein
Unwürdiger hat mich damals zu
täuschen verstanden, wie er Sie ge-
täuscht hatte. Und ich
„Wozu diese Entschuldigungen!"
fiel Georgia Elliston ihm in die
Rede. „Wenn Ihnen wirklich so
viel an meiner Verzeihung gelegen
ist, will ich sie Ihnen gewähren,
obwohl ich der Meinung bin, daß
es Ihnen kaum an Gelegenheit ge-
fehlt haben würde, sich ihrer schon
erheblich früher würdig zn machen.
Ich bin bis vor wenigen Monaten
beständig unter meinem richtigen
Namen bei den bekanntesten Zirkus-
gesellschaften thätig gewesen, und
eine einfache Erkundigung würde
jederzeit hingereicht haben, Sie über
meinen Aufenthalt zu unterrichten.
Aber davon wollen wir, wie gesagt,
jetzt nicht weiter reden. Genug, daß
Sie mir heute die Wahrheit gesagt
haben. Und es ist doch diesmal
wirklich die volle Wahrheit?"
„Auf meine Ehre — die lauterste
Wahrheit, Miß Elliston!"
„Gras Meinburg ist also verhei-
ratet — und unglücklich verheiratet ?"

Zm ll?al6ictiloh.
koman von keinstolcl vrtincinn.
(kortlehimg.)
- tNackilruck verboten.)
V oßfeld tvar für den Anfang
damit zufrieden, und bald
M hatten sie einen stillen Sei-
M tenweg erreicht, wo sie in
der That nicht mehr fürchten mu߬
ten, beobachtet oder belauscht zu .
werden.
Mit einer hastigen Kopfbewe-
gnng wandte sich Georgia Elliston
ihrem Begleiter zn: „Sprechen Sie
also! Wer war es, der sich hinter
jenem Edward Miller verbarg?
Denn daß sein Name nur ein er-
borgter gewesen war, weiß ich
längst."
„Ich werde es Ihnen sogleich
sageil. Aber Vertrauen gegen Ver¬
trauen. Haben Sie in Wahrheit
noch immer ein Interesse daran, es
zu erfahren? Und haben Sie nicht
Vielleicht schon längst anfgehört,
Miß Elliston zn sein?"
„Nein. Ich bin es noch immer.
Und ob ich ein Interesse daran habe,
die Persönlichkeit jenes Verräters
zu ermitteln? — Seit dem Tage,
da er mich verließ, habe ich noch
nicht aufgehört, ihn diesseits und
jenseits des Ozeans zn suchen."
„Wahrhaftig?" sagte er in wirk-
licher oder erheuchelter Ueberraschung.
„Sie haben also den Wunsch noch
nicht aufgegeben, ihn für seinen
allerdings verdammenswerten Treu¬
bruch zn bestrafen?"
„Weshalb spannen Sie mich auf
die Folter durch derartige Fragen?
Wenn ich an die Aufrichtigkeit
Ihrer Worte glauben soll, so sagen
Sie mir endlich, was Sie von mei-
nem — was Sie von jenem Mann
wissen."
Noch einmal ließ Hoßseld blitz¬
schnell vor seinem Geist alle die
Gründe Revue passieren, die für
und gegen die Zweckmäßigkeit eines
Verrates sprachen. Die mühsam
verhaltene Leidenschaftlichkeit in Ge-
orgia Ellistons letzten Worten, das
Funkeln ihrer schwarzen Augen bei
der Bemerkung, daß sie noch nicht
aufgehört habe, Edward Miller zu
suchen, konnten ihn nicht daran
zweifeln lassen, daß Gras Meinburg
auf eine recht unbequeme Weise an
sein amerikanisches Liebesabenteuer
erinnert werden würde, wenn er
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