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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 48.1913

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Heft 25
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https://doi.org/10.11588/diglit.47352#0538
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548 -—
Geld keine Ansprüche mehr erheben willst. Ich
meine, dies sei eine abgemachte Sache zwischen uns."
Magdalenes Arme umschlangen ihn. „Tu
kannst und darfst ja gar nicht anders, als dich uns
erhalten."
Es drängte ihn, sie zu fragen, ob Anna Hellwig
seinen Brief erhalten habe, aber er fühlte seine
Kräfte erschöpft. So schwieg er.
Einmal im Zustand des Halbschlases war es ihm
gewesen, als höre er ihre Stimme und als sehe er
ihr Antlitz sich über das seinige neigen. Aber es
war nur wie ein Traum, und als solcher wirkte er
lange noch in ihm nach.
Es war dies das einzige Mal gewesen, wo Anna
Hellwig, von Sehnsucht übermannt, an sein Lager
getreten war, um in die Züge zu sehen, die ihr das
Herz für immer geraubt.
Dann hatte sie sein Zimmer nicht wieder be-
treten. Nur als er langsam neben seiner Pflegerin
die Treppe zum Wagen hinabstieg, beugte sie sich,
ihrer Tränen nicht mächtig, übers Geländer und
sah ihm nach, bis drunten die Tür hinter ihm
zufiel.
Richard Wentrup hatte sich mit seinen Möbel-
erbstücken das einstige Zimmer Ludolf Gronaus
behaglich und gemütlich eingerichtet, wie er denn
überhaupt in seiner jetzigen Lebensführung ein
viel sichererer Mensch geworden war.
Auch ihm stand das vergangene Jahr wie ein
wüster Traum vor Augen, so oft er dessen gedachte.
An einem trüben Sommerabend, als der Regen
gegen die Fenstex peitschte, saß er mit seinen Kol-
legen bei einem Glase Bier plaudernd im Zimmer,
als einem der Herren die durch neue Politur erhöhte
Schönheit des altertümlichen Schrankes aussiel, in
dem das Deckenlicht sich wie in einem Spiegel fing.
Erfreut und geschmeichelt erhob sich Wentrup,
um ihm auch die Schönheit der inneren Ausstattung
zugänglich zu machen, indem er besonders auf die
selten wertvolle Arbeit der vorspringenden Knäufe
aufmerksam machte.
Ob nur ein bloßer Zufall ihm, der jahrelang
diesen Schrank besessen, die Hand leitete, als er
eine völlig unbeabsichtigte Drehung des wie ein
Deckel geformten oberen Teils des Knaufes voll-
führte, bleibt unbeantwortet.
Tatsache war, daß sich plötzlich dieser obere Teil
verschob und durch den schmalen Spalt ein Be-
hältnis ahnen ließ.
Zunächst prallte Wentrup vor Erstaunen zurück,
aber sein Kollege drängte schon den Deckel gänzlich
beiseite, und es zeigte sich eine handtiefe Aushöhlung,
die mit einem Schriftstück gefüllt war, während der
andere Knauf sich als unbeweglich erwies.
Aus dem Schreiben, das aus den letzten Tagen
des Großvaters von Richard Wentrup herrührte,
ging hervor, daß Stallbom weitere Geldzuwen-
dungen an den bereits völlig ruinierten Mann von
der Jnpfandgabe des Patentes abhängig gemacht
und daß er die Jnpfandgabe denn auch erpreßt hatte.
Der schon kindisch gewordene Mann hatte dann
aus Furcht vor seinem Gläubiger dieses Bekenntnis
für seinen Sohn in diesem sonderbaren Versteck
nicdergelegt und kurz daraus sein Leben durch eiuen
Schlaganfall verloren.
Nun wurde ersichtlich, daß der brave Stallbom
dieses Patent, von dem der Sohn nichts wußte,
ungehindert für sich selbst ausgcnützt hatte, und zwar
nach dem Erfolge der allmählich überall eingesührten
Maschinenverbesserung mit außerordentlichem Ge-
winn, so daß ein großer Teil seines Vermögens, viel-
leicht der größte, auf Rechnung dieser Ünterschla-
gungssünde zu setzen war.
Nach eingehender Besprechung mit Gronau
übergab Wentrup das Papier einem Rechtsanwalt,
und die Folge war, daß eines Tages Frau Stallbom
durch den Besuch zweier Herreu überrascht wurde,
die sich durchaus nicht abweiscn lassen wollten und
zu ihrer gründlichen Belehrung um die Herausgabe
etwaig vorhandener Bücher ihres Gatten er-
suchten.
Ahnungslos, um was es sich handelte, und stolz
darauf, die gesamte Hinterlassenschaft des Ver-
storbenen pietätvoll aufbcwahrt zu haben, übergab
sie das Verlangte. Und da Stallbom seine Ein-
nahme- und Ausgabebücher sehr sorgsam geführt
hatte, ergab sich leicht, daß in den vierzehn Jahren
seit Beginn des Bubenstreiches die zu Unrecht ein-
genommenen Gelder mit Zins und Zinseszins fast
die Summe von Viermalhunderttausend Mark er-
reichten, welche von den: Erbteil seiner Tochter recht-
lich in Abzug kam.
Das geschah in derselben Zeit, als der vor-
geschriebene Sühneversuch zwischen Lützen und
Malli erfolglos verlaufen war und nunmehr die
Klage auf Scheidung in Kraft trat.

—I-— Va5 Luch für M!e —— im
Ter Prozeß, der Wentrups Ansprüchen glänzend
Genüge tat, hatte auch die unangenehmen Folgen,
daß seine Kosten der verlierenden Partei zu-
geschrieben wurden und so abermals ein Teil von
dem widerrechtlich erworbenen Erbe der Tochter
Stallboms abfiel.
Als die Verhandlung zu Ende war, brach ein
anhaltendes, in allen Räumen der Stallbomschen
Wohnung Widerhalleudes Wetter los. Malli tobte
gegen die Mutter, die Bücher herausgegeben zu
haben, statt sie ohne weiteres dem Feuer zu über-
liefern. Und Frau Stallbom stürmte gegen ihre
Tochter, sich in ihrer Ehe wie eine Gans betragen
zu haben, denn das Leben wurde ihr an der Seite
dieser Tochter statt zum Himmel zur Hölle gemacht,
und von „Malliken" war keine Rede mehr.
Dieser ewige Krieg endete schließlich damit,
daß Mutter und Tochter in Feindschaft auseinander
gingen, nachdem Malli so viel jährlichen Zuschuß
erzwungen, daß sie selbständig leben konnte.
Jetzt, wo sie einsah, ivas für eine Stellung ihr
als Lützens Gattin beschieden gewesen war, wie sich
keine zweite ihr je bieten würde, verbitterte sie sich
zu einem ganz unleidlichen Wesen, dem keine Freude
des Lebens mehr erheiternd nahe trat, und das in
steter Furcht lebte, es könne plötzlich auch das Ver-
mögen ihrer Mutter einen unerwarteten Abgang
nehmen.

Manch hoffnungsloser Tag und manche Nacht,
in der ihm Verzweiflung ins Herz kroch, waren in:
sonnigen Süden Lützen beschieden gewesen — Tage,
in denen er sein Leben nut Freuden beendet haben
würde, Nächte, in denen er es als ein höchstes, ihm
unter den Händen zerfließendes Gut betrauerte.
Er hatte nicht mehr die seelische Spannkraft,
alles Unangenehme hinter sich zu weisen, und so
gewann es Einfluß auf ihn. Auch der herren-
menschliche Egoismus, der audere Ansprüche un-
bekümmert beiseite schiebt, stellte sich nicht mehr in
den Vordergrund. Somit ward ihm eine Kritik
seiner selbst aufgezwungen. Und da kamen bis-
weilen denn sehr bittere Anklagen über ihn und der
sehnliche Wunsch, den Weg, den er gegangen war
im Strudel der Zeit, noch einmal zurückgehen zu
können.
Aber diese geistigen Stürme, die ihn durch-
brausten, beeinflußten die Jugendkraft des Körpers
nicht. Er richtete sich langsam wieder auf, und in
dem Maße, wie der ganze Organismus sich kräftigte,
hob sich allmählich auch der Wille zum Leben.
In dieser Wechselwirkung ging die Genesung
schrittweise vorwärts, bis Lützen als ein gesunder
Mann aus dem Süden schied.
Er hatte den Termin seiner Ankunft in der
Heimat innezuhalten, da die Taufe des Stamm-
halters und Erben von Morlowitz bis zu seiner
Rückkehr aufgeschoben worden war.
Nun fuhr er durch die blühenden Lande, durch
das Frühlingsweben seines Vaterlandes, zwischen
sprossenden Feldern und blumigen Auen, dunklen
und maigrünen Wäldern, einem neuen Leben
entgegen, das vorläufig noch im Nebel der Un-
gewißheit vor ihm lag.
Als der Zug in Schmadenberg einlief, standen sie
schon alle auf dem kleinen Bahnsteig und winkten
ihm den Willkommengruß zu. Ta überkam es ihn
mit heißem Herzschlag, daß er kaum den Stillstand
der Räder erwartete, um elastischen Schrittes aus-
zustcigen und ihnen cntgegenzueilen.
Magdalene, die junge Mutter, konnte ihre
Arme gar nicht wieder von seinem Halse lösen, und
er sie nicht aus seinen Armen lassen.
„Aber, Kinder," rief die Baronin munter, „so
viel Hände hat er ja gar nicht, als ihm hier ent-
gcgengestreckt werden."
Er schüttelte, drückte und küßte sie alle. Die
Heimat nahm ihn wieder in ihre Mitte und wob
ihre unzerreißbaren Bande auch um sein Herz.
„Wir haben noch einen Gast," sagte Magdalene,
seine Hand erfassend, „der aber durchaus bei den:
Kleinen bleiben wollte."
Er nickte. „Wie geht es Wentrup?"
„Sehr gut," sagte Gronau. „Er arbeitet eifrig
und ist eine hochzuschätzende Kraft geworden."
„Ist er noch unverheiratet?" Er konnte es nicht
hindern, daß ein Lächeln der Erinnerung seine
Lippen umhnschte.
Gronau lächelte auch. „Ja! Aber ich glaube,
daß er es nicht mehr allzulange sein wird. Meine
Damen arbeiten wenigstens darauf los. Es ist da
ein hübsches Tirektorstöchterlcin —"
„Ich will nur," versetzte Frau v. Gronau, „daß
er so glücklich werden soll, wie er es verdient."
„Das will ich auch," sagte Magdalene mit
wärmster Überzeugung.
Drinnen in der Halle, die ihr farbiges Fensterlicht

. .kjest 25
bis zum Ausstieg der Treppe magisch breitete, wo
damals Gronau zuerst den Vollcindruck der Schön
heit Magdalenes empfing, stand eine zierliche Ge-
stalt mit vor Bangigkeit und Frende tief gesenktem
Antlitz.
Magdalene, den Bruder liebevoll vorwärts
führend, fragte leise: „Kennst du sie? Deine Taus-
gevatterin ist es!"
Er war so bewegt von der Glückswelle, die über
ihm zusammenschlug, daß er nur ein Wort zu
sprechen vermochte: „Anna —"
Als er wieder zu sich selbst kam, waren sie allein,
standen sie wieder Hand in Hand, wie einstmals.
Aber was in ihren Augen leuchtete und perlte,
war kein Groll, das fühlte er — und wie er ihre
Hände an seine Brust drückte und an seine Lippen,
und sie in süßem Erschauern zusammenzuckte, da
wußte er, daß ihre zitternden Wimpern alles andere
verrieten als Widerstreben.
Er zog sie an sich, fest und voll inniger Liebe.
„Willst du mir noch einmal vertrauen?" fragte er,
ihr tief in die dunklen Augen sehend, „mir alles
verzeihen, um was ich so schwer gelitten?"
„Alles — alles!" entgegnete sie mit versagender
Stimme.
E nd e.

8turme8opfer.
(5iehe da5 vild auf 8ei1e 54b.)
^ci nur gegrüßt, du blinkendes Meer,
Mit deinen Wogen mich liebreich umhülle,
Nimm nur, was drückend und quälend und schwer.
Schenke mir Vollkraft aus deiner Fülle!"
ruft der Dichter, und Tausende, die jetzt in die See-
bäder geeilt sind, um in der salzigen Flut Erquickung
und Stärkung zu finden, erheben einen ähnlichen Rus.
Das Meer ist ein unerschöpflicher Born der Verjüngung,
aber es ist auch ein unausfüllbares Grab, das immer
neue Todesopfer in sich hinabzieht. Keiner von all
denen, die zur Erholung und Belustigung im Sommer
am Meeresstrand weilen, denkt wohl an die versteckte
Tücke der See, an ihr tosendes Wutgebrüll, an die Tra-
gödien des Meeres. Wie oft liest man daheim aus
einem Küstenort eine Zeitungsnachricht wie diese: „Die
ausgelaufene Fischerflotte wurde auf hoher See von
einem heftigen Sturm überrascht. Zwölf Boote sind
zurückgekehrt, fünf andere werden vermißt." Dann kommt
vielleicht nochmals die kurze Mitteilung: „Von den aus-
gebliebenen Booten ist bisher keine Spur aufgesunden
worden" — und damit ist das Drama für die Unbe-
teiligten vergessen. Aber in der Ferne sitzen im Fischer-
dorf weinend die Frauen und Kinder der Vermißten.
Sie raffen sich auf und harren am sturmdurchbrausten
Strand, sich noch an die Möglichkeit einer Rettung
klammernd, der Wiederkehr ihrer Lieben, bis ihnen, wie
auf unserem ergreifenden Bild, ein herangeschwemmter
Mast und ein Bootrest die letzte Hoffnung rauben.
lalwä'rts Ziehende vlmsterde.
(8iehe daz Liw auf Zeile 547.)
FZereits Ende März vollzieht sich in manchen Gegenden:
der Alpen die Ausfahrt, der Auftrieb des Viehs, auf
die Niederalmcn, die am tiefsten liegenden Weideflächen,
worauf dann mit dem Erwachen der Vegetation auf größe-
ren Höhen im Juni die Mitteralmen und endlich im Juli
mit dem Jungvieh die Hochalmen bezogen werden. Je
nach den Eigentümern unterscheidet man zwischen den
Allmenden oder Gemeindealpen, den Staatsalpen, die
an Gemeinden oder einzelne Personen verpachtet werden,
und den Herrenalpcn. Gemeindealpen sind überwiegend
in der westlichen Schweiz, Herrenalpen besonders in
ihrem östlichen Teil, in Tirol, Salzburg und Steiermark
vertreten. Während ans den Gemeindealpen jedes Ge-
meindemitglied zur Auftrift einer bestimmten Anzahl von
Rind- und Kleinvieh berechtigt ist, werden die Herren-
alpen, die vielfach Spitälern und Klöstern gehören, an
Sennen, die zwar Vieh, aber keinen eigenen Weidegrund
besitzen, gegen den Alpenzins zur Benützung verpachtet.
Sind die Almen sehr groß, so werden sie oftmals von
mehreren Sennen in Pacht genommen. Vom letzten Drittel
des Septembers an, je nach der Witterung aber auch
früher oder später, ziehen die Herden von einer Almen-
stufe zur andern allmählich wieder, wie es unser Bild auf
Seite 547 veranschaulicht, talwärts, bis sie zuletzt in die
heimischen Ställe zurückkehren. Die besten Schweizerkühe
liefern täglich gegen 20 Kilogramm Milch, im Durch-
schnitt aber gibt eine Kuh täglich etwa 15 Kilogramm in
den 18 Wochen der Alpfahrt.
Vie 8traste d?8 k8. Oktober auf der
Internationalen Laufach -- Vu8stellung
in Leipzig lYtZ.
(8ieste das LUd auf 8eits 551.)
T^tie imposante Internationale Baufach-Ausstellung in
1/ Leipzig hat sich die Aufgabe gestellt, weiteren Kreisen
ein zusammenfassendes Bild von der wissenschaftlichen,
künstlerischen und sozialen Bedeutung des gesamten Bau-
und Wohnwesens zu entrollen. Das weite Ausstellungs-
gelände durchschneidet als Längsachse die Straße des
18. Oktober, die ihren Namen von dem entscheidenden
Tag der vor hundert Jahren nm Leipzig entbrannten
Völkerschlacht erhalten hat und später bestehen bleiben
 
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