Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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An i AUujtrierte Farnilien-Zeitung. iM.


^enn 6u micti liebst,
komcm von Seoi-g kartioig (Cmmh lioeppel).
<HackiIrucl! verboten.)
Liste; liapiiei.
er verblassenden Abendröte gesellten sich die grauen
Schatten der Dämmerung. Ans falbem Walken-
kamme schaute die herbstliche Mondsichel glanzarm her-
vor. Langsam und unaufhaltsam vom Fundament der
Häuser bis zum Giebel kriechend, schien ein qualmiger Nebel
ins Gewölk hinein zn wachsen.
Diirres Laub raschelte im Winde. Von den Baumreihen
längs der Straße kam's geflogen — einer jungen Fuß-
gängerin gerade ins Gesicht, die eilig der Grenze der Stadt
znschritt, dorthin, wo vor kurzem noch Wiesengrnnd gewesen
Ivar, bis die Großstadt ihre wachsenden Glieder auch dorthin
reckte.
"An der Thür eines noch kalkduftendcn neuen Miets-
hauses hielt das junge Mädchen an und huschte leichtfüßig in
den schützenden Eingang.
Dort spendete eine arg heruntergcschraubte Petroleumlampe
just so viel Licht, daß aus dem Dunkel die Glasscheiben einer
rechtsseitigen Flurthür auftauchen konnten. Bemerkenswert
an dieser Thür, und zwar im Gegensatz zu einer abgenutzten
Binsenmatte und einem gänzlich zerschäbten Fußkratzer, war
oberhalb des Messingknopfes der Klingel ein großes Porzellan-
schild angebracht, auf welchem goldumrandet die Worte standen:
Bikomtc v. Debellaire.
Das junge Mädchen hatte nicht ohne Mühe den Drücker-
ans der Palctottasche gezogen, denn sie hielt eine Anzahl
Paketchen auf dem Arm; das Schloß sprang auf, und fröh-
lich eilte sie in den schmalen dunklen Gang, entledigte sich
dort ihres Mantels und Hutes, erfaßte sicheren Griffes die
Klinke des Wohngemaches nnd trat grüßend ein. „Guten
Abend, Papa!"
lieber die Lehne eines viclbenntzten alten Lederstnhles, in
entsprechender Nähe zur Tischlampe, neigte sich ein ergrautes
Haupt. „Mein Töchterchen, guten Abend."
„Ich habe alles mitgebracht, Papa, was die dumme
Anfwärterin vergessen hat. Wir werden einen schönen Thee
trinken. Draußen ist ein Nebel, brrr! Schlecht Wetter für
dich, armer Papa!" Sie war zur Seite des Sessels getreten
und' erfaßte die hagere Hand, welche sich ihr entgegenstreckte.
„Ganz schlechtes Wetter für meinen armen Papa!" wiederholte
sie, die rheumatischen Finger, welche so oft Schmerzen litten,
anmutig gegen ihre Lippen drückend.
„Dn sollst zn dieser Zeit nicht ansgehen," sagte der Vi-
komte. "Aber der Vorwurf, welcher in diesen Worten lag,
verhallte in einem Seufzer, einem bitteren Seufzer.
Wenn die Aufwärterin doch solch ein Spatzengedächtnis
hat "und alles vergißt, was man ihr eingetrichtert hat
Der Vikomte hielt seine Angen starr auf die gestrickte Decke
über seinen Füßen geheftet. ,
lind Furcht," fuhr die kleine Vikomte,se fort, „habe ,ch
nicht so viel' Wer soll mir etwas zu leide thun? — Und dann,
Papa," sie beugte sich tief über die Hand, welche sie fortfuhr
zn liebkosen, „es giebt gewiß viele vornehme Damen, die sich
selbst bedienen müssen." , .
„Leider, leider!" murmelte er, ohne den Blick zu heben,
in welchem die Strahlen des Zornes und der Verachtung zu-

v


klus klur und keld. llacki einem Eemälde von Udam Ziepen.
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