Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

Page: 180
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioskuren1872/0193
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
180

zerstreuend wirken und einer gedanklichen Durchdringung wider-
streben muß.

Dergleichen Unterschiede machen nun die Kunsthistoriker im
obigen Sinne des Wortes entweder gar nicht oder doch nicht in
hinreichendem Maaße; im Gegentheil, sie erscheinen um so ge-
lehrter und folglich um so größer, je massenhafter und subtiler
das Detail ist, welches sie für oder gegen die Richtigkeit eines
an sich vielleicht ganz indifferenten änßerlichen Faktums anhäufen.
Wenn der denkende Historiker alles Detail, das seiner Zufällig-
keit halber der Idee fremd ist, als leeres Stroh betrachtet, aus
dem die Körner des Gedankens bereits ausgeschieden sind, be-
mühen sich die Handwerker der „historischen Kunstforschung"
gerade dies Stroh unermüdlich zu dreschen und schließlich zu
einer Streu zusammenzutragen, worauf sich der Ruhm ihrer
Gelehrsamkeit bettet. Da ihnen nämlich das eigentliche Kriterium
für die Abschätzung des Wesentlichen und Unwesentlichen fehlt,
welches allein in der Beziehung des Thatsächlichen zum inneren
Fortschritt des geschichtlichen Geistes liegt, ihre Darstellung des
Thatsächlichen aber gleichwohl nicht alles und jedes Kriteriums
entbehren kann, so lassen sie sich mit solchen genügen, die wenig-
stens den Schein einer gewissen Berechtigung haben: diese sind
namentlich das des „hohen Alters" und der „Seltenheit"; wozu
dann auch wohl noch die „Schwierigkeit", etwas zu beschaffen,
hinzutritt. Hierin stimmen sie also mit den Sammlern überein,
für welche ebenfalls die Rarität und das Alter eines Objekts
die einzigen Werthbestimmungen enthalten. Wenn ein solcher
„Historiker", der etwa eine Geschichte eines berühmten Malers,
natürlich eines alten, schriebe, das Glück hätte, aus alten, ehr-
würdigen Dokumenten, wie Kaufskontrakten oder Baurechnnngen,
die er irgendwo im Winkel einer staubigen Rumpelkammer eines
alten Rathhauses aufgestöbert, den „urkundlichen" Nachweis zu
führen, an welcher Stelle des Hauses — wollen sagen die Holz-
kammer gelegen, so wäre dies im Sinne solcher Kunsthistoriker
„eine unschätzbare Bereicherung des kunstgeschichtlichen Materials";
aber, wie Schiller von den Danaiden sagt:

„Jahre lang schöpfen sie schon in das Sieb und brüten den Stein aus,

Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll."

Derartige Historiker lieben es denn, gewissermaaßen durch
das instinktive Gefühl der Unerquicklichkeit und Interesselosigkeit
des bloßen Aneinanderreihens von Fakten getrieben, ihren —
gleichviel ob mittelst selbstständiger Forschung oder Kompilation
erarbeiteten — Thatsachenstoff durch mehr oder weniger schön-
rednerische Phrasen gleichsam zu umkleiden, indem sie sich in
den Einleitungen zu den größeren Abschnitten auf's Aesthetisiren
legen. Solche scheinbare Koncession an ein geistiges Erfassen
des Thatsachenstoffs muß indeß, da sie nur dekorativer Natur ist
und im Grunde auf leeres schönrednerisches Blendwerk hinaus-
läuft, das gar keinen wissenschaftlichen Werth hat, nur als ein
weiteres Zeichen der diese ganze Klasse charakterisirenden Ge-
dankenarmuth betrachtet werden.

Besondere Abarten des resiektirenden Kunsthistorikers bilden
der gelehrte Kunstantiquar und, mit ihm verwandt, der
Kunstphilologe. Der „Antiquar" fällt insofern mit dem
Pedanten der Kunstgeschichte zusammen, als er zwischen Wesent-
lichem und Unwesentlichem nicht hinlänglich unterscheidet und
als auch ihm die Kategorien der Seltenheit, des Alters u. s. f.

weit über die eigentlichen ästhetischen Kriterien gehen. Beim
Philologen — soweit er hier in Betracht kommt, d. h. wenn
er entweder poetische Erzeugnisse der Alten oder philosophische
Schriften derselben über Kunst behandelt — tritt nicht selten
der Fall ein, daß ihm die Unbefangenheit beim Beurtheilen des
Inhalts über der Schwierigkeit, welche die Form darbietet, ab-
handen kommt.

Es herrscht nämlich zwischen dem antiken Wort und dem
modernen eine noch viel größere Differenz als zwischen den ent-
sprechenden Bezeichnungen desselben Inhalts bei verschiedenen
modernen Sprachen. Wenn daher z. B. das französische esprit
weder durch „Geist", noch durch „Verstand", noch durch „Witz"
vollständig wiedergegeben, umgekehrt aber auch wieder die deutschen
Wörter „Gefühl" oder „Sehnsucht" durch keine den Inhalt völlig
deckende Bezeichnung im Französischen übersetzt werden können,
so ist die Differenz zwischen modernen und antiken Sprachen
überhaupt doch noch größer, da der Sprachgeist ja mit der ge-
sammten differenten Weltanschauung im innigsten Zusammenhang
steht. Die daraus sich ergebende Inkongruenz zwischen dem an-
tiken Wort und dem modernen — eine Inkongruenz, welche
ebenso sehr eine solche der Begriffe selbst ist — stemmt sich
nun gegen die philologische Reflexion und bleibt schließlich als
unlösbares Residuum gegen das moderne Verständniß bestehen.*)
So nimmt das antike Wort oft den Schein von etwas Räthsel-
haftem, Geheimnißvollem an, das dem resiektirenden Vorstande
als eine besondere Tiefe des antiken Denkens und Empfindens
überhaupt imponirt: dadurch kommt der Philologe zu einem
instinktiven Respekt vor dem bloßen Buchstaben der Antike,
welcher dann für ihn ein ganz anderes Gewicht hat als der
moderne, vielleicht bedeutsamere Buchstabe. Ja, dem antiken
Wort wird oft wider Willen und Wissen gleichsam ein moralischer
Zwang angethan, um zu seinem eigenen Besten eine Bedeutung
zu gewinnen, die ihm im Grunde fremd ist.

Im Allgemeinen kann man, ohne der Größe und Hoheit
der antiken Weltanschauung zu nahe zu treten, wohl sagen, daß
der Weltgeist seitdem die Kinderschuhe nicht nur ausgetreten, son-
dern auch ausgewachsen, d. h. einige Fortschritte überhaupt ge-
macht habe, so daß mancherlei, was dazumal als etwas Tiefes
und Sinnvolles erscheinen konnte, ohne Zweifel platt und trivial
erscheinen müßte, wenn es heute gesagt würde. Von solchen
Trivialitäten sind z. B. trotz aller sonstigen Schönheit der Dar-
stellung und Reiheit der Sprache die platonischen Dialoge voll.
Trifft nun der Philologe auf solche Plattheit, die ihm ans mo-
dernem Munde, dem gegenüber er sich einfach als Mann von
gesundem Menschenverstände verhalten könnte, kindisch Vorkommen
würde, so verwandelt sich für ihn dies antik-Kindliche sofort in
„göttliche Naivetät" u. s. f., oder er wendet auch wohl solchen
einfachen Satz mittelst elastischer Kommentirung und Interpretation
so lange hin und her, bis er schließlich ganz unerwartet eine

*) Um nur einige Beispiele anzuführen, mag an die antiken Ausdrücke
des iidttos, jjSog, uq^ovUc erinnert werden, welche meist falsch durch „Lei-
denschaft", „Sitte" oder gar „Sittlichkeit", „Harmonie" übersetzt zu werden
pflegen. Selbst der geistvolle und gewiß nichts weniger als pedantische Stahr
ist in seiner trefflichen Uebersetzung der „Poetik" des Aristoteles zuweilen
durch die Inkongruenz der griechischen und deutschen Bezeichnungen in Ver-
legenheit gerathen.
loading ...