Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 24.1906

Page: 175
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die Schuhe von den Füßen. Ein anderer Schwarm
stürmte inzwischen das friedliche Kloster selbst,
brach in die Küche und den Keller ein und plün-
derte dort, bis ein Zahlmeister dem Unfuge
steuerle. Aber nur kurz war die Dauer der
Ruhe. Bald sammelte sich ein anderer Haufe,
drang wieder in das Kloster, schlug mehrere
Zellen ein und nahm hinweg, was er fand, von
den wollenen Bettdecken an bis herab auf die
Federmesser und den Tabak. Den übrigen Zellen
drohte das gleiche Schicksal, als auf die dringen-
den Bitten der geängstigten Klosterbeivohncr der
Quartiermeister der 97. Halbbrigade und der
erwähnte Zahlmeister aus dem Städtchen herbei-
eilten, die Räuber verdrängten und das Kloster
die Nacht hindurch gegen wiederholte Angriffe
beschützten. Allein schon am folgende» Mor-
gen wurden diese beiden abberufen. An die
Stelle derselben kamen als Schutzwache zwei
Kavallerieoffiziere, Männer, dis zwar von dem
Trosse eine Ausnahme machten, voll guten Willens
waren, aber weder Ansehens noch Macht genug
batten, dem Gesindel, das weder Ehrgefühl noch
Dienstgehorsam kannte, Schranken zu setzen. Eben
als inan bei Tische saß, stürzten 70 bis 80 Mann
in den Speisesaal, zehrten auf, was sie fanden,
stahlen, als sie gesättigt waren, das Tischzeug
und zerschlugen die Tische, Stühle und das übrige
Gerät, das sie nicht mit Hinwegschleppen konnten.
Auf die Offiziere selbst drangen sie mit bloßen
Säbeln ein und zwangen sie zur Flucht, nachdem
sie einem derselben nicht nur zwei Pistolen, son-
dern selbst seinen Säbel geraubt hatten. Jetzt
stürmten einige des Haufens die Küche und die
Speisegewölbe, raubten allen Vorrat, zerschlugen
die Gerätschaften, sielen dann in die Zellen ein,
zertrümmerten Türen und Schlösser, durchsuchten
straßenräuberisch die Taschen der Geistlichen,
nahmen den Vorrat von weißem Tuche, das Tuch
zu Ordenskleidungen, das Leingeräte zum Kirchen-
gebrauchs, nebst einigen Kirchengefässen hinweg.
Andere drangen in den Keller, berauschten sich
und zerschlugen dann im trunkenen Mutwillen
das Kellergeräte. Noch schändlicher betrugen sie
sich in der Kirche selbst. Ein Jäger schlug den
Tabernakel ein, teilte hohnlachend einen Teil
der geweihten Hostien seinen Spießgesellen aus,
warf die übrigen zur Erde, tanzte auf denselben
triumphierend herum, spie sie an und freute sich
des Sakrilegiums, das er vollbracht hatte, wäh-
rend die anderen Schandlieder sangen und seinem
jedes Gefühl empörenden Beispiele folgten. Die
zwei Schreckenstage über, als das Kloster der
Schauplatz so schändlicher Auftritte war, hatte
einer der Ordensmänner, k. CäsariusIaufer,
vorzüglich durch Entschlossenheit und gefahrver-
achtenden Mut, Eigenschaften, die in einen« solchen
Zeitpunkte und unter solchen Umständen Bürger-
kronen verdienen, sich ausgezeichnet. Nichts ließ er
unversucht, was zur Rettung seines Klosters oder
zur Minderung des Schadens, den« dasselbe teils
ausgesetzt, teils preisgegeben war, diente. Aber
auch keiner seiner Brüder war so oft in Gefahr,
ein Opfer der französischen Wut zu werden; keiner
sah den« Tode so oft ins Antlitz, obgleich alle in
diesen Tagen Schweres duldeten. Mehr als
sünfzigmal schlugen die Gauner auf ihn an. Aber
ein besonderes Schicksal lastete über ihn«. Als

der Haufe den Keller plünderte und Bier und
Wein in Kübeln davontrug, trat einer der Räu-
ber, der einigen Aeuherungen nach weiland ein
Geistlicher war, ehe die französische Revolution
noch dis Altäre und die Sittlichkeit umgestürzt
halte, zu ihn«, bemitleidete scheinbar das Kloster
und versprach, mit elf seiner Kameraden dasselbe
gegen jeden ferneren Angriff zu schützen, wenn
man sie reichlich mit Speise und Trank laben
und jedem noch zwei französische Taler geben
würde. ?. Cäsar versprach Speise und Wein,
so viel das geplünderte Kloster vermöge. Geld,
fügte er Hinz««, könne er keines geben, aus dem
sehr einfachen Grunde, «veil das Kloster keines
mehr besitze. Ein wütendes, mordverkündendes
Gebrülle war die Antwort des sonderbaren Schutz-
geistes. Cäsar war gezwungen, Sicherheit in
dem Chor zu suchen. Aber jener Elende, der
sich in der Hoffnung, das Kloster um 24 Taler
zu prelle««, getäuscht sah, folgte racheglühend mit
zwei feiner Gehilfen dahin nach. Die Feuer-
gewehre wurden auf den würdigen Cäsarius an-
geschlagen mit der Drohung, ihm eine Kugel
durch den Kopf zu jagen, wenn nicht augenblick-
lich das Geld herbeigeschafft würde. Ich habe
kein Geld, antwortete Cäsarius, kniete nieder
am Gitter, empfahl seine Seele dem Herrn und
erwartete die Erfüllung der Todesdrohung. Plötz-
lich brannte der Anführer sein Geivehr los. Aber
die Kugel streifte glücklich am Haupts vorüber,
ohne zu verwunden. Betäubt sank indessen Cä-
sarius nieder. Allein noch waren dis Wüteirden
nicht zufrieden. Sie rissen ihn empor, schleppten
ihn in die Kirche, forderten den Kirchenschatz,
erbrachen alle Behältnisse, zerschlugen die Altäre,
und als sie nichts zu rauben fanden, forderten
sie aufs neue Blut. Cäsarius mußte nieder-
knien. Einer der Rotte schlug in einer Entfer-
nung von vier Schritten, aus seine Brust zielend,
gegen ihn an. Offenen Auges sah er dem Tode
entgegen. Aber in dem nämlichen Augenblicks,
als der Barbar losdrückte, drehte ihm einer seiner
Kameraden, unter den Unmenschen der mensch-
lichste, den Gewehrlauf auf die Seite, und wie-
der fuhr die Kugel, ohne zu treffen, vorüber.
Unter Schlägen und Mißhandlungen ward der
Schuldlose jetzt an die Pforte gezogen und aufs
neue von den« Anführer zum Tode verurteilt.
Der Schuß, der das Urteil vollziehen sollte, ge-
schah wirklich. Aber wieder flog die Kugel über
dem Verurteilten hinweg und traf eine Marien-
stntuette, die in einem Glasschranke stand. Nach
einer Todesangst von beinahe zwei Stunden
ward endlich der arme Cäsarius befreit. Die
Plünderung hatte von ll Uhr vormittags bis
3°/- Uhr nachmittags gedauert. Was nicht ge-
raubt werden konnte, wurde zerstört. Die Geist-
lichen retteten beinahe nichts als das Leben. —
Auch andere Orte in Hohenzollern litten sehr
unter den Franzosen, so Bärental, welchem
Dörflein es fast ähnlich erging wie dem benach-
barten Wallfahrtsorte Engelwies. Die Treu-
losigkeit, mit welcher die Franzosen alle Verträge
unter die Füße traten, und dis Unmenschlichkeit,
mit welcher sie die Dorfbewohner mißhandelten,
hatten einige Gemeinden jener Gegenden be-
stimmt, sich zu bewaffnen und die Räuber von
ihren friedlichen Hütten, welchen die lautesten
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