Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Berlin, Landgrafenstr. 7.)

Inhalt.

Abhandlung: Der größte Künstler des zehnten Jahrhunderts, von W. Andrea. Lunst-Lhronik: Lokal-Nachrichten aus Berlin, Dresden, Düsseldorf, München,
Korrespondenzen: □ München, den 2. Februar. (Das Jsarthor. Der Wien, London.

Fischbrunnen. Das neue Rathhaus. Schluß.) — v. H. München, Kunst-Institute und -Vereine: Münchener Alterthumsverein.

Mitte Februar. (Neue Werke. Forts, u. Schluß.) — 8. Wien, Mitte Ausstellnngskalender.

Februar. Kunstvereins-Ausstellung.) Briefkasten.

Aer größte Künstler des zehnten Jahrhunderts.

Von

Wilhelm Andrea.

er bedeutendste und vielseitigste
Künstler in der ersten Hälfte
des Mittelalters war unstreitig
der Bischof Bernwardus von
Hildesheim, ein Mann, der, ob-
gleich er in der Kunstgeschichte
längst den höchsten Rang mit
einnehmen sollte, dennoch dem deutschen Volke
im Großen und Ganzen noch ziemlich unbekannt
Heblieben ist, weil es in den Verhältnissen lag,
daß er seine Thätigkeit größtentheils örtlich be-
schränkte. Er verdient aber nicht minder als
die Künstler späterer Zeiten dem deutschen Volke
bekannt zu werden. Bernward's Kunstgebilde,
von denen uns durch besondere Glücksumstände — säst neun
Jahrhunderte hindurch — noch die meisten erhalten sind, fesseln
jeden Fremden, welcher die alte Stadt Hildesheim, dieses „Mu-
seum architektonischer Schätze" besucht, vor allen andern und
erfüllen ihn mit Bewunderung. Ihr antiker und künstlerischer
Werth ist dadurch hinlänglich anerkannt worden, daß man von

Bernward's größeren Werken Gypsabgüsse gemacht und dieselben
in den Museen, z. B. zu Berlin und Nürnberg, aufgestellt hat.

Sind die Kunstwerke vielleicht auch nicht alle eigenhändig
von ihm geschaffen, so sind sie doch aus seiner Werkstätte, welche
er Laboratorium nannte, und unter seiner besonder« Anleitung
hervorgegangen. Er war ebenso tüchtig in der Miniaturmalerei
wie in der Mosaik, in der Bildhauerei wie im Erzguß, in der
Schnitzkunst wie in der Einfassungskunst.

In der uneigennützigsten Liebe zur Kunst verbreitete er
seine Kenntnisse dadurch, daß er Jünglinge und Knaben, welche
Kunstsinn verriethen, in seine Werkstatt aufnahm und sie unter-
wies, Metalle und Steine, Holz und Elfenbein zu formen. In
einer alten plattdeutschen Handschrift heißt es von ihm: „Wenn
ock de hilige biscop sunte Barnward wur gynck, sach he de
Jungen spelen, de scarp weren von verstand, de krech he to sick
von oren eldern unde up de warckstede", d. h.: „So oft der
heilige Bischof, Sanct Bernward, irgendwo ging, und er sah
Jungen spielen, die scharf waren von Verstände, die kriegte er
zu sich von ihren Eltern und auf die Werkstatt.

Die Geschicktesten derselben hatte er auf seinen verschiedenen
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