Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Berlin, Landgrafenstr. 7.)

Inhalt.

Abhandlung: Was heißt Styl in der bildenden Kunst? (Forts.) Kunstkritik: Berliner Monatsschau. (Forts.)

Korrespondenzen: Lp. Weimar, Ende Januar. (Ein Rückblick auf die Ge- Kunst-Institute und -Vereine: Helmholtz's Vortrag über Optik in der Ma-
schichte unsrer Kunstschule. VII. Schluß.) lerei. — Eingabe des braunschweiger Kunstclubs an das herzogl. braun-

knnst-Chronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Leipzig, Weimar, Köln, Mün- schweigische Staatsministerium. (Schluß.)

chen, Graz, Wien, Rom, Ehiusi, London. Briefkasten.

Was heißt Styl in der bildenden Kunst?

(Fortsetzung.)

ehlt also dem Styl der substanzielle Gehalt
und dadurch die ideelle Berechtigung, so
artet er in äußerlichen Manierismus
aus. Andrerseits droht ihm die nicht ge-
ringe Gefahr, sich zur rhetorischen
Phrase, zur bloßen Deklamation, zu
verflachen. Bei dieser ist nicht die Lieb-
haberei für den äußerlichen Habitus einer
der Vergangenheit angehörenden Kultur-
form der Grund manieristischer Styllosig-
keit; vielmehr hegen die solcher Richtung
angehörenden Künstler gerade für den In-
halt, die Idee von dergleichen Motiven
eine lebhafte Sympathie, aber sie begehen
— im geraden Gegentheil der Leys'schen Richtung — den Fehler,
diese Idee nicht zeitgemäß zu empfinden, anzuschauen und wieder-
zugeben, sondern behaftet mit den Vorstellungen ihrer eigenen
Zeit, welche überall aus den Falten der altmodischen Kleider
der Edelfräulein und zwischen den Schienen der Ritterrüstungen
Hervorschauen.

Auch hier herrscht also — die alte düsseldorfer Schule
hat dazu zahlreiche Beläge geliefert — Formalismus und zwar,
da eine mißverstandene Sympathie, welche lediglich subjektiv
bleibt, die Haupttriebfeder bildet, Formalismus in seiner aller-
bedenklichsten Gestalt, in der der Sentimentalität. Reale
Gesundheit und derbes Leben kann dabei nicht bestehen. Aus
Besorgniß, durch solche objektive Realität des Lebens unsere
modernen Sympathien zu verletzen, hüllen die Vertreter dieser
Richtung moderne Menschen in alterthümliche Kleider und ver-
leihen ihnen in Bewegung und Ausdruck jenes konventionelle
Theaterfigurengepräge, was man mit dem Namen „hohles Pa-
thos" zu bezeichnen pflegt. Ein Schritt weiter und wir sind
beim Assen- und Afterbilde des Styls angelangt, bei der Kar-
rikatur. Denn die Karrikatur ist, als die Darstellung eines
an sich bedeutenden Inhalts in kleinlicher oder verschrobener
Form, ein Zerrbild idealen Seins; allerdings ein Zerrbild,
das, wenn es künstlerisch intendirt ist, immerhin den Rang eines
Kunstwerks behauptet, das aber, wenn es nicht intendirt ist, zur
unfreiwilligen Komik führt und die künstlerische Wirkung ver-
nichtet. Der „Witz" der Karrikatur liegt nämlich in dem Wider-
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