Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Berlin, Landgrafenstr. 7.)

Anhalt.

Abhandlung: Zur praktischen Aesthetik. Kunst-Chronik: Lokal-Nachrichten aus Berlin, Homburg, München, Graz,

Korrespondenzen: § Halle, am 25. September. (Enthüllung des Krieger- St. Petersburg, Kopenhagen.

Denkmals.)-e- Dresden, 30. September. (Schluß der akademischen Kunstkritik: Die akademische Kunstausstellung in Berlin. (Forts.)

Kunst-Ausstellung.) — v. ü. München, Ende September. (Kunst- Aphorismen und MisceUen.

Verein.) Allgemeines Ausstellungs-Programm der mitteleuropäischen Kunst-Vereine.

Jur praktischen Uesttjetik.

enn man auf die zahlreichen Abnormi-
täten blickt, welche der öffentlichen
Seite des modernen Kulturlebens, trotz aller
Verfeinerung des ethischen und ästhetischen
Gefühls, noch immer anhaften und nicht
nur dies, sondern als selbstverständlich be-
trachtet werden, so muß man bekennen, das
wir nur wenig Veranlassung haben, au!
die „Barbarei" des Mittelalters oder du
„rohe Grausamkeit" der antiken Welt vor-
nehm herabzuschauen. — Rasfinirter ist

vielleicht die moderne Welt geworden, ob

viel moralischer, möchte wohl fraglich sein; es wird heutzutage
vielleicht etwas weniger todtgeschlagen — wenigstens im De-
tail —, dafür aber desto mehr intriguirt und verleumdet (ein

moralischer Todtschlag, der Manchem schlimmer scheinen kann,
als der leibliche); es wird vielleicht etwas weniger geraubt,
desto mehr aber gestohlen und betrogen, und zwar auf so in-
geniöse Weise betrogen, daß, wenn nur die Form gewahrt bleibt,
die Justiz sogar gezwungen ist, den Betrüger in seinen Mani-
pulationen zu unterstützen.

Die Aesthetik hat nicht blos eine theoretische, sondern auch eine
sehr praktische Seite, wodurch sie unmittelbar mit der Ethik in
Verbindung steht. Dies nachzuweisen, war der hohe und wahrhaft
ideale Zweck, den Schiller sich in seinen „Briefen über ästhetische
Beziehung des Menschen" gesetzt hat. — Eine der vielfachen Be-
ziehungen, in denen die praktische Aesthetik zur allgemein-mensch-
lichen Kulturentwicklung steht, ist z. B. die Behandlung, welche
ein Volk der Thierwelt und namentlich denjenigen Thieren, welche
die Menschen sich dienstbar machen, angedeihen läßt. Man darf
geradezu das Axiom ausstellen, daß die Menschheit erst dann
zu einem wahrhaft vernunftgemäßen Dasein gelangen kann, wenn
sie im Großen und Ganzen außer Stande ist, das Thier an-
ders als menschlich zu behandeln. Die Art und Weise, wie ein
Mensch ein Thier behandelt oder vielmehr wie er gegen das-
selbe handelt, ist der sicherste Gradmesser für seine wahrhaft
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