Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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Heft M Illustrierte Famitien-Zeitung. I«hrg.«


3m V?alükckloh.
llomcin von lleintiolff vrtmcinn.
(korüstzung un6 bckluh.)
* <Nlick<!rucl! verboten.)
I^Henate war bei der Erwähnung der Gräfin
zuerst totenbleich geworden, dann aber schoß
es wie die Röte einer flammenden Ent-
rüstung in ihren Wangen auf. „Sie — sie
hat ihn beschuldigt? O, dann kennt sie ihn nicht,
dann hat sie ihn nie gekannt. Und niemals ist sie wert
gewesen, daß er bereit war, sich für sie zu opfern."
„Das' sind Fragen, mein Fräulein," entgegnete
der Untersuchungsrichter, „über die ich kein Urteil
habe und die mich anch nicht kümmern. Wenn Sie
ein Interesse daran haben, die inneren Gründe
kennen zu lernen, auf die sich der Verdacht der
Gräfin Meinburg stützt, so kann ich Ihnen nur an-
heimgeben, sie selbst darum zu befragen."

Renate dachte einen Augenblick nach; dann fragte
sie: „Die Gräfin ist also noch hier? Und Sie glauben,
daß es mir möglich werden wird, sie zu sprechen?"
Der Untersuchungsrichter schien seine letzten Worte
schon wieder zu bereuen. „Die Dame ist allerdings
schwer leidend, und der Arzt wünscht jede Aufregung
von ihr fern zu halten, so daß ich sogar auf ihre
im Interesse weiterer Aufklärung dringend not-
wendige nochmalige Vernehmung verzichten mußte.
Für die nächsten Tage wenigstens dürften Sie darum
wenig Aussicht haben, bei ihr vorgelassen zu werden."
„Wenn es sich um die Ehre und vielleicht um
das Leben eines Mannes handelt, der — der ihr so
nahe steht, wird sie, wie* ich hoffe, die Rücksicht
auf ihre Gesundheit hintansetzen. Aber Sie haben
recht, Herr Untersuchungsrichter, dies sind Dinge,
die nichts mit Ihrer Untersuchung zn schaffen haben.
Wünschen Sie mich jetzt noch etwas Weiteres zu
fragen?"
Es war plötzlich eine so seltsame Festigkeit und
Entschlossenheit in ihrem Aussehen wie in ihrem
Wesen, daß der Beamte davon fast betroffen war.

Als er ihre Frage verneint hatte und als die Thür
des Zimmers hinter der entlassenen Zeugin zuge-
sallen war, kamen chm noch gewichtigere Bedenken
als zuvor, ob er recht daran gethan hatte, ihr gegen-
über der von der Gräfin Meinburg erhobenen An-
schuldigung Erwähnung zu thun.

Ucktrebnte; Kapitel.
Baron Hoßseld hatte bis tief in den Nachmittag
hinein geschlafen, und er war in ziemlich ungnädiger
Laune, als er durch den Eintritt des Zimmerkellners
gestört wurde, der ihm einen Brief überbrachte.
„Ich bitte um Entschuldigung, Herr Baron; aber
der Bote wartet auf Antwort."
„Na, dann geben Sie das Ding in Gottes Namen
her! — Eine Damenhand natürlich! Nicht einmal
ruhig schlafen kann man. Bin aber doch neugierig,
von wem —"
Er vollendete nicht, denn er hatte inzwischen den
Umschlag erbrochen, und ein Blick auf die Unter-


Ueval, vom koken au; gelelien. (5. 680)
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