42 ..
würde ja auch nicht der Mühe wert sein, sich auf
das Geschäft einzulassen, wenn sie es nicht wäre.
Denn — unter uns gesagt — das mit den zwanzig-
tausend Mark ist Heller Unsinn. Lassen Sie uns
die Sache als Kompagnons betreiben, mein Lieber
— und ich garantiere Ihnen mindestens das Fünf-
fache."
Wie eine Vision sah Gagliardi die fünf Nullen
vor seinen Augen tanzen, und sein schon durch den
ungewohnten Weingenuß erhitzter Kopf brannte
noch heißer.
„Daran ist nicht zu denken," sagte er unsicher.
„Der Rechtsanwalt würde mir als einem Ver-
rückten die Tür weisen, wem: ich ihm mit solcher
Forderung käme."
„Wenn Sie ihm morgen damit kämen — gewiß!
Davon ist auch gar nicht die Rede. Den richtigen
Zeitpunkt für unsere Operationen zu bestimmen,
müßten Sie schon mir überlassen. Aber vorläufig
weiß ich ja noch gar nicht, ob ich mich offen aus-
sprechen darf. Da müßten wir eigentlich erst auf
gute Freundschaft anstoßen, Fräulein Gregory!"
Er hielt ihr sein Glas entgegen, und sie erhob
ohne Zögern das ihre. „Wenn Sie es aufrichtig
mit uns meinen, Herr Mielentz —"
„Aufrichtig und treu wie ein Bruder. Ein alter
einsamer Junggeselle wie ich ist ja froh, wenn er
sich den Dank einer hübschen jungen Dame ver-
dienen kann. Vielleicht, wenn ich Ihnen zu Ihrem
Glück Verholfen habe, vergönnen Sie mir dermal-
einst ein trauliches Plätzchen an Ihrem Herde."
Die Gläser klangen zusammen, und Bilma nickte
ihm lächelnd zu. Auch ihre schmalen Wangen hatten
sich jetzt mit einer lebhaften Röte gefärbt, und in
ihr ganzes Wesen war eine Munterkeit gekommen,
die sie hübscher und reizvoller machte. Die offen-
kundige Verstimmtheit Gagliardis schien sie nicht
zu bemerken.
„Das wird ganz auf die Größe Ihrer Verdienste
ankommen," sagte sie schelmisch. „Vor allem möchte
ich gern wissen, wer die geheimnisvolle Dame
eigentlich ist."
^Fortsetzung folgt.!
Vie alte kaisei-stadt Sozial-.
l5iehe die 7 vilder aus 8e!te 40 und 41.)
am Nordrande des Harzes zu Füßen des erzreichen
ji-Z Rammelsberges sich hinziehende alte Kaiser- und
Reichstadt Goslar ist nicht nur wegen der hohen land-
schaftlichen Reize ihrer Umgebung das Ziel zahlreicher
fremder Besucher, sondern in nicht geringerem, ja viel-
leicht noch Höherem Maße wegen der Fülle historischer
Erinnerungen, die in einem daselbst auf Schritt und
Tritt beim Anblick all der ehrwürdigen, teilweise noch
aus frühem Mittelalter stammenden Bauwerke,, Kirchen
sowohl wie Profanbauten, und umfangreichen Überreste
der ehemaligen Besestigungswerke wachgerufen werden.
Daß es neben diesen Zeugen einer ruhmreichen, wenn
auch häufig recht stürmischen, ja unheilvollen Vergangen-
heit auch schöne, geschmackvolle, moderne Bauten, an-
mutige Villenviertel und den Anforderungen der Neuzeit
entsprechende Anlagen und Einrichtungen besitzt, macht
diesen jahrhundertelangen Mittelpunkt alter deutscher
Kaiserherrlichkeit nur noch interessanter und vielseitiger
und lockt auch manchen an, sich dort dauernd niederzu-
lassen, so daß Goslar heute schon eine richtige Pensiono-
polis genannt zu werden verdient. Wir müssen es uns
leider versagen, an dieser Stelle auch nur annähernd
all dem Interessanten und Merkwürdigen, was die Stadt
bietet, gerecht zu werden, können vielmehr nur eine kurze
Erläuterung zu den schönen, eine glückliche Auswahl
darstellenden Bildern geben, die wir auf Seite 40 und 4l
unseren Lesern darbielen. Wir lenken da die Aufmerk-
samkeit zuerst auf das imposante „Kaiserhaus", das älteste,
historisch bedeutsamste Baudenkmal Goslars, die in der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hauptsächlich
mit Hilfe der von Kaiser Wilhelm I. bewilligten Mittel
aus Verfall und Verwahrlosung wiedererstandene Kaiser-
pfalz, den Lieblingssitz der deutschen Kaiser von Hein-
rich II. bis Lothar von Sachsen (h1137), den Schauplatz
vieler wichtiger Reichsversammlungen, wo Entschlüsse
von schwerwiegender Bedeutung für die Geschichte des
Reiches gefaßt wurden. Mit seiner nach Osten gerich-
teten Hauptfront der Kaiserbleeke (Bleeke-Plan), einem
großen freien Platze mit den Reiterstandbildern der
Kaiser Friedrich Barbarossa und Wilhelm I., zugewandt,
besteht es aus einem langgestreckten, hauptsächlich den
„Reichssaal" umfassenden Hauptbau und einer südlichen
Vorhalle, zu der zwei mächtige Freitreppen emporführen.
Daran anschließend bildet ein neuerhauter Gang die
Verbindung mit der wiederhergestellten alten kaiserlichen
Hauskapelle, während die nördliche Verlängerung des
Hauptbaues, der 1551 angebaute Wohnflügel, heute außer
der Wohnung des Kastellans Museumsräume enthält.
Der Reichssaal, ein Tonnengewölbe mit Holzpfeilern
aus dem 15. Jahrhundert, ist an den Wänden mit
prächtigen historischen und allegorischen Gemälden be-
deckt und birgt den alten, auf einem Postament aufge-
stellten Kaiserstuhl, dessen Sitz von Sandstein, dessen
romanisch verzierte Lehne von Bronze ist. — Einen ma-
lerischen Anblick gewährt der Markt mit seinem aus dem
IS. Jahrhundert stammenden, neuerdings stilvoll wieder-
hergestelllen Rathaus, dem Marktbecken, einem im 13.Jahr-
1. Vas Luch fül- Mle .-O
hundert errichteten, zwei kunstvoll gearbeitete alte roma-
nische Bronzebecken aufweisenden Brunnen, und den ver-
schiedenen altertümlichen Privathäusern aus Stein oder
Fachwerk, unter denen die „Kaiserworth" das meiste In-
teresse erregt. Heute zu einem Hotel und Restaurant einge-
richtet, wurde es 1492 als Gildehaus der Gewandschneider
erbaut. An seiner mit Erkerturm versehenen Hauptfront
sind in dem auf Rundbogen und achteckigen Pfeilern ruhen-
den Obergestock die in Nischen stehenden hölzernen Stand-
bilder deutscher Kaiser zu sehen, deren Sockel mit phanta-
stischen, den schalkhaften Geist des Mittelalters verratenden
Figuren, darunter das Dukatenmännchen, geschmückt sind.
Wie die Kaiserworth, so dienen auch andere alte Gebäude,
entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung, als Unter-
kunft für Fremde und Stätten der Erholung bei gutem
Trunk und vortrefflicher Atzung, so die beiden abge-
bildeten, erstens das „Brusttuch", Hotel und Restaurant,
1526 von dem gelehrten Magister Thelling erbaut, mit
steilem, windschiefem Dach, hohen, gotisch verzierten und
mit Glasmalereien geschmückten Fenstern und meisterhaft
ausgeführten satirischen Holzschnitzereien an den Friesen
und Balkenköpfen, und zweitens der „Achtermann", ein
mächtiger Zwingerturm, dessen Inneres zu einer an-
heimelnden altdeutschen Bierhalle umgewandelt ist. Auch
das einzige noch stehengebliebene Stadttor, das „Breite
Tor" — die übrigen wurden von 1823 bis 1863 nieder-
gelegt — ist, wenigstens teilweise, einer neuen Bestimmung
zugesührt worden, indem der eine seiner vier wuchtigen,
von hohen Spitzdächern malerisch überragten Zwingtürme
zu einer herrschaftlichen Wohnung ausgebaut ist.
vammbl-uch.
dgs HUd sus 5ei!c 4;.)
H Iber eine Woche lang war schon der Regen im Gebirge
L-s niedergegangen, immer höher und höher war der
Fluß in der Ebene an den Dämmen, die die Wiesen und
Felder vor der Überschwemmung schützen, emporgestiegen,
und mit immer tollerer Geschwindigkeit schossen die grau-
gelben Fluten dahin. Sorgenvoll hatten die Bewohner
der hinter dem Damm gelegenen Dörfer aus den rasenden
Wogentanz im Flußbett geschaut. Da traf vollends vom
Stromamt die telegraphische Meldung ein: „Achtung.
Wolkenbruch im Gebirge. Vermutliches Steigen: 40 Zen-
timeter." Noch bedrohlicher wurde die Gefahr, als sich
schwere Gewitter im Tieflande selbst entluden. Tag und
Nacht wurden Dammwachen ausgestellt und widerstand-
schwache Stellen mit Faschinen und Sandsäcken geschützt.
Und nun nahte die gemeldete Stromschwelle mit ihren
kochenden, brausenden, tosenden Fluten. Wird der Damm
den ungeheuren Druck, der gegen ihn anwuchtet, aus-
halten? Oder wird er unter dem empörten Anprall der
Wasserlast bersten? Gurgelnd und glucksend schlagen
die Wellen gegen die Böschung, reißen die Grasnarbe
ab und fressen sich fletschend in den Damm hinein. Nur
noch zehn Zentimeter fehlen, und über die Dammkrone
wälzt sich die jagende Wassermasse! Da geht ein Zittern
und Beben durch den Dammkörper, den Wachen ist es
fast, als sollte er unter ihren Füßen weggeschoben werden,
ein Knirschen, Kreischen und Krachen durchschneidet die
Luft — der Damm ist gebrochen, und zischend, wirbelnd,
sich überstürzend saust durch die Bresche der verwüstende
Schwall über Wiesengründe und Ackerbreiten.
Vie ^angei-in.
l5iehe dss 8ttd sus 47.)
^in Wohltätigkeitsfest großen Stils, mit reichem, fast
überreichem Programm, das denn auch seine Schuldig-
keit getan und die „Mildtätigen" in großen Scharen
herbeigelockt hat. Eine schier endlose Reihe theatralischer,
musikalischer, selbst akrobatischer Darbietungen hat man
bereits „genossen", und nachgerade macht sich eine ge-
wisse Abspannung bei den Festteilnehmern bemerkbar.
Die nächste Nummer kann man sich wohl schenken —
denkt der und jener. Was ist's? Oh, eine namenlose
Sängerin, unbekannt, unberühmt, keine Diva, kein
„Star"! Aus welchem Grunde mag die wohl das Fest-
komitee eingeladen haben? Oder hat sie sich selbst an-
geboten — vielleicht aus Eitelkeit, um sich auch als
„Künstlerin" bewundern zu lassen? Das soll ja vor-
kommen. — Schon beginnt sich der Saal zu leeren, da
ertönt das Klingelzeichen, der Vorhang der kleinen
Salonbühne teilt sich, eine imponierende Frauengsstalt
tritt an die Rampe. Keiner denkt mehr ans Fortgehen,
alles blickt gespannt auf die unerwartete Erscheinung.
Da setzt auch schon die Begleitung ein — ein paar ein-
leitende Takte, und dann erschallt wunderbar seelenvoll
und glockenrein eine Stimme, die die geschulte, gereifte
Sängerin verrät. Tief dringt sie zu den Herzen der
atemlos lauschenden Hörer, sie alle wie mit Zauber-
macht in ihren Bann ziehend. — Die herrliche Arie ist
verklungen, die Sängerin will sich zurückziehen. Da
bricht der Jubel los, spontan, begeistert, des Beifall-
klatschens und Bravorufens ist kein Ende. Die sich vor-
hin „drücken" wollten, können sich jetzt nicht genug tun
in enthusiastischen Kundgebungen. Leider sind Lorbeer-
kränze, kostbare Bukette, wie man sich mit solchen zu
dem Auftreten einer Diva, eines „Stars" zu bewaffnen
pflegt, nicht zur Stelle, aber man hat ja Blumen, Rosen,
die man vorhin von den niedlichen Festverkäuferinnen
erstand und nun der gottbegnadeten Sängerin dort oben
auf dem kleinen Podium zu Füßen legen kann. Lächelnd
nimmt diese die Huldigungen entgegen, einige pracht-
voll vorgetragene Zugaben sind ihr Dank. Dann ver-
schwindet sie unauffällig. Wer war sie? Niemand weiß es
— außer dem Komitee, doch das schweigt. Sein Zweck
ist erreicht, und der Wunsch seines hilfreichen Gastes,
unbekannt zu bleiben, wird getreu respektiert. Wer war
sie? — Eine Sängerin.
. - --Heft 2
SeschMsgeheimnW.
eine vetektingeschichte von si. Mchardson.
_ (Nachdruck vrrdoten.)
handelt sich um einen Auftrag der Firma
Karl Ludwig Eckardt, Großhandlung in
Manufakturwaren. Das Haus ist eines
der angesehensten hier am Platze. Die
Inhaber des Geschäfts sind die Brüder Ludwig und
Rudolf Eckardt. Diese Herren fühlen sich auf das
empfindlichste dadurch geschädigt, daß seit etwa
Jahresfrist einem neu gegründeten Konkurrenz-
hause, der Firma Paul Hilgers, ihre wichtigsten
Geschäftsgeheimnisse zugetragen werden. Sie sind
überzeugt, daß der Verräter innerhalb ihres Per-
sonals zu suchen ist; aber es ist ihnen bisher nicht
gelungen, ihn zu ermitteln. Deshalb haben mich die
Herren ersucht, ihnen einen geschickten Detektiv
zuzusenden, und ich hoffe, eine gute Wahl zu treffen,
wenn ich Sie mit dieser anscheinend nicht ganz
leichten Aufgabe betraue. Sie können auf eine
ansehnliche Extrabelohnung rechnen, wenn es Ihnen
innerhalb der nächsten vier Wochen gelingt, den
Schuldigen zu entdecken und zu überführen."
Das war die Information, mit der mich mein Chef,
der Inhaber eines großen Detektivinstituts, versehen
hatte, ehe ich behufs Einholung genauerer Erkundi-
gungen zum ersten Male das Privatkontor der Firma
Karl Ludwig Eckardt betrat. Es war ein mit solider
kaufmännischer Vornehmheit ausgestattetes Arbeits-
zimmer hinter den langgestreckten Kontorräumen des
Hauses. Die beiden Chefs saßen einander an einem
mächtigen Doppelschreibtisch gegenüber, und es
wurde mir nicht schwer, auf den ersten Blick zu
erkennen, in welchem von ihnen ich den wirklichen
Leiter der Firma zu suchen hatte, denn sie waren
in ihrem Aussehen so verschieden, daß ein Unkundiger
sie wohl schwerlich für Brüder gehalten hätte. Der
Altere, dessen Haar und Bart bereits von zahlreichen
grauen Fäden durchzogen war, verkörperte mit
seiner etwas steifen Haltung, seinen kalten, klugen
Augen und seinem scharfgeschnittenen, ernsten Ge-
sicht den vollkommensten Typus des bedächtigen
Kaufmannes, während man in dem Jüngeren,
einem hübschen, blondbärtigen Dreißiger mit weichen
Gesichtszügen, viel eher einen Künstler hätte ver-
muten können.
Beide begrüßten mich mit ausgesuchter Höflich-
keit, und Ludwig Eckardt, der ältere der beiden, fing
sofort an, mir den Sachverhalt darzulegen.
„Der Inhaber der vor ungefähr einem Jahre
gegründeten Firma Paul Hilgers, die uns jetzt mit
den unlautersten Mitteln Konkurrenz macht, war
vorher als Disponent in unserem Hause tätig ge-
wesen. Sein Austritt erfolgte, weil ich genötigt
war, ihn wegen einer Inkorrektheit zur Rede zu
stellen, und weil mich sein unpassendes Verhalten
bei dieser Gelegenheit zwang, ihn ohne Kündigung
vor die Tür zu setzen. Von irgend einer uns unbe-
kannten Seite müssen dem bis dahin vermögens-
losen jungen Manne dann die Mittel gewährt
worden sein, sich selbständig zu machen. Sein Be-
streben ist nun unverkennbar darauf gerichtet, uns
überall den Boden abzugraben, und er schreckt dabei
selbst vor erheblichen Opfern nicht zurück. Bei
dem festgegründeten Rufe unseres alten Hauses
könnten uns diese Bemühungen an und für sich
sehr kalt lassen, wenn unser Konkurrent nicht fort-
gesetzt über unsere intimsten geschäftlichen Ange-
legenheiten in einer Weise unterrichtet würde, die
ihn in den Stand setzt, uns den schwersten Schaden
zuzufügen. Die Notwendigkeit, dieser Verräterei
endlich auf den Grund zu kommen, hat uns ver-
anlaßt, die Dienste Ihres Instituts in Anspruch
zu nehmen."
„Verzeihen Sie," wandte ich ein. „Sollte die
Erklärung nicht einfach darin zu suchen sein, daß
jener Herr jetzt seine bei Ihnen erworbenen Kennt-
nisse Ihrer geschäftlichen Beziehungen verwertet?"
Aber beide Brüder schüttelten die Köpfe, und
Ludwig Eckardt sagte: „Mit dieser Wissenschaft
allein wäre er nicht sehr weit gekommen, schon
deshalb nicht, weil es keine eigentliche Vertrauens-
stellung war, die er in unserem Hause eingenommen
hat. Wir haben vielmehr zahlreiche handgreifliche
Beweise dafür, daß er mit irgend jemand aus
unserem Personal in ständiger und engster Ver-
bindung stehen muß. Über streng vertrauliche Ver-
handlungen, die wir mit diesem oder jenem Kunden
zum Zwecke großer Abschlüsse führen, ist er in der
Regel so frühzeitig unterrichtet, daß er uns durch
niedrigere Angebote zuvorzukommen vermag. Auf
Schritt und Tritt begegnen wir den Spuren seiner
gegen uns gerichteten unermüdlichen Minierarbeit.
Die Ermittlung und Unschädlichmachung des von
ihm bezahlten Spions ist und bleibt die einzige
Möglichkeit, den unerträglichen Zustand zu enden."
würde ja auch nicht der Mühe wert sein, sich auf
das Geschäft einzulassen, wenn sie es nicht wäre.
Denn — unter uns gesagt — das mit den zwanzig-
tausend Mark ist Heller Unsinn. Lassen Sie uns
die Sache als Kompagnons betreiben, mein Lieber
— und ich garantiere Ihnen mindestens das Fünf-
fache."
Wie eine Vision sah Gagliardi die fünf Nullen
vor seinen Augen tanzen, und sein schon durch den
ungewohnten Weingenuß erhitzter Kopf brannte
noch heißer.
„Daran ist nicht zu denken," sagte er unsicher.
„Der Rechtsanwalt würde mir als einem Ver-
rückten die Tür weisen, wem: ich ihm mit solcher
Forderung käme."
„Wenn Sie ihm morgen damit kämen — gewiß!
Davon ist auch gar nicht die Rede. Den richtigen
Zeitpunkt für unsere Operationen zu bestimmen,
müßten Sie schon mir überlassen. Aber vorläufig
weiß ich ja noch gar nicht, ob ich mich offen aus-
sprechen darf. Da müßten wir eigentlich erst auf
gute Freundschaft anstoßen, Fräulein Gregory!"
Er hielt ihr sein Glas entgegen, und sie erhob
ohne Zögern das ihre. „Wenn Sie es aufrichtig
mit uns meinen, Herr Mielentz —"
„Aufrichtig und treu wie ein Bruder. Ein alter
einsamer Junggeselle wie ich ist ja froh, wenn er
sich den Dank einer hübschen jungen Dame ver-
dienen kann. Vielleicht, wenn ich Ihnen zu Ihrem
Glück Verholfen habe, vergönnen Sie mir dermal-
einst ein trauliches Plätzchen an Ihrem Herde."
Die Gläser klangen zusammen, und Bilma nickte
ihm lächelnd zu. Auch ihre schmalen Wangen hatten
sich jetzt mit einer lebhaften Röte gefärbt, und in
ihr ganzes Wesen war eine Munterkeit gekommen,
die sie hübscher und reizvoller machte. Die offen-
kundige Verstimmtheit Gagliardis schien sie nicht
zu bemerken.
„Das wird ganz auf die Größe Ihrer Verdienste
ankommen," sagte sie schelmisch. „Vor allem möchte
ich gern wissen, wer die geheimnisvolle Dame
eigentlich ist."
^Fortsetzung folgt.!
Vie alte kaisei-stadt Sozial-.
l5iehe die 7 vilder aus 8e!te 40 und 41.)
am Nordrande des Harzes zu Füßen des erzreichen
ji-Z Rammelsberges sich hinziehende alte Kaiser- und
Reichstadt Goslar ist nicht nur wegen der hohen land-
schaftlichen Reize ihrer Umgebung das Ziel zahlreicher
fremder Besucher, sondern in nicht geringerem, ja viel-
leicht noch Höherem Maße wegen der Fülle historischer
Erinnerungen, die in einem daselbst auf Schritt und
Tritt beim Anblick all der ehrwürdigen, teilweise noch
aus frühem Mittelalter stammenden Bauwerke,, Kirchen
sowohl wie Profanbauten, und umfangreichen Überreste
der ehemaligen Besestigungswerke wachgerufen werden.
Daß es neben diesen Zeugen einer ruhmreichen, wenn
auch häufig recht stürmischen, ja unheilvollen Vergangen-
heit auch schöne, geschmackvolle, moderne Bauten, an-
mutige Villenviertel und den Anforderungen der Neuzeit
entsprechende Anlagen und Einrichtungen besitzt, macht
diesen jahrhundertelangen Mittelpunkt alter deutscher
Kaiserherrlichkeit nur noch interessanter und vielseitiger
und lockt auch manchen an, sich dort dauernd niederzu-
lassen, so daß Goslar heute schon eine richtige Pensiono-
polis genannt zu werden verdient. Wir müssen es uns
leider versagen, an dieser Stelle auch nur annähernd
all dem Interessanten und Merkwürdigen, was die Stadt
bietet, gerecht zu werden, können vielmehr nur eine kurze
Erläuterung zu den schönen, eine glückliche Auswahl
darstellenden Bildern geben, die wir auf Seite 40 und 4l
unseren Lesern darbielen. Wir lenken da die Aufmerk-
samkeit zuerst auf das imposante „Kaiserhaus", das älteste,
historisch bedeutsamste Baudenkmal Goslars, die in der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hauptsächlich
mit Hilfe der von Kaiser Wilhelm I. bewilligten Mittel
aus Verfall und Verwahrlosung wiedererstandene Kaiser-
pfalz, den Lieblingssitz der deutschen Kaiser von Hein-
rich II. bis Lothar von Sachsen (h1137), den Schauplatz
vieler wichtiger Reichsversammlungen, wo Entschlüsse
von schwerwiegender Bedeutung für die Geschichte des
Reiches gefaßt wurden. Mit seiner nach Osten gerich-
teten Hauptfront der Kaiserbleeke (Bleeke-Plan), einem
großen freien Platze mit den Reiterstandbildern der
Kaiser Friedrich Barbarossa und Wilhelm I., zugewandt,
besteht es aus einem langgestreckten, hauptsächlich den
„Reichssaal" umfassenden Hauptbau und einer südlichen
Vorhalle, zu der zwei mächtige Freitreppen emporführen.
Daran anschließend bildet ein neuerhauter Gang die
Verbindung mit der wiederhergestellten alten kaiserlichen
Hauskapelle, während die nördliche Verlängerung des
Hauptbaues, der 1551 angebaute Wohnflügel, heute außer
der Wohnung des Kastellans Museumsräume enthält.
Der Reichssaal, ein Tonnengewölbe mit Holzpfeilern
aus dem 15. Jahrhundert, ist an den Wänden mit
prächtigen historischen und allegorischen Gemälden be-
deckt und birgt den alten, auf einem Postament aufge-
stellten Kaiserstuhl, dessen Sitz von Sandstein, dessen
romanisch verzierte Lehne von Bronze ist. — Einen ma-
lerischen Anblick gewährt der Markt mit seinem aus dem
IS. Jahrhundert stammenden, neuerdings stilvoll wieder-
hergestelllen Rathaus, dem Marktbecken, einem im 13.Jahr-
1. Vas Luch fül- Mle .-O
hundert errichteten, zwei kunstvoll gearbeitete alte roma-
nische Bronzebecken aufweisenden Brunnen, und den ver-
schiedenen altertümlichen Privathäusern aus Stein oder
Fachwerk, unter denen die „Kaiserworth" das meiste In-
teresse erregt. Heute zu einem Hotel und Restaurant einge-
richtet, wurde es 1492 als Gildehaus der Gewandschneider
erbaut. An seiner mit Erkerturm versehenen Hauptfront
sind in dem auf Rundbogen und achteckigen Pfeilern ruhen-
den Obergestock die in Nischen stehenden hölzernen Stand-
bilder deutscher Kaiser zu sehen, deren Sockel mit phanta-
stischen, den schalkhaften Geist des Mittelalters verratenden
Figuren, darunter das Dukatenmännchen, geschmückt sind.
Wie die Kaiserworth, so dienen auch andere alte Gebäude,
entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung, als Unter-
kunft für Fremde und Stätten der Erholung bei gutem
Trunk und vortrefflicher Atzung, so die beiden abge-
bildeten, erstens das „Brusttuch", Hotel und Restaurant,
1526 von dem gelehrten Magister Thelling erbaut, mit
steilem, windschiefem Dach, hohen, gotisch verzierten und
mit Glasmalereien geschmückten Fenstern und meisterhaft
ausgeführten satirischen Holzschnitzereien an den Friesen
und Balkenköpfen, und zweitens der „Achtermann", ein
mächtiger Zwingerturm, dessen Inneres zu einer an-
heimelnden altdeutschen Bierhalle umgewandelt ist. Auch
das einzige noch stehengebliebene Stadttor, das „Breite
Tor" — die übrigen wurden von 1823 bis 1863 nieder-
gelegt — ist, wenigstens teilweise, einer neuen Bestimmung
zugesührt worden, indem der eine seiner vier wuchtigen,
von hohen Spitzdächern malerisch überragten Zwingtürme
zu einer herrschaftlichen Wohnung ausgebaut ist.
vammbl-uch.
dgs HUd sus 5ei!c 4;.)
H Iber eine Woche lang war schon der Regen im Gebirge
L-s niedergegangen, immer höher und höher war der
Fluß in der Ebene an den Dämmen, die die Wiesen und
Felder vor der Überschwemmung schützen, emporgestiegen,
und mit immer tollerer Geschwindigkeit schossen die grau-
gelben Fluten dahin. Sorgenvoll hatten die Bewohner
der hinter dem Damm gelegenen Dörfer aus den rasenden
Wogentanz im Flußbett geschaut. Da traf vollends vom
Stromamt die telegraphische Meldung ein: „Achtung.
Wolkenbruch im Gebirge. Vermutliches Steigen: 40 Zen-
timeter." Noch bedrohlicher wurde die Gefahr, als sich
schwere Gewitter im Tieflande selbst entluden. Tag und
Nacht wurden Dammwachen ausgestellt und widerstand-
schwache Stellen mit Faschinen und Sandsäcken geschützt.
Und nun nahte die gemeldete Stromschwelle mit ihren
kochenden, brausenden, tosenden Fluten. Wird der Damm
den ungeheuren Druck, der gegen ihn anwuchtet, aus-
halten? Oder wird er unter dem empörten Anprall der
Wasserlast bersten? Gurgelnd und glucksend schlagen
die Wellen gegen die Böschung, reißen die Grasnarbe
ab und fressen sich fletschend in den Damm hinein. Nur
noch zehn Zentimeter fehlen, und über die Dammkrone
wälzt sich die jagende Wassermasse! Da geht ein Zittern
und Beben durch den Dammkörper, den Wachen ist es
fast, als sollte er unter ihren Füßen weggeschoben werden,
ein Knirschen, Kreischen und Krachen durchschneidet die
Luft — der Damm ist gebrochen, und zischend, wirbelnd,
sich überstürzend saust durch die Bresche der verwüstende
Schwall über Wiesengründe und Ackerbreiten.
Vie ^angei-in.
l5iehe dss 8ttd sus 47.)
^in Wohltätigkeitsfest großen Stils, mit reichem, fast
überreichem Programm, das denn auch seine Schuldig-
keit getan und die „Mildtätigen" in großen Scharen
herbeigelockt hat. Eine schier endlose Reihe theatralischer,
musikalischer, selbst akrobatischer Darbietungen hat man
bereits „genossen", und nachgerade macht sich eine ge-
wisse Abspannung bei den Festteilnehmern bemerkbar.
Die nächste Nummer kann man sich wohl schenken —
denkt der und jener. Was ist's? Oh, eine namenlose
Sängerin, unbekannt, unberühmt, keine Diva, kein
„Star"! Aus welchem Grunde mag die wohl das Fest-
komitee eingeladen haben? Oder hat sie sich selbst an-
geboten — vielleicht aus Eitelkeit, um sich auch als
„Künstlerin" bewundern zu lassen? Das soll ja vor-
kommen. — Schon beginnt sich der Saal zu leeren, da
ertönt das Klingelzeichen, der Vorhang der kleinen
Salonbühne teilt sich, eine imponierende Frauengsstalt
tritt an die Rampe. Keiner denkt mehr ans Fortgehen,
alles blickt gespannt auf die unerwartete Erscheinung.
Da setzt auch schon die Begleitung ein — ein paar ein-
leitende Takte, und dann erschallt wunderbar seelenvoll
und glockenrein eine Stimme, die die geschulte, gereifte
Sängerin verrät. Tief dringt sie zu den Herzen der
atemlos lauschenden Hörer, sie alle wie mit Zauber-
macht in ihren Bann ziehend. — Die herrliche Arie ist
verklungen, die Sängerin will sich zurückziehen. Da
bricht der Jubel los, spontan, begeistert, des Beifall-
klatschens und Bravorufens ist kein Ende. Die sich vor-
hin „drücken" wollten, können sich jetzt nicht genug tun
in enthusiastischen Kundgebungen. Leider sind Lorbeer-
kränze, kostbare Bukette, wie man sich mit solchen zu
dem Auftreten einer Diva, eines „Stars" zu bewaffnen
pflegt, nicht zur Stelle, aber man hat ja Blumen, Rosen,
die man vorhin von den niedlichen Festverkäuferinnen
erstand und nun der gottbegnadeten Sängerin dort oben
auf dem kleinen Podium zu Füßen legen kann. Lächelnd
nimmt diese die Huldigungen entgegen, einige pracht-
voll vorgetragene Zugaben sind ihr Dank. Dann ver-
schwindet sie unauffällig. Wer war sie? Niemand weiß es
— außer dem Komitee, doch das schweigt. Sein Zweck
ist erreicht, und der Wunsch seines hilfreichen Gastes,
unbekannt zu bleiben, wird getreu respektiert. Wer war
sie? — Eine Sängerin.
. - --Heft 2
SeschMsgeheimnW.
eine vetektingeschichte von si. Mchardson.
_ (Nachdruck vrrdoten.)
handelt sich um einen Auftrag der Firma
Karl Ludwig Eckardt, Großhandlung in
Manufakturwaren. Das Haus ist eines
der angesehensten hier am Platze. Die
Inhaber des Geschäfts sind die Brüder Ludwig und
Rudolf Eckardt. Diese Herren fühlen sich auf das
empfindlichste dadurch geschädigt, daß seit etwa
Jahresfrist einem neu gegründeten Konkurrenz-
hause, der Firma Paul Hilgers, ihre wichtigsten
Geschäftsgeheimnisse zugetragen werden. Sie sind
überzeugt, daß der Verräter innerhalb ihres Per-
sonals zu suchen ist; aber es ist ihnen bisher nicht
gelungen, ihn zu ermitteln. Deshalb haben mich die
Herren ersucht, ihnen einen geschickten Detektiv
zuzusenden, und ich hoffe, eine gute Wahl zu treffen,
wenn ich Sie mit dieser anscheinend nicht ganz
leichten Aufgabe betraue. Sie können auf eine
ansehnliche Extrabelohnung rechnen, wenn es Ihnen
innerhalb der nächsten vier Wochen gelingt, den
Schuldigen zu entdecken und zu überführen."
Das war die Information, mit der mich mein Chef,
der Inhaber eines großen Detektivinstituts, versehen
hatte, ehe ich behufs Einholung genauerer Erkundi-
gungen zum ersten Male das Privatkontor der Firma
Karl Ludwig Eckardt betrat. Es war ein mit solider
kaufmännischer Vornehmheit ausgestattetes Arbeits-
zimmer hinter den langgestreckten Kontorräumen des
Hauses. Die beiden Chefs saßen einander an einem
mächtigen Doppelschreibtisch gegenüber, und es
wurde mir nicht schwer, auf den ersten Blick zu
erkennen, in welchem von ihnen ich den wirklichen
Leiter der Firma zu suchen hatte, denn sie waren
in ihrem Aussehen so verschieden, daß ein Unkundiger
sie wohl schwerlich für Brüder gehalten hätte. Der
Altere, dessen Haar und Bart bereits von zahlreichen
grauen Fäden durchzogen war, verkörperte mit
seiner etwas steifen Haltung, seinen kalten, klugen
Augen und seinem scharfgeschnittenen, ernsten Ge-
sicht den vollkommensten Typus des bedächtigen
Kaufmannes, während man in dem Jüngeren,
einem hübschen, blondbärtigen Dreißiger mit weichen
Gesichtszügen, viel eher einen Künstler hätte ver-
muten können.
Beide begrüßten mich mit ausgesuchter Höflich-
keit, und Ludwig Eckardt, der ältere der beiden, fing
sofort an, mir den Sachverhalt darzulegen.
„Der Inhaber der vor ungefähr einem Jahre
gegründeten Firma Paul Hilgers, die uns jetzt mit
den unlautersten Mitteln Konkurrenz macht, war
vorher als Disponent in unserem Hause tätig ge-
wesen. Sein Austritt erfolgte, weil ich genötigt
war, ihn wegen einer Inkorrektheit zur Rede zu
stellen, und weil mich sein unpassendes Verhalten
bei dieser Gelegenheit zwang, ihn ohne Kündigung
vor die Tür zu setzen. Von irgend einer uns unbe-
kannten Seite müssen dem bis dahin vermögens-
losen jungen Manne dann die Mittel gewährt
worden sein, sich selbständig zu machen. Sein Be-
streben ist nun unverkennbar darauf gerichtet, uns
überall den Boden abzugraben, und er schreckt dabei
selbst vor erheblichen Opfern nicht zurück. Bei
dem festgegründeten Rufe unseres alten Hauses
könnten uns diese Bemühungen an und für sich
sehr kalt lassen, wenn unser Konkurrent nicht fort-
gesetzt über unsere intimsten geschäftlichen Ange-
legenheiten in einer Weise unterrichtet würde, die
ihn in den Stand setzt, uns den schwersten Schaden
zuzufügen. Die Notwendigkeit, dieser Verräterei
endlich auf den Grund zu kommen, hat uns ver-
anlaßt, die Dienste Ihres Instituts in Anspruch
zu nehmen."
„Verzeihen Sie," wandte ich ein. „Sollte die
Erklärung nicht einfach darin zu suchen sein, daß
jener Herr jetzt seine bei Ihnen erworbenen Kennt-
nisse Ihrer geschäftlichen Beziehungen verwertet?"
Aber beide Brüder schüttelten die Köpfe, und
Ludwig Eckardt sagte: „Mit dieser Wissenschaft
allein wäre er nicht sehr weit gekommen, schon
deshalb nicht, weil es keine eigentliche Vertrauens-
stellung war, die er in unserem Hause eingenommen
hat. Wir haben vielmehr zahlreiche handgreifliche
Beweise dafür, daß er mit irgend jemand aus
unserem Personal in ständiger und engster Ver-
bindung stehen muß. Über streng vertrauliche Ver-
handlungen, die wir mit diesem oder jenem Kunden
zum Zwecke großer Abschlüsse führen, ist er in der
Regel so frühzeitig unterrichtet, daß er uns durch
niedrigere Angebote zuvorzukommen vermag. Auf
Schritt und Tritt begegnen wir den Spuren seiner
gegen uns gerichteten unermüdlichen Minierarbeit.
Die Ermittlung und Unschädlichmachung des von
ihm bezahlten Spions ist und bleibt die einzige
Möglichkeit, den unerträglichen Zustand zu enden."