Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 7.1862

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rische Ebene" in Abendbeleuchtung. Das nur kleine Bild
ist sehr fein in der Stimmung und wirkt namentlich durch
die poetische Fernsicht. — Auch die „schottische Küste" vom
Prof. E. Hildebrandt in Berlin muß ich noch einmal
erwähnen. Früher hing sie in einer nicht ganz günstigen
Beleuchtung; jetzt ist ihr diese in vollem Maaße zu Theil
geworden, und nun imponirt sie in ihrer effektvollen Schön-
heit; die theilweise durch Gewölk gebrochenen Strahlen
der tief am Horizonte stehenden Sonne machen die schönste
Wirkung in der malerischen Naturscene. Der „Sonnen-
untergang am Genfer See in der Nähe des Schlosses
Chillon", von I Dnntze in Düsseldorf, ist ebenfalls sehr
wirkungsvoll. Die „Abendlandschaft bei stürmischen Wetter"
von Prof. A. Weber in Düsseldorf ist ein großes, sehr
ausgeführtes Bild von hochpoetischer, seiner Stimmung,
das in seiner saftigen Frische und wirksamen Beleuchtung
die Blicke der Beschauer längere Zeit aus sich zieht. — Auch
die „nordische Landschaft" von E. Bo dom m Düffeldorf
ist ein Werk von hervorragender Bedeutung, ans welchem
sich die ernste und eigenthümliche örtliche Stimmung be-
sonders geltend zu machen weiß; besonders ift_ dies mit
dem interessanten Borgrunde der Fall. ^ Zu gleicher Vor-
züglichkeit erhebt sich die große Landschaft eines Hamburger
Künstlers, Dietrich Lang ko in München, nämlich der
„Karfsec im Moor bei Königsdorf", im bayerischen Hoch-
lande. Das interessante Motiv hat der vielversprechende
Künstler sehr glücklich anfgefaßt und mit Geschick ans die
Leinwand gebracht.

Unter den Genrestückcn ziehen zwei größere, über-
aus fignrenreiche Gemälde des Blick ans sich, da sie eine
sehr bedeutende Anffaffungsgabe und ein tüchtiges Talent
doknmentiren. Das erste ist H. Herzog's in Düffcl-
dorf „Schweizer Schwnngfest bei Unspunnen. Zwei kräf-
tige junge Burschen ringen mitten auf dem Rasen, der
von zahllosen Zuschauern, meistentheils Männern, um-
zingelt ist. Mit sehr vielem Geschick ist dieser Halbkreis

der verschiedenartigsten Figuren von Jung und Alt in
einander gefügt, so daß sich die vielen Gruppen zu einer
einzigen gestalten. Das zweite ist der „St. Martins-Abend"
von Ed. Geselsckap in Düsseldorf, an welchem sich eine
Anzahl von Kindern mit ihren bunten Papierlaternen auf
den Straßen präsentiren. Der Mond steht noch tief am
Horizonte und kann seine Silberstrahlcn noch nicht geltend
machen, daher das Halbdunkel des Lampenlichts überall
vorherrschend. Talentvoll ist das durcheinander schwirrende
Kinderbataillon, untermischt mit älteren Personen, in seiner
eigenthnmlichen Beleuchtung gemacht. — Eins der vor-
züglichsten Genrestücke im ächt niederländischen Stil ist
das „Schneeballwerfen" von David Col in Antwerpen
Ein alter Schacherjude wird von Bube» mit Schneebälleu
beworfen; ein hinter seinem ans dem Markte stehenden
Tische befindlicher Wild- und Geflügelhändler nimmt sich
seiner an, während die übrigen Umstehenden den armen
Juden auslachen. Das in sehr kräftigen und doch über-
aus harmonircnden Farben und mit großer Pinselfertigkeit
ausgeführte Werk erweckt die größte Befriedigung. Auch
das Bild „am Kamin" von Reinh. Dannehl in Königs-
berg ist sehr brav, namentlich in der Behandlung der
doppelten Beleuchtung durch das starke Feuer im Kamin,
welches natürlich dominirend ist, und der sanften Mondbe-
leuchtnug durch's Fenster. - Victor Z e p p e n f e l d in Düssel-
dorf hat durch seine beiden Merkchen „vor dem Postschalter"
und „der Mausefallenhändler" dargethan, daß er mit Pinsel
und Palette wohl nmzugehen weiß. — Der „Kapuziner
ans dem Sabinergebirge" von I. Fay in Düsseldorf, der
behäbig ans seinem Schimmel sitzend einem auf seinen
Krückstock gelehnten Bettler eine Prise als Almosen reicht,
ist recht nett gemacht. — Einen „Mittsommer-Abend" (in
Bleking) von B. Nordenberg in Düsseldorf macht sich
in seiner angenehmen Beleuchtung wohl geltend.

(Schluß folgt.)

Kunst-Chronik.

Berlin. — Die diesjährige große Kunstausstellung
in der hiesigen Akademie wird, nach einer neueren Be-
stimmung, erst am Sonntag den 7. September eröffnet
werden. Der Schlußtermin zur Einlieferung von Kunst-
werken ist ans den 16. August festgesetzt.*)

— — Das Piedestal zu der Kant-Statue für
Königsberg, dessen Ausführung hier dem Steinmetzmeister
Müller übertragen ist, kann bis zur Einweihung des
neuen Königsberger Universitätsgebändes nicht fertig, die
Enthüllung des Denkmals daher erst im Herbst vorge-
nommen werden.

-Die Zeitungen bringen folgende ominöse „Be-
kanntmachung": Da bis jetzt alle Modelle zur Schil-
lerstatue mit Rissen oder Brüchen und theilweise mit sehr
bedeutenden Beschädigungen eingetroffen sind, so halte ich
mich verpflichtet, die auswärtigen Herren Künstler aber-
mals, und zwar auf das Dringendste, auf eine vorsichti-
gere Verpackung aufmerksam zu machen.

Berlin, den 15. Juni 1862.

Der Stadtrath 1)r. Wo eiliger.

-In Betreff der Schiller-Göthe-Lessing-Denkmals-

Angelcgenheit meldet die Voss. Z. in etwas geschraubter
Weise: „Das neuerdings von per Mehrheit des Goethe-
koni i t ö s an das L e s s i n g k o m i t 6 gestellte Ansinnen,
das Dreistatuenprojekt fallen zu lassen, wird von dem letz-
tem, wie wir hören, auf das Bestimmteste abgelehnt. Es
wäre dies um so mehr zu wünschen, als es sich, der Sach-
lage nach, gar nicht mehr um angebliche (!) kultur-histo-

*) Siche unter „Kunstinstitute".

rische Bedenken oder sogenannte (!) *) künstlerische Ein-
wendungen handeln kann, sondern dem Komitö nur obliegt
charakterfest seine Pflicht zu erfüllen, d. h. feststehend auf
der rechtlichen Basis und in Uebcreinstimmung mit allen,
von besonderer Tendenz nngeblendeten, Gebildeten das
Unternehmen, wofür es nach reiflichster Ueberlegung eiu-
getreteu ist, kräftig zu fördern.

— — Der in der k. Porzellan-Manufaktur für
die Londoner Ausstellung ausgeführte, prachtvolle, kürzlich
ausgestellte Tafel-Aufsatz stellt die „Huldigung der
russischen Kaiserin Katharina II." dar. Man erblickt einen
bedeckten, von zwei Säulen getragenen Thron-Baldachin,
unter welchem ans einem Sessel die Kaiserin mit Scepter
und Reichsapfel und dem blauen Bande des St. Andreas-
Ordens sitzt. Umgeben ist der Aufsatz von den verschie-
densten Gruppen huldigender Personen, und zwar von den
Knäsen des Landes bis zu den gefesselten Sklaven hinab.
Man staunt über den Fignren-Reichthnm und die saubere
bis zur kleinsten Einzelheit sorgsame Ausführung der Fi-
guren; noch mehr aber über die kostbare, treffliche Ma-

*> Wir bemerken hierzu, daß diese „sogenannten" fünfte
rischen Einwendungen von Männern wie Bläser, Drakc,
A. Fischer, Haagen, Heidel, Kiß, Schievclbein, Snß-
niann Hellborn, A. Wolfs, A. Wredow, Hitzig, Strack,
Stiller, Cornelius, v. Olfers, G. Waagen, Hotho,
Guhl u. s. f- herrühren, und zwar — in Folge einer Aufforde-
rung de« Gocthecomltö's — schriftlich abgegeben sind. Wir werden
übrigens nächstens Gelegenheit nehmen, bei Anzeige der vom
Goethecomite veröffentlichten Schrift „Gutachten der Knnstab-
rheilung des Goethe-Comits's über die Ausstellung der drei Stand-
bilder u. s. f-" »ns diese Frage näher einzugehen. Wir unsrer
seits sind immer gegen dies unvernünftige Projekt gewesen. D. R.
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