Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 22.1904

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Jahr hinterließ unö einen sehr tiefen
Schnee, den es in den letzten Tagen des-
selben warf; der erste Tag des nenen
Jahres brachte uns dazu eine ziemlich
empfindliche Kälte. Den ganzen Vor-
mittag brachte ich mit Glückwünschen und
mit Glückwünschenlassen zu, wie es m>
diesem Ta^ die Gewohnheit mit sich bringt.
Auf den Mittag erschienen der Herr Amts-
und Stadtschreiber Schrott, zwei Bürger-
meister und zwei Ratsherren von Neres-
heim, um dem gnädigen Herrn nnd mir
znm neuen Jahr zu gratulieren. Nach-
mittags folgten ihnen der Herr Hof-
kammerrat Schweigländer und sein Sohu
Karl in der nämlichen Absicht. — Den
2. Jan. Und heute vormittag die Fran
Kammerratin mit ihrer Tochter Karoline,
die Fran Stadt- und AmtSschreiberin, die
ältere und jüngere Theres Köberlin; sie
blieben beim Mittagessen bei nns. — Den
4. Jan. Der Gewohnheit gemäß erschie-
nen heute unsere Pfarrvikare und andere
Herren Pfarrer, nm dem Abt nnd nns
das nene Jahr anzuwünschen. Bei dieser
Gelegenheit ward auch eine Kantate (das
alte und das neue Jahrhundert) ansge-
sührt, welche allgemeinen Beifall fand.
Den Text machte I'. Meinrad und die
Musik ?. Andreas. Auf meine Vorbitte
wurden auch unsere Herren Beamten vom
gnädigen Herrn zu dieser Kantate und
folglich auch zur Mittagstafel eingeladen.
— Den 5. Jan. Den Chor der Gratn-
lanten znm neuen Jahr schloß endlich
meine Base Theres Brenner von Ohmen-
heim, welche alles Gnte, was mir andere
gute Freunde schon gewnnschen, wieder-
holt. kmt voluntas Osi! — Den
7. Jan. Eine Schlittenfahrt, welche der
gnädige Herr in Gesellschaft des Herrn
Baudirektors Scheidhauf nach Dieperts-
bilch machte, um diesen Hof, der dnrch die
Liederlichkeit des letzten Pächters Strehle
in eine gänzliche Baufälligkeit gerateu war,
in Augenschein zu nehmen.— Den 8. Jan.
In der Konferenz, welche heute in der
Abtei gehalten wurde, kamen zwei Supp-
liken znr Beratschlagung vor. Die erste
von dem hiesigen Klosterjäger enthielt eine
Klage über den zn hänsigen Jndenhandel,
sowohl im Kloster als auf dem Lande,
und über den Schaden, der dadurch der
Handelschaft des Klosterjägers zugefügt

würde. Ich trug darauf an, indem ich
mich anf die weisen Grundsätze des hoch-
seligen Abtes Benedikt Maria, in Rück-
sicht des verderblichen Jndenhandels, be-
rief, denselben einzuschränken, wenn man
ihn doch nicht ganz abschaffen wolle.
Mein Antrag ward angenommen. In der
zweiten Supplik baten die Wirte von Ebnat
nm einige Begünstigung in Betreff ihres
Umgelds. Ich stellte den Grundsatz anf:
„daß es Pflicht jeder Herrschaft sei, ihren
dnrch einen langen Krieg erschöpften Unter-
thanen anf alle mögliche Weife nnter die
Arme zu greifen, um ihnen wieder auf-
zuhelfen, sollte eS auch mit einiger Auf-
opferung von feiten der Herrschaft ge-
schehen müssen. Unser Kloster könne dies
um so mehr thnn, da der Krieg uns nicht
so sehr, wie manche andere Kloster und
Stände aufs Trockene gebracht habe."
Diesem Grundsatz zufolge votierte ich für
die Begünstigung der Wirte von Ebnat in
Betreff ihres Umgelds. Ohne meinen
Grundsatz geradezu anzugreifen, zeigte der
Abt sein Mißvergnügen über meinen Vor-
trag sehr deutlich. Er und l?. Großkeller
glaubten, daß man mehr auf den Vorteil
des Klosters, als jenen der Wirte von
Ebnat sehen müsse! Ich war also über-
stimmt und die Sache des Umgelds blieb
anf dem alten Fuße. Die gute Schlitten-
bahn lockte heute auch einige Gäste von
Difchingen hieher, nämlich den Hofrat
Poppele mit seiner Frau und einer Toch-
ter und deu Amtsschreiber Burger, eben-
salls mit seiner Fran. Unser Herr Ober-
amtmann, seine Frau und der Herr Kanz-
leirat begleiteten sie nach Dischingen zu-
rück, nm einem Ball beizuwohnen, wozu
sie vorher schon durch de» Hosmarschall
von Jmhos waren eingeladen worden.
Dieser Ballbesuch gab zu einer unange-
nehmen Geschichte Anlaß. Unsere Herren
Beamten wurden uämlich nicht znr Tafel
geladen und sonst nicht am besten bedient.
Dieses verdroß sie sehr, besonders die
Frau Oberamtmäunin, und sie nahmen
sich vor, nie wieder nach Dischingen zu
einem Ball zu gehen. Doch der gute alte
Fürst machte den Fehler wieder gut, in-
dem er dem Hofmarschall, von welchem
das Versehen herrührte, erklärte: „daß er
die zwei Herren Beamte von Neresheim
hätte zur Tafel einladen sollen — und
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