Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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HP Z. Illustrierte Fanrstien-Zeitung. Zahrg. ML


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komcm von Ssorg kartioig sCmmi) tiooppol).
(rortsskung.)

(Nackümck verboten.)
etty Trachberg hatte der kleinen Vikonltesse
finster nachgeschaut. Plötzlich preßten ihre
Finger die Hand der Baronin. „Schaffe
das Geschöpf fort!
Dieses Geschöpf fällst du mir
aus den Augen schaffen!"
„Mein Gott!" senfzte Frau
v. Lüttmig erschreckt. „Was
fällt dir denn nun wieder ein?"
„Du hast sie herbeigeschleppt/'
fuhr die junge Frau rascher
fort, „an den Haaren hast du
sie herbeigeschleppt. Jetzt fort
mit ihr! Ich will dir einen an¬
deren Lockvogel verschaffen,
einen schöneren, dn sollst nicht
zu kurz kommen. Aber leiste
dem Bikomtc keinen Widerstand
Mehr, oder so wahr wir neben¬
einander sitzen, wir sind geschie-
den für immer!"
„Jetzt hört's aber auf!" ver¬
setzte Frau v. Lüttmig erbost.
„Diese Plagerei wird mir uun
doch zu viel, Betty! Kannst
du denn gar nicht mehr an¬
ders, als mir jedes Vergnügen
mit deinen Lannen gründlich
zu verderben?"
„Vergnügen!" flüsterte die
junge Fran mit bitterem Lä¬
cheln. „Ach ja, dein Vergnügen!
Aber was ich —"
Die Thür ging auf, der
Vikomte und der Graf traten
ins Zimmer.
„Thun Sie mir den Gefallen,
liebster Graf," rief die Baronin
beinahe flehend, „und bringen
Sie Betty mal ans andere Ge¬
danken. Sie ist in ivahrhast
greulicher Stimmung. Sorgen
Sie dafür, daß wir nicht alle
davon angesteckt werden."
„Gegen schlechte Stim¬
mung," scherzte Trachberg, sei¬
nem Haushofmeister ein Zeichen
gebend, „weiß ich ein ausge-
zeichnetes Mittel."
Alsbald erschien in silber¬
ner Prunkschale eine dampfende
Ananaspunschbowle, welche
das ganze Gemach mit ihrem
lieblichen Duft erfüllte.
„Sie halten die Weingeister

für gute Tröster?" fragte Betty, ihre schwellenden
Lippen zu einem Lächeln öffnend. „Die verschwie-
gensten sind sie sicher nicht. Aber freilich, das
Glück ist ja auch nur Rausch. Rausch gegen Rausch
denu!"
Sie hob den Becher und stieß ihn mit berückender
Anmut gegen den Becher des Grafen.
„Mir geht die Sprache ans!" rief die Baronin
ehrlich erstaunt. „Sie sind ein Zauberer, Graf!
Soeben glaubte ich noch, Betty wollte uns durch-
gehen, und jetzt sehen Sie nur ihre Augen an! So

geheimnisvoll, als wollten sie uns das schönste Mär-
chen erzählen."
„Das schönste Märchen bleibt immer eine schöne
Frau," versetzte Graf Maximilian galant.
„Glauben Sie das nicht," fiel der Vikomte ein.
„Eine schöne Fran ist stets die schönste Wirklichkeit."
„Man höre!" rief die Baronin munter, „die Herren
müssen sich drüben begeistert haben. Wie wär's,
Betty, wenn du dir auch zuweilen die Jagdtrophäen
des Försters betrachtetest?" >-
Der kurze Wintertag war längst zur Rüste ge-
gangen, als der Befehl zum
Anschirren der Pferde gegeben
ward.
„Sie werden den Rest des
Abends bei uns zubringen,
nicht wahr?" fragte Frau
v. Lüttmig, als sie neben Graf
Trachberg das Försterhans
verließ.
„Wenn ich nicht schon er-
wartet würde, mit Vergnügen.
Doch werde ich mir gestatten,
morgen nachzufragen, wie den
Herrschaften die Schlittenfahrt
bekommen ist."
„Aber dann frühstücken Sie
mit uns, lieber Graf," bat die
Baronin.
Der Graf verneigte sich, in-
dem er ihr den Arm reichte.
„Zu gnädig! Wollen Sie mich
für die Rückfahrt in Ihren
Schlitten anfnchmen? Ich sehe
es dem Vikomte an, daß er
keine Neigung verspürt, sich
von seiner Tochter zn trennen."
„Allerdings!" lächelte Herr
v. Debellaire tief befriedigt.
Marie Antonic sagte nichts.
Wie hatte sie sich auf dieses letzte
Beisammensein gefreut! Mit
welchem Jubel den Moment
des Aufbruches begrüßt! Und
er fragte nicht danach, er suchte
sich andere Begleitung. Sie
wurde traurig, aber vor dem
glückliche» Blicke ihres Vaters
empfand sie vorwurfsvolle
Scham.
„Wir beide, Papa!" sagte sie
reuevoll und schmiegte sich dicht
an seine Seite.
Sie waren nun die letzten
im Znge, der wie ein Schatten-
spiel durch die mondhelle Land-
schaft dahinsauste.
Herr v. Debellaire hielt seiu
schweigsames Kind umschlungen.
Sein Herz that ihm wieder weh.
Wie bald löste sich, zwischen ihm
und ihr das enge Band der
Gemeinschaft! Und wie wenig

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