Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 7.1862

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auf einige wenige Bilder zu werfen, buchstäblich unmöglich
gewesen, mehr als die eine Hälfte des einen und die Ecke
des Goldrahmens von einem andern aus der Entfernung
zu erblicken. Wir bedauern daher die Unglücklichen, welche
ihren Besuch auf diese beiden Tage verschoben haben.

Indessen läßt sich doch daraus ein sehr erfreulicher
Schluß ans die Lebhaftigkeit des im Publikum vorhandenen
Interesses für die Ausstellung ziehen; ein Interesse, daß um
so höher in Anschlag zu bringen ist, als bei unö von keiner
Seite her — mit Ausnahme der Presse — etwas dazu
gethan wird, um es lebendig zu erhalten und zu erhöhen.
Wie beim Beginn der Ausstellung, so weisen wir auch
diesmal daraus hin, daß es für die Akademie nicht genü-
gend erscheint, die Ausstellung zu veranstalten und sie an-
zukündigen, die Erregung der Theilnahme des Publikums
daran in bequemer Weise den verschiedenen Organen der
Presse überlassend; sondern es scheint uns eine in der Stel-
lung der Akadeinie, als officieller Veranstalterin der großen
Ausstellung, begründete moralische Verpflichtung zu liegen,
daß sie die Ausstellung als einen großen wichtigen Akt in
der Sphäre der Kunstbestrebungeu betrachte, der als solcher
einer besonderen Feierlichkeit — sowohl bei der Eröffnung
wie bei der Schließung — werth sei. Wie bei ersterer
die Spitzen der Behörden, wissenschaftlicher und künstlerischer
Körperschaften zur Theilnahme an der Festlichkeit geladen

werden müßten, um der Eröffnung durch Se. Excel, den
Kultusminister beizuwohnen, so inüßte der Schluß durch
eben solche Feierlichkeit bezeichnet werden, an welcher die
Prämien öffentlich vertheilt und die Sieger in dem Wett-
kampfe auf dem Felde der Kunst gekrönt würden. —

Aber grade als ob die Akademie und die ganze Kunst-
verwaltung auf die Ausstellung nur insofern Werth lege,
als sie Geld einbringt — wird dieselbe ohne Sang und
Klang eröffnet und geschlossen; und wenn nicht die öffent-
liche Kritik, die von den Herren Akademikern vornehm über
die Achsel angesehen zu werden pflegt, durch ihre fortlau-
fenden Berichte das Interesse an der Ausstellung im Pu-
blikum wach erhielte, so würden Viele von ihrem Vor-
handensein gar nichts wissen, und die Andern, welche die
Zcitnngsanonce der Akademie über die Eröffnung gelesen,
sie bald vergessen haben.

Auf demselben „nicht mehr ungewöhnlichen" Wege der
Zeitungsanonce kündigt auch die Akademie gewöhnlich ein
Vierteljahr nach dem Schluß der dann längst vergessenen
Ausstellung das Resultat ihrer Beschlüsse über die Ver-
theilung der Prämien an die Aussteller der besten Werke au.

Ist Alles dies der Würde einer königl. Akademie der
Künste im preußischen Staate würdig und angemessen?

M. Sr.

Korrespondenzen.

H London, den 30. Oktober. (Die internationale
Kunstausstellung. IX. Die Kunstmächtc zweiten
Ranges.) Ich will mir zwar kein Urtheil darüber an-
maaßen, ob die von den „Kunstmächtcn zweiten Ranges,"
wie Springer sie in seiner Geschichte der modernen Kunst
nennt, ausgestellten Werke der Malerei diese Macht — sei
sie nun groß oder gering — völlig charakterisiren, weil von
dem, was sie schaffen, im Ganzen nur geringe Kunde zu
uns herüberkommt; aber interessant ist es wenigstens, aus
den Zweigen der Malerei, in denen sie überhaupt etwas
leisten, die Richtung ihrer Kunstthätigkeit zu ersehen und
eine Reihe von Künstlern aus ihrem Beisammensein ge-
nauer kennen zu lernen, als es der Fall sein würde, wenn
man jeden in seinem Laude einzeln erblickte. Denn Aus-
stellungen sind mehr oder weniger eine Feuerprobe, in
welcher sich der Einzelne richtiger und klarer darstcllt, als
wenn er uns isolirt erscheint.

Ich kann wohl sagen, daß unter diesen Mächten zweiten
Ranges die in der Wirklichkeit kleinste „hier die hervor-
ragendste und vcrhältnißmäßig am konsequentesten vertreten"
ist. Das kleine Dänemark zeigt uns in der Thal den
ganzen Verlauf der Kunstgeschichte, s’il y en a, seit der Grün-
dung der Akademie in Kopenhagen um die Mitte des vori-
gen Jahrhunderts, und in diesem Verlaufe mehrere bedeu-
tende, in ihrer Kunst nicht, wie die meisten Skandinavier, von
deutschen Einflüssen abhängige Meister. Dahin gehört
der eigentliche Begründer der heutigen Malerei in Däne-
mark, Ehr. W ilh. Eckersberg, der sich bekanntlich zuerst
der Historie und dem Portrait, später der Landschaft und mit
Glück der Marine zuwandte, wie sein kleines Scestück (Nr.
1500) beweist. Ein wahres Meisterstück ist sein „Portrait
Thorwaldsen's" aus dem Jahre 1815. Nach seinem Zeit-
genossen und Schüler C. A. Jensen, der sich im Por-
trait schwächer beweist, als sein Lehrer, folgt eine Reihe
von Künstlern, die sich mit ziemlich zweifelhaftem Glücke
in der Darstellung des italienischen Volkslebens versuchten.
Das that unter Anderen der, ich glaube noch jetzige Di-
rektor der kopenhagener Akademie, Wilh. Marstraud,

dessen Genrebilder zu den ausgezeichneteren Leistungen ge-
hören. Ganz auf dänischem Boden in seinen Stoffen blieb
der in München mit Rüben, Heiulcin, Fohr und Monte»
s. Z. unter Cornelius ausgebildete treffliche Simonsen,
der durch Gedankenreichthum und gediegene Technik her-
vorragt, aber wohl noch bedeutender in der Kunst gewor-
den wäre, wenn er nicht Deutschland mit Dänemark ver-
tauscht hätte. Andere gute, meistens dein Genre ange-
hörende Bilder sind von Dalsgaard, Schiött, Non-
nenkamp und insbesondere von Elisabeth Jerichau-
B au manu; gute Landschaften und Marinestücke von So-
rensen und von dem in Deutschland bekannten, verstor-
benen Joh. Ehr. Dahl, mit dessen im Allgemeinen har-
ten Charakter ich mich freilich nie habe aussöhnen können.
Letzteren zählt der Katalog halb zu Dänemark; sein Ge-
burtsort Bergen weist ihn nach Norwegen.

Schweden und Norwegen, die beide, obgleich in
Stockholm eine Akademie der Künste existirt, keine eigent-
liche nationale Malerei haben, zeigen ihre stärkste Seite
entschieden in den Darstellungen des skandinavischen Volks-
lebens. Die Künstler beider Länder machen ihre Schule
meistens in Deutschland oder in Frankreich. Ob Schwe-
den noch hervorragendere Maler besitzt, als die hier ver-
tretenen, weiß ich nicht; aber so viel ist gewiß, daß in der
ganzen hier vorhandenen schwedischen Malerei unser Ge-
schlecht von einer Dame, Fräulein Amalie Lindegrcn,
übertroffen wird. Daß sie eine Schülerin Loon Cogniet's
gewesen sei, kann man kaum bemerken; viel offenbarer ist
der Einfluß Tidemand's. Unter ihre» drei Bildern nenne
ich nur die arme, unglückliche „Mutter mit ihrem Kinde"
und den an Motiven und Gedanken reicheren „Abend in
einer dalckarlischeu Hütte", eine Famielienscene von unend-
lichem Reize. Fast auf derselben Stufe der Künstlerschaft
möchte ich Joh. Friedr. Höckert stellen, der uns fünf
verschiedene Scenen aus dem Leben der Bewohner des
Nordens mit frappanter Naturwahrhcit vorführt. Etwas
weniger bedeutend zeigen sich im Genre Be»gt Nordeu-
b e r g, der Schüler Tidemand's, und A u g u st I e r u b e r g,
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