Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 7.1862

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Eine luftige Bärenhetze, aus dem Walde mit Horn-
signaleu und Jägerweisen in mittelalterlichem Waidmanns-
kostüm heraus und unter die Menge stürmend, brachte neue
Ueberraschnng und Abwechselung. Der erlegte Bär wurde
unter den Weisen einer polnischen Spielmannsbaude wie-
der lebendig und fing auf das artigste in seiner Art durch
die Menge zu tanzen an. Sv wechselten Aufzüge und
Erscheinungen bis, leider allen zu frühe, der flüchtige, aber
auf's heiterste verlebte schöne Maitag zu Rüste ging und
die phantastische Erscheinung des Waldkönigs auf hohem
Felsen mit seinen Wichtelmännchen auftauchte, dem Wald-
mann dafür, daß er heute so fröhlichen Freunden seine
geheimsten Waldstellen verratheu, eine frühere Schuld ver-
zieh und seines Bannes erlöste. Der Waldgeist erwähnte
noch das vorjährige Sängerfest und brachte für dasselbe
wie für das heutige „dem Mensch envölklein" seinen
Dank, segnete die Stadt und ihre altehrwürdige Burg
und schloß unter Segenswünschen, ihres fern wei-
lenden königlichen Herrn gedenkend, den arran-
girten Theil des Festes, welckes noch in die späte Nacht
hinein ohne die mindeste Unordnung und Störung unter
malerischer Flaminenbelenchtung im heitersten Jubel fort-
danerte, bis sich, nachdem unendliche Eisenbahnzüge und
eine! ununterbrochene Kette Fußgeher die Menge heimge-
bracht, die Künstler in einem traulichen Nachfeste von
der allen lieb und unvergeßlich gewordenen Waldstelle
trennten, ans welchem sie die vor dem 30jährigen Kriege
in Nürnberg so beliebten Waldmaienseste, in denen die
Tradition die damaligen berühmten Künstler lebhaft theil-
nehmen läßt und selbst im „Dürerbrünnlein" in der Nähe
bezeichnet, in feinster Weise wieder in's Leben gerufen
haben. —

□ Düsseldorf, am 17. Juni. (Permanente Aus-
stellung.) Bon zweie» unserer ersten Künstler waren kürz-
lich Werke ausgestellt: von Direktor Bend em ann ein gro-
ßer Cartou und von Andr. A ch e n b a ch drei kleine Landschaf-
ten. B e n d e m a n »'s Cartou, in der Ausführung bestimmt,
die Räume eines neuen Schwnrgerichtsgebändes in Naum-
burg zu schinücken, stellt den „Brudermord Kain's" dar.
Bor dem Altar in der Mitte liegt der erschlagene Abel,
rechts im Bilde flieht Kain gepeinigt vom Bewußtsein
seiner Schuld und getroffen vom göttlichen Richtersprnch,
links knieen am Haupte des erschlagenen Sohnes die ersten
Eltern und erheben anklagend die Hände zu Gott, der
Über Leu Rauchwolken des Altars erscheint, zu seiner
Rechten der Engel der Gnade, zur Linken der Engel der
Gerechtigkeit. Beim Anblick der in hohem Grade groß-
artigen und ergreifenden Komposition fällt es schwer, sich
einen passenderen, wirkungsvolleren Schmuck für ein Ge-
richtSgebände zu denken. Die Ausführung an Ort und
Stelle hat Direktor Beudemann einem seiner Schüler,
Bertling, übertragen. Welcher Sprung von hier zu
Achenbach's Landschaften! dort stellen uns die einfachen
schwarzen Linien mit erschütternder Wahrheit die große
ewige Idee vor's Auge, die wir nirgends sehen, die wir
nie mit Händen greifen und die doch der Geist des Men-
schen von Uranfang verehrt; hier ist der anspruchslose
Grashalm, der schimmernde Wassertropfen, die Wolke, die
leicht darüber hinzieht, mit allem Reiz der Farbe, mit
aller Geschicklichkeit des Pinsels wiedergegeben, scheinbar
nur eine treue Nachahmung der sinnlichen Dinge und doch
eine Darstellung desselben Geistes, der im Grashalm wie
im Menschen lebt. Eine „Marine" und eine „westphälische
Landschaft" sind von fast stereoskopischer Naturwahrheit,
ein drittes Bildchen, weniger in's äußerste Detail ausge-
führt als die beiden andern, fesselt desto mehr durch Farbe
und Stimmung.

Bon allen Seiten wird geklagt über die Mangelhaf-
tigkeit der deutschen Kunst-Ausstellung in London. Düssel-
dorf hat allerdings einige der bedeutendsten dorthin ge-
schickten und aus hiesigen Ateliers hervorgegangenen Werke,

so das große Bild von Tidemand, an die skandinavische
Abtheilung abgeben müssen und ist, wie ich Ihnen das
letzte Mal schrieb, in seinen jüngeren Kräften sehr wenig
vertreten; doch dürfte der hauptsächliche und sehr natür-
liche Grund jener Dürftigkeit der deutschen Abtheilung
in der Unmöglichkeit liege», jetzt nicht ganz ein Jahr nach
der großen Kölner Ausstellung wieder eine große Anzahl
von Bildern auf längere Zeit aus dem Privatbesitz zu
ziehen, da viele Künstler nicht in der Lage waren, gerade
ihre neuesten Werke zu schicken.

i"s Hamburg, am 15. Juni. (Ausstellung VIII.)
Wir halten jetzt nach dem Schluß der Ausstellung noch
eine kurze Nachlese der seit der letzten Umhängung noch
zu bemerkenden Gemälde.

_ An Viehstücken sind zwar gar manche vorhanden, aber
bisher haben wir nichts anfsinden können, was sich zu der
Vorzüglichkeit erhöbe, wie sie uns aus früheren Ausstellung
geboten. Inzwischen möchten wir doch manche gar brave
nicht übergehen, so den „ Knhstall mit Kühen aus dem
badischen Schwarzwalde" von Georg Saal aus Baden,
der sich jetzt in Paris befindet: die beiden Thiere sind gut
aufgefaßt und gelungen ausgeführt. Das „verirrte Vieh
in den Alpen" von F. A. Ni eol in Braunschweig ist eben-
falls beachtenswerth, zumal da die Gebirgsscene im auf-
steigenden Unwetter sehr interessant ist. — Auch A. Keß-
ler 's (Düsseldorf) „Schweizerlandschast am Wallenstädter
See" zeigt in einer warmen baumreichen Landschaft eine
hübsche Gruppe von Kühen, die sich im Banmschatten ge-
sammelt haben und am flachen Wasser trinken. Ebenso
ist bas „Innere eines französischen Bauerhofes" von A.
O. Becker in Berlin wegen seiner lebendigen Wiedergabe
des ThierlebenS sehr zu loben und anerkennenswerth. — Wir
werfen noch einen kurzen Blick auf Fr. H eiin erd i ng e r's
„Mietz ans der Anricht", ein Kätzchen, welches mit einem
Hummer spielt, und das „ Repp.siihuerpaar" von Ernst
Krüger Hierselbst, welches am schneebedeckten Waldesrande
von einem lüsternen Fuchs aufgescheucht wird, und betrachten
dann mit wahrem Behagen die „Heimkehr des Viehes am
Abend in den Bauernhof" von dem trefflichen Fr. Voltz
in München, welches eine schöne warme Beleuchtung mit
einer anspruchslosen, aber seinen Charakteristik verbindet.
Endlich nennen wir noch das „Viehstück von O. Gebler
in München, das er „bescheidene Anfrage" titulirt. Es
ist ein tüchtig und pastös gemaltes Bild, das einen kräftigen
Bullen darstellt, der zu der nebenan eingesperrten, durch
das mit Brettern zugeuagelte Fenster blickenden Kuh will
und die Bretter der verschlossenen Pforte mit seinen Hör-
nern durchbohrt. Es spricht sich ein tüchtiges Studium
der Natur darin aus. Die Farbe i|t sehr kräftig, wenn
auch in den Lichtern vielleicht etwas grell.

Auch au Landschaften hat die letzte Umhängnng reichen
Ertrag gegeben. So ist A. Leu's (Düsseldorf), dessen
wir bereits früher erwähnt, Gebirgs-Landschast „der Go-
sau-See", erst, nachdem sie eine günstigere Beleuchtung
erhalten, zur bessern Geltung gelangt. Ebenso ist auch
Rob. Sch ultze's (Düsseldorf) „Blick ans den in der Ferne
liegenden Vierwaldstätter See" ein sehr angenehmes Ge-
birgsbild, das uns besonders in seinem Vor- und Mittel-
gründe gefallen, weniger in seiner in Nebeldnft etwas
zu sehr verschwommenen Ferne. Interessant und lebendig
ist auch des Künstlers „Wasserfall am Wallensee". — Die
„Haidelandschaft" von A. Michelis in Düsseldorf ist in
ihrer Oede und Dürre recht gut charakterisirt, und die ans
einem Hügel rastende Scbaafheerde verleiht ihr gerade so-
viel Leben als »öthig ist, um die melancholische Stimmung
zur erhöhten Wirkung zu bringen. — Die „Gegend am schwe-
dischen Wenersee" ist von M. Müller in Düsseldorf in ihrer
nordischen Stimmung sehr glücklich aufgefaßt und die Som-
merwärme der nordischen Region ist wohkthnend darüber
gebreitet. — In eine ganz verschiedene Oertlichkeit versetzt
uns Christ. Morgenstern in München durch seine „bay-
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