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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 48.1913

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Heft 10
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Heft 10

Vas Such fül- Mte

219

ihren Wöhlstanö und den Kunstsinn ihrer Bürger aus-
gezeichneten alten deutschen Reichsstadt noch heute so klar
und anschaulich zum Ausdruck bringt wie Nürnberg.
Und zwar ist es im wesentlichen düs Nürnberg des 15. llllsi
l6. Jahrhunderts, das innerhalb seiner alten, noch zllitt
größten Teil erhaltenen Befestigungen und überragt von
der trutzigen kaiserlichen Burg dem Besucher auf Schritt
und Tritt in seinen wundervollen Kirchen, seinem im-
posanten Rathaus, seinen altertümlichen Privathäusern,
seinen köstlichen Brunnen und zahlreichen anderen Er-
zeugnissen Altnürnberger Kunst die Zeugen einer großen
Vergangenheit vor Augen führt, einer Vergangenheit, die
der Gegenwart an zeitgenössischer Bedeutung nicht nach-
steht. Vielleicht mehr noch als die öffentlichen Bauwerke
geben jellö Priväthauset mit ihren hohen Giebeln und
steilen Dächertt, ihren reizvollen Höfen uitd ihrer ganzen
Ausstattung Künde von dem gediegenen Wohlstand und
der hohen Kultur alten Nürnberger Bürgertums- Die
Erdgeschosse sind zumeist noch gotisch- die Fassaden aber
und die künstlerisch ausgestatteken Höfe zeigen fast durch-
weg die edlen Formen der Renaissance. Es ist sehr er-
freulich, daß auch von den neuzeitlichen Ballten die mristeN
so gehalten sind, daß sie das alte Stadtbild Nicht zer-
stören, ebenso erfreulich, daß eine ganze Anzahl jeller
alten Privathäuser fremden Besllchern offen stehen. Aber
manche Perle der Baukunst, der Kullst Alt-Nürnbergs
überhaupt, bleibt Fremden unbekannt, da ganz natürlich
die derzeitigen Besitzer nicht Lust verspüren, ihr Heim
gewissermaßen wie ein Museum jedem zu öffnen. Da ist
es denn um so mehr zu begrüßen, daß erst kürzlich wieder
solch köstliches Nürnberger Patrizierhaus der Allgemein-
heit zugänglich geworden ist. Es ist das am Albrecht-
Dürer-Platz gelegene Pickerthaus. Der jüngst verstorbene
Antiquar Max Pickert, ein feinsinniger Kunstkenner, hat
es nebst einem Teil der darin befindlichen Kunstschätze
der Stadt Nürnberg vermacht. Eine besondere Sehens-
würdigkeit dieses Hauses ist der auf unserem Bilde aus
Seite 216 dargestellte prächtige Hof. Unter den Kunst-
werken, die ihn schmücken, ist ein hervorragendes Stück
der Wandbrunnen, den der berühmte Nürnberger Erz-
gießer Benedikt Wurzelbauer einst geschaffen.
Weihnachtsfeier im Sergwirtshaufe.
dg5 8M> suf5elle 217.1
Klinkender Schnee auf Flur und Hügel —
" Schneeschuh, leihe mir schwingende Flügel,
Daß ich schwebe und schwärme und gleite
Falkenkühn in die silberne Weite!
Heisa, juchheisa!
Rodel, mein Rodel, nun vorwärts sause,
Stöbernd, schwirrend der Schnee dich umbrause!
Scheuche, Winterlust, schwächliches Bangen,
Helle die Augen, röte die Wangen!
Heisa, juchheisa!"
heißt es in einem frischen Lied, das die Freuden des
Wintersportes verherrlicht. In der Tat, welch ein Körper
und Geist stählendes Vergnügen ist es für Männlein und
Weiblein, auf dem Schneeschuh oder aus dem Rodelschlitten
im winterlichen Gebirge, wenn die Tannen und Fichten
mit dicken Schneeballen beladen sind, pfeilschnell über die
Hänge zu schweifen und auf der Rodelbahn jauchzend hinab-
zustürmen! Kaum besser können die freien Tage der
Weihnachtszeit verwendet werden als mit den fröhlichen
Sportübungen in der kräftigenden Gebirgsluft. Sinkt die
Dunkelheit herab, dann nimmt das trauliche Bergwirts-
haus das junge Volk auf. Der Christbaum leuchtet, man
setzt sich in dem wohldurchwärmten Gastzimmer zueinander,
singt zur Gitarre ein sinniges Weihnachtslied und plaudert,
wie es unser anheimelndes Bild auf Seite 217 veran-
schaulicht, vergnüglich bei einem belebenden Trunk. Wie
Manche Bekanntschaft ist schon bei einer solchen Feier
im entlegenen Bergwirtshaus angeknüpft worden, die ein
Jahr später abschloß mit einer Verlobung unter dem
elterlichen Weihnachtsbaum.

Vie Waffel- kommen!
aus Teils 221.)
I^as freundliche Dörfchen liegt inmitten seiner Felder
und Wiesen an einem schnell dahinfließenden Flüß-
chen, das einige Stunden weiter aufwärts aus dem
Gebirge heraustritt. Wer die klaren, flink über das
Gestein springenden Wellen des lustig raunenden Ge-
wässers betrachtet, das die grünen Wiesen lieblich um-
säumen, wird kaum ahnen, welch ein Sorgenkind das
Flüßchen für die Dorfgemeinde ist. Aber schon das
zahlreiche Steingeröll und die großen Felsblöcke, die
M seinem Bett angehäuft und aus dem Gebirge mitge-
Ichleppt sind, deuten auf seine heimlichen Tücken hin.
Ganz plötzlich, bei rasch eintretender Schneeschmelze oder
wolkenbruchartigen Niederschlägen im Gebirge, füllt
llch das sonst so seichte Flußbett mit strudelnden, zischenden
Wassermassen, die in kurzem höher und höher anschwellen,
su das Wiesengelände und die Ackerflur einbrechen und
shre reißenden Fluten bis in das Dörfchen hineinwälzen.
Sorglos haben sich die Bauern am Abend zur Ruhe
öAegt, da heult wenige Stunden später durch die dunkle
Nacht die Sturmglocke, und der Schrei gellt durch die
Worfgasse: „Die Wasser kommen!" Nur halb ange-
lludet, stürzen, wie es unser packendes Bild auf Seite 221
Ngt, die Bauern nach den Ställen, um wenigstens das
auf einem höheren Bodenrücken in Sicherheit zu
oringen. Zwar verlausen sich die Wasser meist ebenso
ichnell, wie sie herangeschossen sind, aber oft genug
saffen sie auf den Feldern die schmerzlichsten Spuren
U)res zerwühlenden und verwüstenden Ungestüms zurück.

vermessene 5pie!.
kvman von keinsiold Ortmann.
chottsehimg.) ,- (Nachdruck verboten.)

21,
ußer allem Zweifel steht zunächst die
Tatsache," begann der Amtsgerichtsrat,
„daß Gagliardi nicht etwa durch Selbst-
mord geendet hat, sondern daß er das
Opfer eines Verbrechens geworden ist.
Die Sektion kann wegen Abwesenheit unseres
Physikus erst morgen nachmittag erfolgen, aber
schon der vorläufige ärztliche Befund schließt in
bezug äüf diesen Punkt jede Ungewißheit aus.
Die Kugel ist unterhalb des linken Schulterblatts
in dett Rücken eingedrungett und irgendwo im Körper
stecken geblieben. Eine solche Verletzung kann sich
jemand weder absichtlich Noch durch Unvorsichtigkeit
seihst beibringen, so daß man das Ergebnis der
Leichenöffnung nicht erst abzuwarten brauchte, um
nach einem Mörder zu suchen. Dafür, daß sich der
Verdacht sofort auf die Gregory lenken mußte, hatte
sie selbst vorgesorgt. Es ist festgestellt, daß sie am
gestrigen Abend im Hotel nach Gagliardi fragte
und sich, als man ihr det Wahrheit gemäß sagte,
er sei ausgegangen, an der Hoteltafel über die
Nummern der von ihm bewohnten Zimmer orien-
tierte. Schon bei der Gelegenheit ist sie dem Portier
durch ihre tiefe Blässe und ihr unruhiges Wesen
aufgefallen. Er hat dann später bemerkt, daß sie
an der anderen Seite der Straße beständig auf und
nieder ging, und er hat daraus natürlich den Schluß
gezogen, daß sie den Grafen bei seiner Rückkehr
abfangen wolle. Als er zwischen neun und zehn Uhr
noch einmal nach ihr ausschaute, war sie verschwun-
den, und es wird angenommen, daß sie einen Augen-
blick, wo sie von ihrem Beobachtungsposten aus dis
Pförtnerloge leer sah, dazu benützt hat, sich in das
Haus und in die unverschlossenen Zimmer Gag-
liardis einzuschleichen. Sie selbst gibt ja auch zu,
daß sie sich hinter einem Vorhang im Schlafzimmer
versteckt habe, um dort die Heimkehr ihres früheren
Bräutigams abzuwarten. Sie wurde dabei auf
eine ziemlich harte Geduldprobe gestellt, denn wir
wissen aus den übereinstimmenden Bekundungen
Mehrerer Zeugen, daß Gagliardi erst zwischen zwölf
und em Uhr nachts nach Hause kam. Er war in
Begleitung zweier ihm befreundeter Herren, die
mit ihm gekneipt hatten und die ebenfalls in dem
Hotel logierten. Die Polizei konnte leider nur den
einen von ihnen vernehmen, da der andere heute
früh von Waldenburg abgereist ist, und wir nun
seinen jetzigen Aufenthalt erst werden ermitteln
müssen."
In welchem Verhältnis der vernommene Mie-
lentz zu dem vor ihm Sitzenden stand, wußte er
offenbar noch nicht, und Hasselbach hielt es nicht
für angezeigt, ihn schon in diesem Augenblick darüber
aufzuklären. Er beschränkte sich darauf, lediglich den
interessierten Zuhörer zu spielen, und der Amts-
gerichtsrat schien seinerseits nur darauf bedacht,
ihm durch eine recht lichtvolle und wohlgesetzte
Darstellung zu imponieren.
Er hatte eine kleine Kunstpause gemacht, um
in seinem Aktenstück zu blättern. Dann hob er nach
abermaligem Räuspern wieder an: „Sowohl der
eine der beiden Begleiter des Grafen wie der Nacht-
portier des Hotels haben bekundet, daß Gagliardi
bei der Heimkehr stark bezecht war und sich in der
allerrosigsten Laune befand. Weil er nicht mehr
ganz fest auf den Füßen war, begleiteten ihn die
Freunde bis in seinen Salon und verabschiedeten
sich da von ihm — selbstverständlich, ohne das
nebenan versteckte Frauenzimmer zu bemerken.
Ungefähr eine Stunde später hörte der in seiner
Loge sitzende Nachtportier ein Krachen, das er so-
fort für den Knall eines Schusses hielt. Er war
dadurch aus dem Schlummer geweckt worden und
wußte in seiner Schlaftrunkenheit nicht sogleich,
was er tun sollte. Aber nach Verlauf eines weiteren
Zeitraums, den er nur auf die Dauer von wenigen
Minuten schätzt, vernahm er unmittelbar über
seinem Kopfe ein Geräusch und eine Erschütterung
wie von dem Niederstürzen eines schweren Gegen-
standes. Er wußte, daß sich über ihm die Zimmer
des Grafen Gagliardi befanden, und er hielt es
nunmehr für seine Pflicht, der Ursache dieser ver-
dächtigen Geräusche nachzuforschcn. Als er den
Korridor im ersten Stock durchschritt, gewahrte er,
daß sich in einer Nische, die durch den darin auf-
gestellten Wäscheschrank nur halb ausgefüllt wurde,
jemand zu verstecken suchte, und er hatte Geistes-
gegenwart genug, sofort zuzupacken. Die Person,
die sich ohne Widerstand von ihm sesthalten ließ,
war die Gregory. Sie schien furchtbar aufgeregt,
und als er sie fragte, was sie zur Nachtzeit hier zu


schaffen habe, hatte sie keine andere Antwort als
die flehentliche Bitte, er solle im Zimmer des Herrn
Gagliardi nachsehen, was dort geschehen sei; sie
habe einen Schuß gehört und fürchte, er habe sich
etwas zuleide getan. Ohne sie loszulassen, klopfte
darauf der Portier an die Tür des Salons, und als
ihm von drinnen keine Antwort kam, öffnete er
die auch jetzt unverschlossene Tür. Das Zimmer
war durch die elektrischen Lampen hell erleuchtet,
Und mitten auf dem hellfarbigen Teppich lag mit
dem Gesicht nach unten in einer großen Blutlache
die leblose Gestalt des völlig angekleideten Grafen.
Bei seinem Anblick riß sich die Gregory mit einem
gellenden Aufschrei los und warf sich neben der
Leiche auf den Boden. Sie verfiel sofort in hyste-
rische Weinkrämpfe und dann in eine tiefe Ohn-
macht, aus der sie später unter den Bemühungen
des Arztes zwar zeitweilig erwachte, aber nur, um
alsbald von neuen Nervenkrisen heimgesucht zu
werden, die vorläufig jede Befragung unmöglich
machten. Mehr durch das Geschrei des Mädchens
als durch den anscheinend nur von wenigen gehörten
Knall des Schusses waren inzwischen die meisten
Bewohner des Hotels alarmiert worden, und da
sich unter ihnen auch ein Arzt befand, konnte schon
nach kürzester Zeit die erste Untersuchung des Ver-
letzten erfolgen. Sie half ihm allerdings nichts mehr,
denn er war bereits tot. Das vorläufige Gutachten
des Arztes lautet auf einen starken Bluterguß in
die Lunge und dadurch herbeigeführte Herzlähmung
oder Erstickung. Nach Empfang der Wunde muß er
allerdings noch kurze Zeit gelebt haben und sogar
auf den Füßen geblieben sein, denn an verschiedenen
Stellen des Fußbodens fanden sich Blutspuren,
und an den Möbeln hie und da blutige Finger-
abdrücke, die wahrscheinlich dadurch entstanden sind,
daß der Verwundete, nachdem er mit der Hand
an die verletzte Körperstelle gegriffen, umherwankend
eine Stütze an jenen Möbeln suchte. Daß er keinen
Schmerzensschrei ausgestoßen und nicht um Hilfe
gerufen hat, erklärt sich aus der Natur der Ver-
wundung, das heißt, aus dem raschen Eindringen
von Blut in die Verzweigungen der Luftröhre. —
Soweit, lieber Kollege, ist, wie Sie sehen, alles
ziemlich klar."
Er hielt aufatmend inne und rieb sich die Stirn,
die ihm im Eifer der Rede feucht geworden war.
Hasselbach erwiderte mit einer kleinen, danken-
den Verbeugung: „Vollkommen klar. Die Gregory
ist aber trotz dieser erdrückenden Schuldbeweise noch
nicht geständig?"
„Nein. Sie bleibt steif und fest bei der Behaup-
tung, Gagliardi müsse Selbstmord begangen haben.
Das ist natürlich eine ganz zwecklose Ausrede, aber
es ist ihr entweder bis jetzt keine bessere eingefallen,
oder sie ist wirklich die halbverrückte Person, als
die sie sich aufspielt, übrigens sagten Sie ja vorhin,
sie sei Ihnen nicht ganz fremd. Da können Sie mir
vielleicht einiges über ihre Persönlichkeit verraten."
„In eine unmittelbare Berührung bin ich nie-
mals mit ihr gekommen. Was ich von ihr weiß,
erfuhr ich durch andere. Und auch das ist nicht
eben viel. Daß sie geistig nicht normal sei, habe ich
übrigens nie gehört."
„Nun, darüber wird sich ja bald Gewißheit er-
langen lassen. Vorläufig heißt's Geduld haben.
Von einem ordentlichen Verhör war bis jetzt über-
haupt nicht die Rede. Sie mußte noch in der Nacht
ins Krankenhaus geschafft werden, weil den Ärzten
ihr Zustand nicht ganz unbedenklich schien. Über ihre
Personalien waren wir sofort unterrichtet, denn in
ihrer Handtasche, in der sie nach Frauenart alles
Mögliche mit sich herumschleppte, fanden sich außer
einem Kontrakt noch verschiedene andere Papiere,
die sämtlich auf den Namen einer Schauspielerin
oder Choristin Vilma Gregory in Berlin lauteten.
Dieselbe Adresse stand auch auf dem Briefumschlag,
den man offen mit einem Inhalt von neuntausend
Mark in Kassenscheinen auf dem Fußboden von
Gagliardis Zimmer gefunden hatte."
Hasselbach machte eine Bewegung des Er-
staunens. „Das ist ja sehr merkwürdig! Hat man
auch dafür schon eine Erklärung?"
„Als sie von den Polizeibeamten gefragt wurde,
welche Bewandtnis es mit diesem Gelde habe, gab
sie, wie auf vieles andere, keine Antwort. Mir
gegenüber aber hat sie sich, als ich vor zwei Stunden
bei ihr war, zu dem Eingeständnis herbeigelassen,
es sei von Gagliardi, dem sie es bei der nächtlichen
Unterredung vor die Füße geworfen habe. Mehr
war schon deshalb nicht aus ihr herauszubringen,
weil sie wieder einen ihrer nervösen Anfälle bekam.
Aber ich nehme an, daß die neuntausend Mark eine
Entschädigung darstellen sollten, mit der Gagliardi
seine ehemalige Braut hatte abfinden wollen. Daß
sie ihm die vor die Füße geworfen hat, ehe sie den
tödlichen Schuß auf ihn abfeuerte, ist ganz glaublich,
wie hinsichtlich der Beweggründe ihrer Tat ja über-
 
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