heft 6- — - - - Vas guch fül- Nlle -..- --1ZS
Um die Mittagsstunde hatte Doktor Hasselbach
durch den Fernsprecher angefragt, ob er ihr gegen
Abend seine Aufwartung machen dürfe, und sie
hatte ihn auf sieben Uhr zu sich bestellt. Es war bei
aller rmbeugsamen Entschlossenheit doch wie eine
Empfindung des Schreckens durch ihre Seele ge-
gangen, als ihr der Rechtsanwalt mitgeteilt hatte,
daß sein Bureauvorsteher schon mit dem Frühzuge
nach Waldenburg gefahren sei, um durch seine
Anwesenheit zu verhindern, daß sich etwa noch im
letzten Augenblick irgendwelche Schwierigkeiten er-
gäben. Sie erkundigte sich nicht, von welcher Art
diese Schwierigkeiten hätten sein können, denn sie
hatte bei dem Empfang der Mitteilung nur den
einen Gedanken, daß es nun wirklich kein Zurück
mehr für sie gab, daß sie jetzt den letzten, entscheiden-
den Schritt auch dann würde tun müssen, wenn
alles in ihrem Innern sich dagegen auflehnte. Kurz
hatte sie das Telephongespräch abgebrochen, und
die träge hinschleichenden Viertelstunden, die sie
mit nichts anderem auszufüllen vermochte als mit
ihren unerfreulichen Gedanken, wurden ihr seit-
dem zu fast unerträglicher Qual.
Die Uhr schlug eben fünf, als Annie mit einer
Besuchskarte hereinkam. „Der Herr läßt das gnädige
Fräulein dringend um kurzes Gehör bitten," be-
richtete sie. „Es ist ein Offizier."
Noras Hand, die ungestüm nach der Karte
gegriffen hatte, sank herab. Sie fühlte ihr Erbleichen,
und wieder regte sich in ihr der Zorn gegen die
eigene Schwäche. Was war geschehen, daß dieser
Mann, dessen sie noch vor kurzem ohne stürmische
Erregung hatte gedenken können,, mit einem Male
eine Macht über sie gewonnen hatte, wie er sie nach
ihrem Erinnern kaum in den Tagen des ersten
beglückenden Liebesfrühlings besessen? Liebte sie
Dietrich v. Reckenthin noch immer, oder liebte sie
ihn von neuem, seitdem er zufällig für einen flüch-
tigen Augenblick ihren Lebensweg gekreuzt hatte?
Und war sie, die Starke und Stolze, wirklich ein
ebenso schwaches und hilfloses Weib geworden wie
alle die anderen, deren klägliche Ohnmacht im Kampf
gegen das heiße Begehren des Blutes sie so oft
geringschätzig belächelt hatte? Nein, das war un-
möglich, das konnte und durste nicht fein!
Und weil es nicht sein durfte, darum wollte sie
ihn empfangen. Nicht bloß durch ihre Heirat wollte
sie ihm beweisen, daß seine Person jegliche Bedeu-
tung für ihr Leben verloren habe, auch aus ihrem
Benehmen, aus der Gleichgültigkeit, mit der sie
ihm gegenübertreten und ihm ins Auge sehen
konnte, sollte er es erkennen.
„Führen Sie den Herrn Hauptmann in den
Salon," befahl sie, und als das Mädchen hinaus
war, machte sie halb unwillkürlich eine Bewegung
nach dem Toilettezimmer hin, in dem der große
Ankleidespiegel stand. Aber noch ehe sie die Schwelle
erreicht hatte, blieb sie stirnrunzelnd stehen und warf
mit einer hochmütigen Gebärde den Kopf zurück.
Wozu bedurfte sie des Spiegels? War es nicht
vollkommen gleichgültig, ob sie schön oder häßlich
aussah, wenn sie vor Reckenthin hintrat? Demütigte
sie sich nicht vor sich selbst, wenn sie auch nur ein
Löckchen oder eine Schleife anders ordnete um
seinetwillen? Demütigte sie sich dadurch nicht zehn-
fach, da sie doch wußte, daß er nicht ihretwegen
kam, sondern wegen der anderen, die er als unschein-
baren Backfisch verlassen und als blühend schönes
junges Weib wiedergefunden hatte? Die Ver-
änderung mußte fürwahr einen gewaltigen Eindruck
auf ihn gemacht haben, daß er es sogar wagen
konnte, hierher zu kommen, nur um sie wieder-
zusehen und sich eine Fortsetzung des Verkehrs zu
ermöglichen. Es war für Nora ja nicht zweifelhaft,
daß Eva ihn irgendwie dazu ermutigt haben mußte;
aber daß er es wirklich wagte, empörte sie doch,
und mehr als alles andere war der Gedanke an dies
verräterische Spiel danach angetan, ihr Haltung und
Sicherheit zu verleihen.
(Fortsetzung folgt.»
Wolfsjagd in Ilordl'ußland.
(Ziehe das MI» auf Zeile IN und 137.)
ir vermögen — da wir den Wolf nur noch vom
Hörensagen oder aus dem Märchen kennen — uns
kaum eine Vorstellung davon zu machen, welche ver-
hängnisvolle Rolle er noch heute in den weiten Ebenen
und Wäldern Rußlands spielt. Zwar ist dieses Raub-
tier feig, greift den Menschen nur in Rudeln an und
auch dann nur, wenn ihn im Winter Hunger und Kälte
toll gemacht haben, aber bei der Spärlichkeit der Dörfer,
die weit voneinander entfernt liegen und der verhält-
nismäßigen Unbesiedeltheit des flachen Landes ist er
für einsame Wanderer doch kein zu verachtender Feind,
und unter den Schafherden richtet er fortwährend großen
Schaden an. Man sucht ihn daher auf alle mögliche
Aleise zu vertilgen, und die Wolfsjagd ist auf dem Lande
für hoch und nieder das verbreitetste Vergnügen Ein
vielgebrauchter Kniff dabei ist es, Meister Isegrim
durch die Aussicht auf leichte Beute zu verlocken, sich den
Schüssen der Jäger preiszugeben. Letztere steigen in
einen Schlitten, und während dieser, von dem bekannten
nationalen Dreigespann gezogen, pfeilschnell dahinsaust,
hält einer der Jäger ein mitgenommenes Ferkel am Schwanz
in die Höhe. Die quietschenden Klagelaute des geäng-
stigten Borstenviehs ziehen von weither alle Wölfe her-
bei, die sich eifrig an die Verfolgung des Schlittens
machen, aber nur den Tod durch die unaufhörlich nach
allen Seiten feuernden Doppelflinten der Jäger finden.
Die Sache ist ziemlich ungefährlich, nur muß darauf ge-
achtet werden, daß nicht etwa eines der Raubtiere, vom
Kutscher unbemerkt, einem der Pferde an die Gurgel
springt und es zu Falle bringt. Dann wird die Sache
kritisch.
Vie Tpeni-e für Zuspätkommende an der
Lörse in kjamburg.
(Ziehe das bild auf Zeile 139.)
^iner der ersten Börsenplätze Deutschlands ist Ham-
bürg. Das Börsengebäude liegt ganz in der Nähe
des Rathauses am Adolfsplatz. Bereits in den Jahren
1839—41 nach den Plänen von Wimmel und Forsmann
errichtet, aber von dem großen Brand verschont, wurde
es 1859 nach der Johannisstraße zu und 1879—84 nach
dem Altenwall hin durch den Anbau des" Nordflügels
mit dem Fondsbörsensaal wesentlich erweitert. Die drei
Versammlungssäle, die Fonds-, Waren- und Kornbörse,
sind im Erdgeschoß durch Arkaden verbunden. In den
Arkaden sind Maklerkontore und Geschäftszimmer von
Reedereien und Exporthäusern untergebracht. In den
oberen Räumen befinden sich die Lesezimmer, ein Früh-
stücksrestaurant, die Bureaus der Handelskammer, das
Dispachekontor und die Kommerzbibliothek. Die Börsen-
zeit, in der die Handelswelt ihre Geschäfte abwickelt,
beginnt um IV- Uhr. Es hat sich nun hier ein eigen-
tümlicher Brauch ausgebildet, der den Zweck hat, die
Börsenbesucher zur Pünktlichkeit anzuhalten. Um 1^4 Uhr
schließen nämlich die Diener um den durch die Tür
hineindrängenden Schwarm mit den Händen eine Kette.
In diesem Augenblick entspannt sich unter den Nachzüglern,
die sich noch auf dem Adolfsplatz befinden, eine Art
Wettrennen. Selbst recht beleibte Herren nehmen die
Beine in die Hand, verlieren womöglich bei dem be-
schleunigten Trab Hut oder Schirm, freuen sich aber
königlich, wenn es ihnen gelingt, noch durch die Ab-
sperrung durchzuschlüpfen. Denn sowie die von den
Dienern Umschlossenen die Börse betreten haben, müssen
alle Späterkommenden, wie es unser anschauliches Bild
auf Seite 139 zeigt, dreißig Pfennig in die vorgehaltenen
Sammelbüchsen abladen. Außer Getreide aus Nord-
deutschland und Rußland werden von Waren vornehm-
lich Kaffee, Kakao, Schmalz, Rüböl, Zinn, Salpeter
und Kautschuk gehandelt.
Mffauasovl'einem marokkanischen
(Ziehe das 8>Id au) Zeile 141.)
s gibt eine merkwürdige Verbindung mohammedani-
V- scher Fanatiker, eine Art religiöser Sekte, die vor
allem in Marokko häufig ist, deren Anhänger aber auch
in anderen Teilen der mohammedanischen Welt ange-
troffen werden. Es sind die Aissauas oder Asisin, die
sich nach dem „Propheten" Jesus (Alssa Jesus) nennen.
In ihm erblicken sie ihr unsichtbares geistiges Ober-
haupt, von ihm behaupten sie die ihnen angeblich inne-
wohnende Wunderkraft ererbt zu haben. Sie stützen
sich dabei auf die Worte Mohammeds im Koran, „daß
ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu tun, nicht
verliehen sei, daß aber Jesus sie gehabt habe". In
Wirklichkeit sind die Aissauas kaum etwas anderes als
Gaukler, die die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen
nach Kräften zu ihrem Nutzen auszubeuten suchen. Von
allen anderen Sekten, religiösen Orden und dergleichen
unterscheidet sie hauptsächlich der Umstand, daß sie kein
lebendes Oberhaupt haben, keine bestimmten Ordens-
regeln, kein religiöses Zentrum, in Marokko Sauya ge-
nannt, was soviel bedeutet wie Kloster, Wallfahrtsort,
Schule, Asyl zusammengenommen. Um ihre wunder-
tätige Heiligkeit darzutun, versetzen sie sich, wie es unser
interessantes Bild auf Seite 141, wo sie sich vor einem
marokkanischen Großen produzieren, in packender Weise
schildert, durch Tanzen und Schreien und wildes Ge-
baren künstlich in einen Zustand der Raserei, die für
religiöse Ekstase gilt. Zum Beweise dafür, daß sie in
solcher Ekstase giftfest und unverwundbar seien, voll-
führen sie die tollsten Dinge. Gerhard Rohlfs, der
bekannte Afrikaforscher, der die Aissauas oft zu be-
obachten Gelegenheit hatte, sagt, daß ihre Kunststücke
sehr verschiedener Art seien. So nehmen sie z. B. einen
Skorpion in die Hand oder lassen giftige Schlangen aus
dem Körper Herumkriechen. Manchmal errege es gerade-
zu Entsetzen, wenn man sehe, wie die Leute Schlangen
lebendig verzehren, zerhackte Nägel, gestoßenes Glas,
scharfkantige Steine und glühende Kohlen hinunter-
schlucken, wie sie unter dem Ausruf „Allah und Aissa"
ihren Körper schlagen, daß er blutrünstig wird. Je
toller die Fanatiker es treiben, desto mehr finden sie ein
gläubiges Publikum, das von ihrer Wundertätigkeit fest
überzeugt ist, und zwar nicht nur unter dem niederen
Volk, sondern auch unter den Vornehmen und Gebil-
deten. Dabei ist es gar nicht einmal ungefährlich, ihren
Rasereien beizuwohnen, denn sie stürzen sich urplötzlich
aus die Umstehenden und verüben die schlimmsten Ge-
walttätigkeiten, für die sie übrigens niemals bestraft
werden.
Vie Mnengmbe.
ei^ählung aus Ksiifoi-nien. von Mfred Manns.
(Nachdruck verboten.)
Arling lehnte an einer Riesenzeder,
die am Abgrund einer jäh abfallenden
AWU Schlucht mitten im wildesten Urwald der
kalifornischen Kordilleren wuchs.
Lange Zeit stand er so, fortwährend Zigaretten
rauchend und in die Ferne starrend.
Von irgendwoher ertönte leiser Vogelruf, Bienen
summten in der Luft, sonst war Totenstille.
Doch nicht ganz. Da war noch ein anderer Ton,
fern und dumpf, es klang, als ob eine Dampf-
maschine keuchte, und dann wieder, als wenn ein
Bulle seinen heiseren Kampfschrei herausfordernd
in die Welt brüllte. Dazwischen vernahm man
ein Gräben und Schlürfen.
Oliver warf einen verglimmenden Zigaretten-
stummel den Abhang Hinab und sah interessiert zu,
wie er kleiner und kleiner wurde, bis er seinen
Blicken entschwand.
Einige große Felsstücke, die er vor einigen Tagen
mit der Spitzhacke aus dem steinigen Boden ge-
schlagen hatte, wälzte der junge Trapper über den
Rand des Felsplateaus; erst viele Sekunden später
verkündete ein leises Geräusch, daß die Steine
unten angelangt waren.
Wieder stand Oliver Arling bewegungslos; er
nagte an seiner Unterlippe und sah zu Boden.
Dann wandte er sich und ging langsam einen halben
Steinwurf weit in den Urwald hinein.
Hier befand sich ein etwa drei Meter breites
und ebenso tiefes Loch. Vor diesem Loch legte sich
Oliver nieder, zündete sich eine neue Zigarette
an und blickte aufmerksam hinunter.
„Hm — er muß einen Tag hungern," murmelte
er und ergriff einen Stein, den er in das Loch
warf..
Das eigenartige Schnauben und Brummen ver-
stärkte sich. Ein riesiger Grislybär hockte in der
einen Ecke der Grube und sah mit den kleinen
tückischen Äuglein zu dem jungen Manne empor.
Oliver nahm aus seiner Jagdtasche ein Stück
Fleisch und eine Blechbüchse mit Honig, diesen
goß er über das Fleisch, band letzteres an einen
Strick und ließ es vor der Nase des Bären hin und
her schaukeln. Einige Male schnappte die Bestie
zu, doch als sie merkte, daß sie nur genarrt wurde,
rührte sie sich nicht weiter, aber ihre Augen schillerten
grünlich, und aus dem geöffneten Rachen tönte
ein Pfeifen maßloser Wut.
„Morgen ist der Bursche gut," brummte der
Trapper vor sich hin, erhob sich und machte sich daran,
die von dem Gewicht des Bären durchbrochene
trügerische Bedeckung des Loches zu erneuern.
Es war eine mühsame Arbeit. Aus dem dich-
testen Gestrüpp holte Oliver Ranken, junge Stämme
und Zweige, die er zu einem lose zusammen-
hängenden Ganzen verflocht. Die so hergestellte
Matte deckte er über die Grube, worauf er die
Oberfläche mit Erde, Laubwerk, Zweigen und
kleinen Steinen bestreute.
Zufrieden betrachtete er sein Werk. Von der
Grube war nichts mehr zu bemerken, auch ein
Indianer hätte hier nichts anderes gesehen als
Urwaldboden.
Nach Möglichkeit verwischte Oliver die Spuren
seiner Tätigkeit, besonders vorsichtig verschloß er
den Eingang zum Gebüsch, wo er das Strauchwerk
geholt hatte.
Langsam stieg der junge Trapper dann ins Tal.
Er war ein großer, kräftiger Bursche mit braun-
wolligem Haar, das selbst der große Filzhut nicht ganz
zu verdecken vermochte. Er hatte ein offenes Ge-
sicht und klare Augen, in denen aber jetzt ein eigen-
tümlicher Ausdruck lag, der Blick des Träumers,
der Blick eines Menschen, den die Leidenschaft wie
eine Maschine auf ein Ziel lostreibt.
Mechanisch und fast unbewußt waren Olivers
Schritte.
Nach einstündigcm Abstieg gelangte er an einen
Fluß. Hinter einem Gehölz von Steineichen lag
die Blockhütte, die er mit Pat O'Clannahan be-
wohnte, und auch das Haus Ole Nilssons befand sich
dort. Verwundert schaute Oliver auf, es war ihm,
als habe er die ganze Zeit geschlafen. Aber das
Erwachen war kein erfreuliches, und die Falte
zwischen seinen Brauen vertiefte sich.
In den Lüften erscholl der Schrei eines Falken,
vermischt mit dem Kreischen der Todesangst einer
Wildtaube, die der Raubvogel in den Fängen hielt.
Oliver schoß, und der Falke stürzte mit seiner
Beute zur Erde. Der Raubvogel war tot, doch die
Wildtaube gab noch Zeichen des Lebens von sich.
Vorsichtig löste der junge Mann das Tierchen aus
den Fängen des Räubers, deu er achtlos liegen
Um die Mittagsstunde hatte Doktor Hasselbach
durch den Fernsprecher angefragt, ob er ihr gegen
Abend seine Aufwartung machen dürfe, und sie
hatte ihn auf sieben Uhr zu sich bestellt. Es war bei
aller rmbeugsamen Entschlossenheit doch wie eine
Empfindung des Schreckens durch ihre Seele ge-
gangen, als ihr der Rechtsanwalt mitgeteilt hatte,
daß sein Bureauvorsteher schon mit dem Frühzuge
nach Waldenburg gefahren sei, um durch seine
Anwesenheit zu verhindern, daß sich etwa noch im
letzten Augenblick irgendwelche Schwierigkeiten er-
gäben. Sie erkundigte sich nicht, von welcher Art
diese Schwierigkeiten hätten sein können, denn sie
hatte bei dem Empfang der Mitteilung nur den
einen Gedanken, daß es nun wirklich kein Zurück
mehr für sie gab, daß sie jetzt den letzten, entscheiden-
den Schritt auch dann würde tun müssen, wenn
alles in ihrem Innern sich dagegen auflehnte. Kurz
hatte sie das Telephongespräch abgebrochen, und
die träge hinschleichenden Viertelstunden, die sie
mit nichts anderem auszufüllen vermochte als mit
ihren unerfreulichen Gedanken, wurden ihr seit-
dem zu fast unerträglicher Qual.
Die Uhr schlug eben fünf, als Annie mit einer
Besuchskarte hereinkam. „Der Herr läßt das gnädige
Fräulein dringend um kurzes Gehör bitten," be-
richtete sie. „Es ist ein Offizier."
Noras Hand, die ungestüm nach der Karte
gegriffen hatte, sank herab. Sie fühlte ihr Erbleichen,
und wieder regte sich in ihr der Zorn gegen die
eigene Schwäche. Was war geschehen, daß dieser
Mann, dessen sie noch vor kurzem ohne stürmische
Erregung hatte gedenken können,, mit einem Male
eine Macht über sie gewonnen hatte, wie er sie nach
ihrem Erinnern kaum in den Tagen des ersten
beglückenden Liebesfrühlings besessen? Liebte sie
Dietrich v. Reckenthin noch immer, oder liebte sie
ihn von neuem, seitdem er zufällig für einen flüch-
tigen Augenblick ihren Lebensweg gekreuzt hatte?
Und war sie, die Starke und Stolze, wirklich ein
ebenso schwaches und hilfloses Weib geworden wie
alle die anderen, deren klägliche Ohnmacht im Kampf
gegen das heiße Begehren des Blutes sie so oft
geringschätzig belächelt hatte? Nein, das war un-
möglich, das konnte und durste nicht fein!
Und weil es nicht sein durfte, darum wollte sie
ihn empfangen. Nicht bloß durch ihre Heirat wollte
sie ihm beweisen, daß seine Person jegliche Bedeu-
tung für ihr Leben verloren habe, auch aus ihrem
Benehmen, aus der Gleichgültigkeit, mit der sie
ihm gegenübertreten und ihm ins Auge sehen
konnte, sollte er es erkennen.
„Führen Sie den Herrn Hauptmann in den
Salon," befahl sie, und als das Mädchen hinaus
war, machte sie halb unwillkürlich eine Bewegung
nach dem Toilettezimmer hin, in dem der große
Ankleidespiegel stand. Aber noch ehe sie die Schwelle
erreicht hatte, blieb sie stirnrunzelnd stehen und warf
mit einer hochmütigen Gebärde den Kopf zurück.
Wozu bedurfte sie des Spiegels? War es nicht
vollkommen gleichgültig, ob sie schön oder häßlich
aussah, wenn sie vor Reckenthin hintrat? Demütigte
sie sich nicht vor sich selbst, wenn sie auch nur ein
Löckchen oder eine Schleife anders ordnete um
seinetwillen? Demütigte sie sich dadurch nicht zehn-
fach, da sie doch wußte, daß er nicht ihretwegen
kam, sondern wegen der anderen, die er als unschein-
baren Backfisch verlassen und als blühend schönes
junges Weib wiedergefunden hatte? Die Ver-
änderung mußte fürwahr einen gewaltigen Eindruck
auf ihn gemacht haben, daß er es sogar wagen
konnte, hierher zu kommen, nur um sie wieder-
zusehen und sich eine Fortsetzung des Verkehrs zu
ermöglichen. Es war für Nora ja nicht zweifelhaft,
daß Eva ihn irgendwie dazu ermutigt haben mußte;
aber daß er es wirklich wagte, empörte sie doch,
und mehr als alles andere war der Gedanke an dies
verräterische Spiel danach angetan, ihr Haltung und
Sicherheit zu verleihen.
(Fortsetzung folgt.»
Wolfsjagd in Ilordl'ußland.
(Ziehe das MI» auf Zeile IN und 137.)
ir vermögen — da wir den Wolf nur noch vom
Hörensagen oder aus dem Märchen kennen — uns
kaum eine Vorstellung davon zu machen, welche ver-
hängnisvolle Rolle er noch heute in den weiten Ebenen
und Wäldern Rußlands spielt. Zwar ist dieses Raub-
tier feig, greift den Menschen nur in Rudeln an und
auch dann nur, wenn ihn im Winter Hunger und Kälte
toll gemacht haben, aber bei der Spärlichkeit der Dörfer,
die weit voneinander entfernt liegen und der verhält-
nismäßigen Unbesiedeltheit des flachen Landes ist er
für einsame Wanderer doch kein zu verachtender Feind,
und unter den Schafherden richtet er fortwährend großen
Schaden an. Man sucht ihn daher auf alle mögliche
Aleise zu vertilgen, und die Wolfsjagd ist auf dem Lande
für hoch und nieder das verbreitetste Vergnügen Ein
vielgebrauchter Kniff dabei ist es, Meister Isegrim
durch die Aussicht auf leichte Beute zu verlocken, sich den
Schüssen der Jäger preiszugeben. Letztere steigen in
einen Schlitten, und während dieser, von dem bekannten
nationalen Dreigespann gezogen, pfeilschnell dahinsaust,
hält einer der Jäger ein mitgenommenes Ferkel am Schwanz
in die Höhe. Die quietschenden Klagelaute des geäng-
stigten Borstenviehs ziehen von weither alle Wölfe her-
bei, die sich eifrig an die Verfolgung des Schlittens
machen, aber nur den Tod durch die unaufhörlich nach
allen Seiten feuernden Doppelflinten der Jäger finden.
Die Sache ist ziemlich ungefährlich, nur muß darauf ge-
achtet werden, daß nicht etwa eines der Raubtiere, vom
Kutscher unbemerkt, einem der Pferde an die Gurgel
springt und es zu Falle bringt. Dann wird die Sache
kritisch.
Vie Tpeni-e für Zuspätkommende an der
Lörse in kjamburg.
(Ziehe das bild auf Zeile 139.)
^iner der ersten Börsenplätze Deutschlands ist Ham-
bürg. Das Börsengebäude liegt ganz in der Nähe
des Rathauses am Adolfsplatz. Bereits in den Jahren
1839—41 nach den Plänen von Wimmel und Forsmann
errichtet, aber von dem großen Brand verschont, wurde
es 1859 nach der Johannisstraße zu und 1879—84 nach
dem Altenwall hin durch den Anbau des" Nordflügels
mit dem Fondsbörsensaal wesentlich erweitert. Die drei
Versammlungssäle, die Fonds-, Waren- und Kornbörse,
sind im Erdgeschoß durch Arkaden verbunden. In den
Arkaden sind Maklerkontore und Geschäftszimmer von
Reedereien und Exporthäusern untergebracht. In den
oberen Räumen befinden sich die Lesezimmer, ein Früh-
stücksrestaurant, die Bureaus der Handelskammer, das
Dispachekontor und die Kommerzbibliothek. Die Börsen-
zeit, in der die Handelswelt ihre Geschäfte abwickelt,
beginnt um IV- Uhr. Es hat sich nun hier ein eigen-
tümlicher Brauch ausgebildet, der den Zweck hat, die
Börsenbesucher zur Pünktlichkeit anzuhalten. Um 1^4 Uhr
schließen nämlich die Diener um den durch die Tür
hineindrängenden Schwarm mit den Händen eine Kette.
In diesem Augenblick entspannt sich unter den Nachzüglern,
die sich noch auf dem Adolfsplatz befinden, eine Art
Wettrennen. Selbst recht beleibte Herren nehmen die
Beine in die Hand, verlieren womöglich bei dem be-
schleunigten Trab Hut oder Schirm, freuen sich aber
königlich, wenn es ihnen gelingt, noch durch die Ab-
sperrung durchzuschlüpfen. Denn sowie die von den
Dienern Umschlossenen die Börse betreten haben, müssen
alle Späterkommenden, wie es unser anschauliches Bild
auf Seite 139 zeigt, dreißig Pfennig in die vorgehaltenen
Sammelbüchsen abladen. Außer Getreide aus Nord-
deutschland und Rußland werden von Waren vornehm-
lich Kaffee, Kakao, Schmalz, Rüböl, Zinn, Salpeter
und Kautschuk gehandelt.
Mffauasovl'einem marokkanischen
(Ziehe das 8>Id au) Zeile 141.)
s gibt eine merkwürdige Verbindung mohammedani-
V- scher Fanatiker, eine Art religiöser Sekte, die vor
allem in Marokko häufig ist, deren Anhänger aber auch
in anderen Teilen der mohammedanischen Welt ange-
troffen werden. Es sind die Aissauas oder Asisin, die
sich nach dem „Propheten" Jesus (Alssa Jesus) nennen.
In ihm erblicken sie ihr unsichtbares geistiges Ober-
haupt, von ihm behaupten sie die ihnen angeblich inne-
wohnende Wunderkraft ererbt zu haben. Sie stützen
sich dabei auf die Worte Mohammeds im Koran, „daß
ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu tun, nicht
verliehen sei, daß aber Jesus sie gehabt habe". In
Wirklichkeit sind die Aissauas kaum etwas anderes als
Gaukler, die die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen
nach Kräften zu ihrem Nutzen auszubeuten suchen. Von
allen anderen Sekten, religiösen Orden und dergleichen
unterscheidet sie hauptsächlich der Umstand, daß sie kein
lebendes Oberhaupt haben, keine bestimmten Ordens-
regeln, kein religiöses Zentrum, in Marokko Sauya ge-
nannt, was soviel bedeutet wie Kloster, Wallfahrtsort,
Schule, Asyl zusammengenommen. Um ihre wunder-
tätige Heiligkeit darzutun, versetzen sie sich, wie es unser
interessantes Bild auf Seite 141, wo sie sich vor einem
marokkanischen Großen produzieren, in packender Weise
schildert, durch Tanzen und Schreien und wildes Ge-
baren künstlich in einen Zustand der Raserei, die für
religiöse Ekstase gilt. Zum Beweise dafür, daß sie in
solcher Ekstase giftfest und unverwundbar seien, voll-
führen sie die tollsten Dinge. Gerhard Rohlfs, der
bekannte Afrikaforscher, der die Aissauas oft zu be-
obachten Gelegenheit hatte, sagt, daß ihre Kunststücke
sehr verschiedener Art seien. So nehmen sie z. B. einen
Skorpion in die Hand oder lassen giftige Schlangen aus
dem Körper Herumkriechen. Manchmal errege es gerade-
zu Entsetzen, wenn man sehe, wie die Leute Schlangen
lebendig verzehren, zerhackte Nägel, gestoßenes Glas,
scharfkantige Steine und glühende Kohlen hinunter-
schlucken, wie sie unter dem Ausruf „Allah und Aissa"
ihren Körper schlagen, daß er blutrünstig wird. Je
toller die Fanatiker es treiben, desto mehr finden sie ein
gläubiges Publikum, das von ihrer Wundertätigkeit fest
überzeugt ist, und zwar nicht nur unter dem niederen
Volk, sondern auch unter den Vornehmen und Gebil-
deten. Dabei ist es gar nicht einmal ungefährlich, ihren
Rasereien beizuwohnen, denn sie stürzen sich urplötzlich
aus die Umstehenden und verüben die schlimmsten Ge-
walttätigkeiten, für die sie übrigens niemals bestraft
werden.
Vie Mnengmbe.
ei^ählung aus Ksiifoi-nien. von Mfred Manns.
(Nachdruck verboten.)
Arling lehnte an einer Riesenzeder,
die am Abgrund einer jäh abfallenden
AWU Schlucht mitten im wildesten Urwald der
kalifornischen Kordilleren wuchs.
Lange Zeit stand er so, fortwährend Zigaretten
rauchend und in die Ferne starrend.
Von irgendwoher ertönte leiser Vogelruf, Bienen
summten in der Luft, sonst war Totenstille.
Doch nicht ganz. Da war noch ein anderer Ton,
fern und dumpf, es klang, als ob eine Dampf-
maschine keuchte, und dann wieder, als wenn ein
Bulle seinen heiseren Kampfschrei herausfordernd
in die Welt brüllte. Dazwischen vernahm man
ein Gräben und Schlürfen.
Oliver warf einen verglimmenden Zigaretten-
stummel den Abhang Hinab und sah interessiert zu,
wie er kleiner und kleiner wurde, bis er seinen
Blicken entschwand.
Einige große Felsstücke, die er vor einigen Tagen
mit der Spitzhacke aus dem steinigen Boden ge-
schlagen hatte, wälzte der junge Trapper über den
Rand des Felsplateaus; erst viele Sekunden später
verkündete ein leises Geräusch, daß die Steine
unten angelangt waren.
Wieder stand Oliver Arling bewegungslos; er
nagte an seiner Unterlippe und sah zu Boden.
Dann wandte er sich und ging langsam einen halben
Steinwurf weit in den Urwald hinein.
Hier befand sich ein etwa drei Meter breites
und ebenso tiefes Loch. Vor diesem Loch legte sich
Oliver nieder, zündete sich eine neue Zigarette
an und blickte aufmerksam hinunter.
„Hm — er muß einen Tag hungern," murmelte
er und ergriff einen Stein, den er in das Loch
warf..
Das eigenartige Schnauben und Brummen ver-
stärkte sich. Ein riesiger Grislybär hockte in der
einen Ecke der Grube und sah mit den kleinen
tückischen Äuglein zu dem jungen Manne empor.
Oliver nahm aus seiner Jagdtasche ein Stück
Fleisch und eine Blechbüchse mit Honig, diesen
goß er über das Fleisch, band letzteres an einen
Strick und ließ es vor der Nase des Bären hin und
her schaukeln. Einige Male schnappte die Bestie
zu, doch als sie merkte, daß sie nur genarrt wurde,
rührte sie sich nicht weiter, aber ihre Augen schillerten
grünlich, und aus dem geöffneten Rachen tönte
ein Pfeifen maßloser Wut.
„Morgen ist der Bursche gut," brummte der
Trapper vor sich hin, erhob sich und machte sich daran,
die von dem Gewicht des Bären durchbrochene
trügerische Bedeckung des Loches zu erneuern.
Es war eine mühsame Arbeit. Aus dem dich-
testen Gestrüpp holte Oliver Ranken, junge Stämme
und Zweige, die er zu einem lose zusammen-
hängenden Ganzen verflocht. Die so hergestellte
Matte deckte er über die Grube, worauf er die
Oberfläche mit Erde, Laubwerk, Zweigen und
kleinen Steinen bestreute.
Zufrieden betrachtete er sein Werk. Von der
Grube war nichts mehr zu bemerken, auch ein
Indianer hätte hier nichts anderes gesehen als
Urwaldboden.
Nach Möglichkeit verwischte Oliver die Spuren
seiner Tätigkeit, besonders vorsichtig verschloß er
den Eingang zum Gebüsch, wo er das Strauchwerk
geholt hatte.
Langsam stieg der junge Trapper dann ins Tal.
Er war ein großer, kräftiger Bursche mit braun-
wolligem Haar, das selbst der große Filzhut nicht ganz
zu verdecken vermochte. Er hatte ein offenes Ge-
sicht und klare Augen, in denen aber jetzt ein eigen-
tümlicher Ausdruck lag, der Blick des Träumers,
der Blick eines Menschen, den die Leidenschaft wie
eine Maschine auf ein Ziel lostreibt.
Mechanisch und fast unbewußt waren Olivers
Schritte.
Nach einstündigcm Abstieg gelangte er an einen
Fluß. Hinter einem Gehölz von Steineichen lag
die Blockhütte, die er mit Pat O'Clannahan be-
wohnte, und auch das Haus Ole Nilssons befand sich
dort. Verwundert schaute Oliver auf, es war ihm,
als habe er die ganze Zeit geschlafen. Aber das
Erwachen war kein erfreuliches, und die Falte
zwischen seinen Brauen vertiefte sich.
In den Lüften erscholl der Schrei eines Falken,
vermischt mit dem Kreischen der Todesangst einer
Wildtaube, die der Raubvogel in den Fängen hielt.
Oliver schoß, und der Falke stürzte mit seiner
Beute zur Erde. Der Raubvogel war tot, doch die
Wildtaube gab noch Zeichen des Lebens von sich.
Vorsichtig löste der junge Mann das Tierchen aus
den Fängen des Räubers, deu er achtlos liegen