Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 24.1906

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hin bis auf Ankunft der neuen Brüder-
Versammlung dürfe unterhalten werden,
alldieweilen dene Brüdern oblieget, beedes
dieses ex proprüs oder Zrutis zu prästieren"
(d. h. umsonst zu leisten). Man ging
also bei der Aufnahme der Brüder äußerst
vorsichtig zu Werk: nicht bloß sollte nie-
mand geschädigt werden — deshalb
durften sie keine liegenden Güter erwerben
und durch Almosensammeln nicht lästig
werden — sondern die Herrschaft sollte
durch unentgeltliche Uebernahme der Mes-
nerei und Unterhaltung des MesnerhauseS
und die Bürgerschaft durch Zuwendung
von Arbeit seitens auswärtiger Kundschafi
nur Nutze» von den Brüdern haben.
3. Ordensleben der Brüder.
Von besonderem Interesse ist es, auch
einen Einblick ins Ordensleben der Gottes-
Lergbrüder zu gewinnen, und zu diesem
Zweck sollen im folgenden die Entstehung
des betreffenden Ordens, die Aufnahme-
bedingungen, die Eidesformel bei der
Brüderausnahme und endlich die Ordens-
regel selbst zurDarstellung gebracht werden:
u) E n t st e h u n g d e s P a u l a n e r o r d e n s
(ja nicht mit dem Paulinerorden zu
verwechseln).
Im Schiffe der Goitesbergkirche rechts
von der Tüie gegen Osten befindet sich
ein wohlgelungenes Oelgemälde; es stellt
dar den hl. Franz von Paula, als Mönch
gekleidet, mit einem Wanderstab in der
Hand, über sich einen Glorienschein mit
dem Worte Charitas (d. h. Liebe oder
Barmherzigkeit). Dies ist der Stifter des
Ordens der Brüder auf dem Göllesberg.
Dieser Heilige ist geboren zu Paula, einem
Städtchen in Kalabrien, im Jahre 1416
als Sohn armer, aber frommer Eltern.
Bereits in seinem 15. Lebensjahre begab er
sich in die Einöde und führte viele Jahre
hindurch ein Einsiedlerleben. Angezogen
durch den Wohlgeruch seiner Tugenden
sammelten sich von 1457 an viele Gleich-
gesinnte um ihn und erbaten sich von ihm
eine bestimmte Lebeiisnorm. Dies führte
schließlich zur Gründung des Paulaner-
ordens. Demut und Buße bildeten das
Fundament dieses Ordens, weshalb die
Mitglieder desselben sich mit Vorliebe den

Nanun Niirimi, d. h. die mindesten Brüder,
beilegten. (Sie wollten die lrutres minores,
d. h. die minderen Brüder des hl. Franz
von Assisi, an Bußstreuge und Demut noch
überbieten.) Der Heilige verfaßte eine
dreifache Ordensregel, eine für männliche,
eine für weibliche Klöster und endlich eine
Regel für einen III. Orden (Tertianer),
d. h. für solche, welche wohl in der Welt,
aber doch abgesondert von der Welt leben
wollten. Durch den sittlichen Ernst seiner
Mitglieder und dis Wunder seines Stifters
verbreitete sich der Orden, der im Jahre
1474 von Papst Sixtus IV. bestätigt
wurde, schnell über Italien, in Frankreich
und Spanien. Die Reise des hl. Franziskus
nach Frankreich (1482) zu dem kranken und
sterbenden König Ludwig XI. glich einem
Triumphzuge, da er überall vielfältige Be-
weise von der ihm verliehenen heilenden
Kraft und Macht zurückließ. Im Jahre
1497 kam der Paulanerorden auf wieder-
holtes Bitten des Kaisers Maximilian auch
in Deutschland zur Einführung.
Zur Zeit der höchsten Blüte zählte der
Paulanerorden über 450 Ordenshäuser,
heutzutage aber bestehen nur noch wenige
Klöster dieses Ordens in Italien, und
der Hauptsitz ist zu Rom in St. Andrea
delle Fratte. Der Ordensstifter starb am
Karfreitag des Jahres 1507 in einem
Alter von 91 Jahren zu Plcssis les Tours,
und bereits nach zwölf Jahren (1519) wurde
er von Papst Leo X. in die Zahl der Hei-
ligen versetzt.
Tertianer, d. h. Brüder des III. Ordens
des hl. Franz von Paula, auch kurzweg
Paulaner-Eremiten genannt, waren es,
welche im Jahre 1763/64 den Gottesberg
bezogen. Ihre Kleidung bestand in
einem bis auf die Knöchel reichenden
Habit ans geringem Stoff von natürlich
schwarzer, ungefärbter Wolle. Um den
Hals trugen sie einen größeren Rosen-
kranz, an dem ein einfaches Kreuzchen be-
festigt war, und au dem Kreuzchen hing
noch eine MuttergotteSmedaille. Vorn
auf der Brust trugen sie das Abzeichen
ihres Ordens, ein kleines, ovales, blaues
Täfelchen, welches in der Mitte ein rotes
Kreuz hatte (s. Bild des Theophilus im
Chörlein).
(Fortsetzung folgt.)

Stuttgart. Duchdruckerei der Akt.-Ges. »Deutsches Volk-Matt".
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