Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

Page: 275
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lr 1?ter Jahrgang. *1?

* M 85.

Herausgegeben und redigirt von

vr. May Schasler.

kreis des Journals pro Quartal IV, Thlr. — Kreuzband-Abonnements werden nur bei Pränumeration auf den ganzen Jahrgang angenommen.

(Redaction und Expedition der Dioskuren: Berlin, Landgrafenstr. 7.)

Inhalt.

Abhandlung: Zur Reorganisation der Akademie der Künste. (Schluß.) Lunst-Ehronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Weimar, Düsseldorf, Freiberg,

Korrespondenzen : X München, Mitte September. (Ausstellung des Kunst- Wien, Zürich, Mailand.

Vereins.)-e- Dresden, 13. September. (Literarischer Verein; Kunst- Kunstkritik: Die akademische Kunstausstellung in Berlin. (Forts.) I. Malerei.

Ausstellung. Schluß.) — () Brüssel, Ende September. (Die Kunst- 2. Religiöse Malerei. (Schluß.)

Ausstellung. Forts.) — ^London, Mitte Septbr. (Die internationale Aphorismen und Miscellen.

Kunst- und Gewerbe-Ausstellung.


Jur Reorganisation der Akademie der Künste.

(Schluß.)

ftinem vernünftigen Menschen, der sich irgend-
wie einige Kenntniß über die Requisite des
'praktischen Kunststudiums verschafft hat, kann
es einfallen zu behaupten, daß die Antike
nicht ein unerschöpflicher Quell reiner Kunst-
Anschauung und als solcher eins der wesent-
lichsten Förderungsmittel der künstlerischen
Ausbildung sei; aber mit derselben Bestimmtheit muß behauptet
werden, daß sie dies nur ist hinsichtlich der Form. Nicht die
antiken Ideen also, nicht die mythologischen Motive sind
es, worin für den heutigen Künstler — und namentlich für den
Maler — das Bildnngsmittel liegt, sondern es sind die antiken
Formen, gleichviel bei welchen Motiven sie angewandt werden.
Man mag mithin in den Kunstschulen nach Antiken zeichnen und
modelliren lassen, um in dem angehenden Künstler das Gefühl
für reine und edle Form zu erwecken und auszubilden; es wer-
den, wenn diese Ausbildung einen gewissen Grad erreicht hat,
wenn die Empfindung für ideale Formenwahrheit in ihm lebendig
geworden, gleichsam bei ihm in Fleisch und Blut gedrungen ist,
die Früchte davon nicht ausbleiben, mag er eine Richtung ein-
schlagen, welche immer es sei. Aber den Grad jenes durch die

Antike geförderten Formengefühls nun dadurch prüfen wollen,
daß man den jungen Künstler zwingt, antike Motive, die ihm
als solche immer fremd bleiben müssen, weil er an sie nicht
glauben kann, zu komponiren und gar zu malen, ist mindestens
ebenso verkehrt, als speciell anatomische oder perspektivische Aus-
gaben zur Konkurrenz zu stellen.

Hierin liegt nun der Grundirrthum der akademischen Kon-
kurrenz. Die Akademie geht von dem Gesichtspunkt aus, daß
das Studium der Antike nicht, wie das Studium der Anatomie,
der Proportionen, der Perspektive, der Optik, bloßes Hülfsmittel
des Kunststudiums ist, sie betrachtet die Darstellung des mensch-
lichen Körpers nicht als technisches Material, sondern als Zweck
der Kunst und folglich die Motive, die Ideen, welche künstlerisch
gestaltet werden sollen, lediglich als mehr oder weniger indiffe-
rentes Beiwerk, ohne welches jener eigentliche Zweck nicht er-
reicht werden kann.

In jenem am Schluß des vorigen Artikels erwähnten Ant-
wortschreiben der Akademie an den Minister in Betreff der Um-
hängnng des Schlösser'schen Bildes wird es offen und unzwei-
deutig als akademischer Glaubenssatz ausgesprochen, daß „die
menschliche Erscheinung, das schönste und vollendetste Dasein in
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