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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 48.1913

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Heft 27
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https://doi.org/10.11588/diglit.47352#0582
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Heft 27

Vas Such sül' Mle

sämtlich das goldene Gemüt und den prächtigen Humor
des liebenswürdigen Schriftstellers erkennen.
vn voi-d des Mesendampsel-s »Impel-aton.
(Ziefte die Z Südsrau) 5eite SM und Sdl.)
Deutschland kann sich rühmen, in dem der Hamburg-
Amerika Linie gehörenden Riesendampser „Impera-
tor" das größte Schiff der Welt zu besitzen. Der „Im-
perator" hat eine Länge von 276 Metern, einen Raum-
gehalt von 141 500 Kubikmetern, und der 160 Meter
messende Kölner Dom würde, neben ihn gesetzt, nicht bis
an die Spitze seines dritten Schornsteins reichen. Als Vier-
schraubenschiff mit Turbinen von 62 000 Pferdestärken
ausgerüstet, vermag der Koloß 5275 Passagiere auszu-
nehmen, wozu noch eine Besatzung von 1100 Köpfen
kommt. Auf Fahrt werden täglich 20 000 Zentner Kohlen
verfeuert. Insgesamt fassen die Bunker 7000 Tonnen
Kohlen. Sollte ein einziger Güterzug diese Kohlenmenge
heranschaffen, so müßte er aus 700 Wagen bestehn, die
eine Länge von annähernd 6 Kilometern hätten. Die innere
Einrichtung ist nach ihrer Zweckdienlichkeit, Bequemlich-
keit und Ausstattung ohnegleichen. Die Zwischendeckpassa-
giere schlafen in Kajüten mit vier bis acht Belten. Für
die Reisenden dritter Klasse sind Kajüten mit zwei bis sechs
Beilen vorhanden, die zweite Klasse verfügt über zahlreiche
Gelasse mit zwei Betten, während die erste Klasse in den
Kabinen ausschließlich ein oder zwei Metallbetten aufweist.
Von den mit erlesenem Geschmack eingerichteten Räumen
der ersten Klasse ist der großartigste der Speisesaal. Er ist
gegen 30 Meter breit und besitzt unter der Mittelkuppel
eine Höhe von 8V- Metern (siehe Bild 1 auf Seite 590).
Ringsum läuft eine Galerie, die wie der Hauptraum mit
runden Tischen für zwei bis acht Personen besetzt ist. Ein
anderer gesellschaftlicher Prunkraum ist der Tanz- und
Festsaal. Bei einer Länge von mehr als 22 Metern,
einer Breite von 17 und einer Höhe von 6 Metern ist
er ohne jedes stützende Säulenwerk konstruiert. Der
Plafond ist gemalt, der Fußboden parkettiert, und die
Wände mit den Bogenfenstern zu beiden Seiten sind
mit wundervollen Gobelins geschmückt (siehe Bild 3 auf
Seite 591). Eine bisher noch auf keinem Schiff anzu-
treffende hygienische Anlage stellt das große Schwimmbad
dar, das in der Mitte des Schiffes liegt. Das Bassin hat
eine Länge von 12, eine Breite von 6^/s und eine größte
Tiefe von 2°/« Metern. Die Schwimmhalle ist im pom-
pejanischen Stil gehalten; 18 Säulen tragen die reich-
erleuchtete Glasdecke, während farbige Marmorbänke so-
wie bronzene Gitter und Plaketten nach antiken Mustern
den Raum verschönen (siehe Bild 2 auf Seite 591). Lese-
zimmer mit 2400 Büchern, Rauchsalone, ein Wintergarten,
ein Restaurant und Musikzimmer dienen außerdem der
Erholung und Unterhaltung. Für die Sicherheit der
Passagiere ist durch einen Doppelboden, zahlreiche Quer--
und Längsschotten und 80 Boote gesorgt.
Den Mtgarig von Kusson.
(Ziehe das Süd aus Zeile
dem kleinen Dorfe Russon bei Tongern in Belgien
I herrscht seit Jahrhunderten ein eigentümlicher Brauch,
bekannt unter dem Namen „der Bittgang von Russon".
Ihm liegt nach der Überlieferung folgendes Geschehnis
zugrunde. Im 8. Jahrhundert lebte i'.. Friesland ein
junger Mann aus adligem Geschlecht, der sich durch
große Tugendhaftigkeit auszeichnete. Er hieß Evermaer.
Alle Lockungen von sich weifend, nahm er an dem lockeren
Treiben und dem üppigen Leben seiner Alters- und Stan-
desgenossen nicht teil, sondern machte eine große Wall-
fahrt zu den heiligen Stätten des Abendlandes. Aus
dein Wege nach dem Grabe des heiligen Servatius in
Tongern wurde er zusammen mit sechs anderen Pilgern
am Rande eines Waldes von einem heftigen Gewitter
überrascht. Man war gezwungen, aus einem nahen Edel-
sitz um Unterkunft zu bitten. Der Besitzer, ein wilder,
tyrannischer Mann namens Hakko, der das ganze Land
in weitem Umkreis durch seine Raubzüge und Brand-
schatzungen in Schrecken setzte, war gerade abwesend,
aber seine Gemahlin nahm die Fremdlinge freundlich
auf und bewirtete sie reichlich, doch riet sie ihnen, aus Furcht
vor ihrem Manne, sobald wie möglich weiterzuziehen.
Als dann Hakko bei seiner Rückkehr erfuhr, daß seine
Frau Pilger beherbergt habe, setzte er diesen sofort mit
seinen Reisigen nach, holte sie auch ein und forderte von
ihnen einen hohen Wegezoll. Als die Pilger den Tri-
but nicht zahlen konnten, erschlug er sie sämtlich und
ließ sie unbeerdigt liegen. Nach einigen Tagen fand
Pipin von Heristal, der mächtige Hausmeier des Fran-
kenreiches, der in jenen Gegenden der Jagd oblag, die
Leichen der Gemordeten und ließ sie bestatten. Zwei
Jahrhunderte später, so meldet die Legende, sei ein Engel,
von Gott gesandt, zu einem Priester der Kirche von Russon
gekommen, habe ihm von dem Leben des heiligen Ever-
maer erzählt, dessen Grabstätte kundgegeben und ihm
besohlen, die Gebeine des Heiligen zu holen und treu
zu hüten. In der Nähe der alten Kapelle nun, in der
sich bis zum heutigen Tage die Überreste des Heiligen
befinden, wird jedes Jahr am 1. Mai die Ermordung
Evermaers und seiner Begleiter in der auf unserem
interessanten Bilde auf Seite 595 geschilderten Weise
dargestellt. Die Darsteller, Bauern von Russon, pflegen
sich dazu eigenartig auszustaffieren. Sämtliche Pilger
tragen kleine graue Kragen mit Muscheln geschmückt
und Pilgerstäbe, Sankt Evermaer zugleich ausgezeichnet
durch einen runden Hut, braunen Mantel, Rosenkranz und
Trinkgefäß. Hakko und seine Reisigen reiten Ackergäule,
haben Hüte mit Hahnenschweif und Federn geschmückt,
blaue Schärpen und sind teilweise mit den verschieden-
artigsten Säbeln oder nur mit einer Reitpeitsche be-
waffnet. Hakko zeichnet sich noch durch hohe Reitstiefel
und roten Rock aus.

Vie Kubanerin.
koman von Horst vodemer.
(porisehung.) . — (Nachdruck orrbuien.)
Köpfe fuhren hoch. „Guten Abend,
Mi l/M Herr v. Lockwitz!" Ruhig sagte es Ryssel-
während Heppenheim nur eine
stumme Verbeugung machte, denn man
MMsW hatte im Regiment für den Regierungs-
assessor nicht allzuviel übrig. „Na, nehmen Sie doch,
bitte, Platz! Haben wohl für die Aufführungen am
nächsten Sonnabend noch was auf Lager?"
Der Assessor rückte an feinem Monokel und strich
sich mit dem seidenen Taschentuch über feinen kurz-
verschnittenen, strohgelben Schnurrbart. „Nein! Ich
sah noch Licht und hab' 'ne Neuigkeit. Da bin ich
noch schnell auf 'nen Sprung herein."
„So, so," meinte Ryffelmann in größter Ge-
mütsruhe. „Dann schießen Sie getrost los!"
„Hm — ja! War heute abend zur Abfütte-
rung beim Kommerzienrat Stolterjahn! Justizrat
Scheuermanns waren auch eingeladen, er konnte
aber erst später kommen, hatte noch zu tun, denn
Graf Papenzin hat seine Herrschaft für anderthalb
Millionen verkauft, bei 'ner halben Million An-
zahlung."
Ryffelmann blieb sehr ruhig. Das war doch
durchaus nichts Welterschütterndes. „Ja, ja, mein
Verehrtester, Dusel muß der Mensch haben, der ist
dringend vonnöten für einen, der sein Lebtag sich
nicht gerade zu Tode gequält, aber recht gut gelebt
hat. Sie sind doch nicht verwandt oder verschwägert
mit dem Grafen?"
Lockwitz schüttelte lachend den Kopf. „Ach Gott,
wenn's das bloß wäre! Aber wer die Herrschaft
gekauft hat — 'ne junge Dame!"
„Heppenheim, morgen nach der Kirche fahren
Sie gleich hin und machen Ihren Kratzfuß. Das
gibt 'ne Partie für Sie! Und wenn Sie etwa ein
bißchen bucklig ist — auf das Herz kommt es an!"
Der winkte ab. „Ich hab' noch Zeit."
Lockwitz hatte sich absichtlich früh aus der Stolter-
jahnschen Gesellschaft gedrückt, weil er annahm, die
Neuigkeit würde im Kasino einschlagen wie eine
Bombe. Er ärgerte sich über die kühle Behandlung,
die ihm zuteil wurde. Aber das Beste hatte er ja
noch auf Lager.
„Nun, wir alle haben von dieser jungen Dame
schon gehört," suhr er lächelnd sort und putzte sich
sein Monokel blank.
Rysselmann hätte am liebsten dem Assessor eine
Unfreundlichkeit an den. Kopf geworfen. „So —
haben wir?" meinte er gleichgültig.
Da fetzte Lockwitz das Monokel wieder auf, um
die Wirkung feiner Worte möglichst gut beobachten
zn können. „Die Käuferin ist nämlich Frau Elvira
Prahlstedt aus Hamburg."
„Ist die Möglichkeit!" platzte Heppenheim her-
aus.
Rysselmann aber wurde sehr ernst. „Das hab'
ich mir nach Ihren ersten Andeutungen beinahe ge-
dacht," sagte er.
„Ja, meine Herren, ist das nicht sehr fatal für
Herrn v. Polgar? Deshalb hatte ich's ja so eilig,
hierher zu kommen!"
Da richtete sich Rysselmann auf, die Falten ver-
tieften sich auf seiner Stirn, ruhig sah er dem.Assessor
ins Gesicht, und haarscharf kamen ihm die Worte
von den Lippen: „Sie haben leider nicht den Vorzug
gehabt, in der Armee zu dienen, Herr v. Lockwitz.
Sonst würden Sie wissen, daß ein Offizierkorps
wie Pech und Schwefel znsammenhält. Und da
mir bekannt ist, daß heute abend auch einige Herren
unseres Regiments beim Herrn Kommerzienrat
Stolterjahn eingeladen waren, so hätten wir hier
diese Neuigkeit auch noch zur rechten Zeit von unseren
Kameraden gehört. Und warum dieses Ereignis
fatal sein soll für Herrn v. Polgar, das wird niemand
einsehen, der den dunkelroten Attila trägt."
Einer Antwort wurde Herr v. Lockwitz überhoben,
denn Polgar stand auf der Schwelle. Schwer ging
fein Atem, aber äußerlich war er ganz ruhig. Er
begrüßte den Gast gar nicht, sondern sagte sofort
in hochfahrendem Tone: „Unwillkürlich blieb ich im
Nebenzimmer stehen, als ich hörte, was Sie da er-
zählten, Herr v. Lockwitz, und wenn Sie meinen,
daß ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin, so statte
ich hiermit meinen Dank ab."
Eisiges Schweigen herrschte.
Da machte der Assessor eine Verbeugung. „Ich
war nur gekommen, weil ich glaubte, Ihnen einen
Dienst zu leisten! Guten Abend, meine Herren!"
Ein paar förmliche Verbeugungen. Mit rotem
Kopf verließ Lockwitz das Zimmer, an seiner Seite
schritt Rysselmann durch den Speisesaal, eine Or-
donnanz saß im Vorraum, neben der Garderobe.

... , ..- 593
„Helfen Sie Herrn v. Lockwitz in den Mantel!"
befahl Ryffelmann.
Noch eine förmliche Verbeugung.
Rysselmann kehrte ins Billardzimmer zurück.
Nun galt es. Jetzt kam es auf jedes Wort an.
An der Tür zum Billardzimmer drehte sich Ryssel-
mann um, denn hinter ihm kam jemand gegangen.
Sollte etwa der Lockwitz —
Nein, eine Ordonnanz war's.
„Donnerchen, Polgar, das war ein Einfall, den
ich mir für 'n andermal merken werde — Stachel-
beerkompott! — Ein famoser Zeitgenosse, der Lock-
witz! — Ja, lieber Heppenheim, mir ist wirklich die
Lust vergangen, mit Ihnen noch länger auf dem
grünen Tuch 'rumzukorkfen!"
Rysselmann ließ sich auf einen Stuhl fallen,
streckte die Beine weit von sich und sah Polgar an.
Der saß da mit zusammengekniffenen Lippen,
bis die Ordonnanz wieder gegangen war. Dann
aß er, äußerlich ruhig, das Kompott.
Als er damit fertig war, erhob er sich. „So,
nun fühl' ich eine unmenfchliche Sehnsucht nach
meinem Bett."
„Und wir nicht minder," meinte Rysselmann.
An der Pforte verabschiedete sich Heppenheim,
denn er hatte einen anderen Weg.
Rysselmann sagte kein Wort. Er pfiff nur ohne
Unterbrechung den Parademarsch der Blücher-
Husaren, bis sie an seiner Haustür angelangt waren.
„Polgar — zn Ihnen oder zu mir?"
„Gute Nacht, ich leg' mich postwendend in die
Klappe."
„Also zu Ihnen! Denn daß ich Sie jetzt allein
lasse, bevor ich einen gründlichen Privatdiskursch mit
Ihnen gehabt habe, daran ist natürlich nicht im
Traume zu denken."
Polgar zuckte die Achseln, es war ihm jetzt alles
einerlei.
„So — und nun ziehen Sie sich erst Ihre nassen
Sachen aus. Ich wärme einstweilen ein paar Flaschen
Rotwein an. Denn an solchen Tagen muß man
die nötige Bettschwere haben, sonst kommt man auf
dumme Gedanken."
Polgar zog sich mechanisch um. In seinem Kopfe
war eine Leere, ihm kam's vor, als wandle er ini
Traume dahin. „Da wär' ich also," sagte er, als
er fertig war, und setzte sich.
„Prosit für den Anfang! — So—o, nun wollen
wir mal den Fall bebrüten, wie ich ihn jetzt ansehe.
Und da mein' ich, lieber Polgar, der Zufall kommt
Ihnen ganz ausgezeichnet zu Hilfe."
Der strich sich mit der Hand über die Stirn.
Jetzt war er froh, daß er jemand hier sitzen hatte,
vor dem er kein Blatt vor den Mund zu nehmen
brauchte. Mochte also der Freund erst einmal seinen
Gedankengang entwickeln.
„Wie meinen Sie das eigentlich, Rysselmann?"
„Na, wie's auf der Hand liegt! — Warum schmeißt
denn diese Frau Prahlstedt anderthalb Millionen
heraus, dichte bei unserer Garnison und Ihrem Ma-
jorat? Weil ihr die Liebe zu Josias Polgar lichterloh
im Herzen brennt! Das ist der logisch unanfechtbare
Schluß. Und nun kommt's lediglich auf Sie an.
Entweder Sie lassen sich die Schwarzhaarige um
den Hals fallen — oder die Blonde. Das ist natür-
lich Ihre Sache! Aber die alberne Rederei, diese
Frau Prahlstedt hätte Ihnen einen Korb gegeben,
die hört nun ganz von selber auf."
Polgar ließ den Kopf hängen und erwiderte
nichts.
Rysselmann brannte sich eine Zigarre an und
fuhr dann fort: „Was können denn Sie dafür, daß
die Entscheidung so überraschend schnell fallen muß
— rein gar nichts! Also da heißt's ein scharfes
Rennen geritten, und bisher waren Sie doch da
immer groß! — Freilich, wer diejenige fein soll,
die Sie mit Ihrer Hand beglücken, darüber müssen
Sie sich binnen zwölf Stunden klar sein! Es hilft
nichts! Morgen früh telephonieren Sie an, ob Frau
Prahlstedt bereits ihren Wohnsitz auf dem Gute
aufgeschlagen hat. Jst's der Fall, fahren Sie 'raus
und kommen als Bräutigam zurück — oder sie weiß,
daß sie das Rennen verloren hat! Und sollte die
Schwarzhaarige das zu wissen kriegen, werd' ich
schon dafür sorgen, daß es die Leutchen erfahren,
die ein Recht darauf haben, klar zu sehen! — Das
ist der Lauf der Dinge — na, was meinen Sie zu
dieser Weisheit eines Unbeteiligten?"
„Sie haben unzweifelhaft recht. Das wird ein
schwerer Tag!"
„Gewiß, Polgar! — Möchten Sie mir nicht
sagen, wie Ihr Entschluß ausfallen wird?"
„Ich werde Frau Prahlstedt bitten, wenn es
irgend möglich ist, den Kauf rückgängig zu machen."
Da atmete Rysselmann tief auf und ergriff des
Freundes Hand. „Und denken Sie nicht hart über
die arme reiche Frau! Man kann sich doch vorstellen,
wie sie umhergeworfen worden ist, bis sie zu einem
 
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