Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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großen internationalen Kunstausstellung auswärtige Werke hier nicht
wieder zu Gesicht gekommen sind, gaben diese französischen Bilder
Manches zu denken, weil sie durchaus verschieden von unserer
münchener Malweise sind. Und doch hat München vor anderen
Kunststädten Das voraus, daß hier völlig heterogene Richtungen
unter den Künstlern vertreten sind, so daß sich die hiesigen Werke
nicht sofort als Vertreter einer bestimmten Schule zeigen, wie dies
meistens in den Bildern Düsseldorfs, Wiens u. a. St. der Fall ist.

Von Corot sind zwei Bilder ausgestellt, welche in jener be-
kannten grauen, etwas verschwommenen Manier gemalt sind. Das
eine stellt einen „Sumpf" in Morgenstimmung dar und ist ent-
schieden das bedeutendere, während das andere eine „Strandpartie"
bei Sturm zeigt. Corot ist Meister in Auffassung dichterischer
Stimmungen, die Skala des Grau ist eine äußerst klare und reiche,
der Vortrag keck und skizzirt. Er wirkt weniger durch Linien als
durch Töne, er ordnet jene dem Kontur auch völlig unter. —
Ribot hat einen prächtigen männlichen Kopf gemalt, der eine seltene
Plastik in der Behandlung zeigt, durch breites Licht und tiefe Schatten
wirkt. Das Bild erinnert an die besten Meister der spanischen Schule.
Anders gemalt ist sein „Mädchen", schlicht und einfach und doch wie
reich und treu in der Farbe. — A. Sch re per ist mit acht Bildern
vertreten, die mit großer Bravour vorgetragen sind, zuweilen auf
Kosten der Zeichnung. Schreyer stellt die Lebendigkeit der Empfin-
dung voran, und derartig wirken auch seine Bilder auf den Be-
schauer. Seine „Pferde auf der Pußta" sind prächtig gezeichnet,
reich und energisch in der Farbe, auch seine Artillerie-Attaque im
Schnee dürfte unstreitig zu seinen besten Bildern zu zählen sein.
Sehr fein sind die übrigen kleineren Bilder desselben Künstlers
ausgeführt. — Daubigny pere ist unseres Erachtens noch nicht
so glücklich vertreten, als wir dies von dem gefeierten französischen
Künstler erwarten sollten. Seine Landschaft ist zwar außerordentlich
klar kolorirt, erscheint uns aber in der Farbe doch etwas zu
grün gemischt. — Daubigny fite tritt mit seiner „Abendstimmung"
ernst und düster auf, und demgemäß ist auch die ganze Tonstimmung
des Bildes, die aber etwas schwer in der Farbe wirkt. — Brendel
ist ebenso wie Schreyer ein Deutscher, beide aber malen unter
dem Einfluß französischer Schule, obschon sich Brendel in den letzten
Jahren davon etwas emancipirt hat. Seine „Schafheerde auf dem
Hügel" ist mit unübertrefflicher Meisterschaft gemalt, obgleich die-
selbe nur als Staffage auftreten, ebenso schön ist die Landschaft
behandelt, das Bild von sonnig klarem Ton. — H. Charpignies'
„Nußufer mit Bäumen" hat einen schönen Goldton und erinnert
an die Bilder Hobbema's. Es ist dünn gemalt, die Auffassung
poetisch. — Chaigneau's Architekturbild wird den Meisten doch
wohl zu flau erscheinen, es fehlt Kraft und Energie in der Farbe,
ein Vorwurf, den wir auch dem Bilde Francois' machen möchten,
das neben dieser Eigenschaft etwas Verblasenes, Mehliges besitzt,
wodurch die poetische Stimmung des Bildes beeinträchtigt wird. —
Nazon's „Abend" ist ebenfalls poetisch empfunden und von schönem,
warmem Vortrag. — Feste Zeichnung und kräftige Behandlung
sprechen aus der Landschaft von Diaz, dem es genügte, ein ein-
sames mit Gestrüpp bedecktes, hügeliges Terrain stimmungsvoll zu
malen. — Chifflart's „Liebespaar im Walde" ist kräftig kolorirt,
der Kopf des Zelters aber verzeichnet.

Durch die Ausstellung dieser Werke bot der Kunstverein in der
letzten Woche ein lebhaftes Interesse dar, und sind es hauptsächlich
die hiesigen Künstler, welche durch diese Ausstellung dem Kunstverein
zu lebhaftem Danke verpflichtet sind. — Unter den sonst noch aus-
gestellten Werken nenne ich Ihnen den „Studienkopf", welchen
Muncacsy zu seinem Bilde „Die letzten Stunden eines Ver-
urtheilten" benutzte. Der Kopf ist geistvoll gemalt und vorzüg-

lich der Ausdruck des Delinquenten. Das Bild ist von einer so
kräftigen Farbe, daß, hingen alte Meister in dessen Nähe, es diese
nicht zu scheuen hätte. — E. Uoung's „Hochzeitszug auf der
Alm" ist reich und hübsch komponirt, an Gedanken fehlt es dem
Bilde keineswegs, auch die Auffassung der Alpenwelt ist frisch und
poetisch, dennoch erscheint uns das Bild, als ob es etwas an's
Bunte streife und die Farbe zu schön und glänzend sei. — Ed.
Heinel's „Landschaft" gefällt uns weniger als seine früheren
Bilder. Die Staffage dürfte total verunglückt sein. — Ad. Echt-
ler's „Fleißigkeitszeugniß" stellt eine Rückkehr aus der Schule dar
und ist ansprechend geschildert. — Mattenhei mer's „Mondnacht"
fehlt es nicht an poetischer Auffassung, die Farbe ist jedoch matt und
viel zu kalt. — H. Rasch zeigt in seiner „Landschaft aus dem
Chiemseegau" einen entschiedenen Fortschritt, trotzdem kränkelt er
noch immer etwas an der Farbe. — Reizende Viehstücke in kleinem
Rahmen stellte F. Pausin ge r aus, die in Zeichnung und Kolorit
nichts zu wünschen übrig lassen.

T. M. Dresden, int Oktober. (Die G obelins von
Oehme.) Es ist wohl nur durch die Eigenthümlichkeiten des
dresdener Lebens zu erklären, daß der Werke eines unserer bedeu-
tendsten Künstler noch nicht in den Blättern gedacht wurde, die es
so sehr verdienen, die Aufmerksamkeit des Publikums über die Grenzen
unseres Landes hinaus auf sie zu lenken. Es sind dies die Gobelins,
d. h. eine Nachahmung der Gobelins von Erwin Oehme. Schon
im vergangenen Jahre hat dieser begabte Künstler einen Auftrag zur
Ausschmückung eines Saales ausgeführt, der leider nur der Be-
wunderung der Künstlerkreise theilhaftig wurde, da der Besitzer der-
selben eine Ausstellung der schönen Tapeten — wenn man sie so
nennen soll — nicht wünschte. Jetzt hat Oehme die Ausschmückung
eines Zimmers des königlichen Schlosses vollendet, ein Geschenk der
sächsischen Frauen für das geliebte Königspaar zur bevorstehenden
goldenen Hochzeit. Auch dieser Zweck dürfte ein Schweigen über
diese Arbeiten entschuldigen, doch können wir uns nicht verhehlen,
daß eine Lauheit der Theilnahme für alle künstlerischen Schöpfungen
dem Dresdner eigen ist, sogar in den Künstlerkreisen selbst, zumal
wenn das betreffende Kunstwerk von einem geborenen Dresdner ge-
schaffen worden ist. Es gilt das für alle Kunstschöpfungen, auch
auf der Bühne; hat doch eine der hochbegabtesten Sängerinnen,
Frau Schröder Devrient, einst gesagt, daß sie die Dresdner erst
warm singen müsse! — Und so ist es, es braucht eine lange Zeit,
um eine warme Theilnahme zu erringen, und wohl manches junge
Talent, zumal der bildenden Kunst, hat darüber zu kränkeln be-
gonnen, da ihm diese Lebenssonne fehlte.

Was Oehme betrifft, so war es eine künstlerische Spielerei,
die ihm den Pinsel zur Ausschmückung seines eignen Ateliers er-
greifen ließ, um eine Nachahmung der gewebten Gobelins zu schaffen,
die bezaubernd schön und täuschend wirkt. Es konnte nicht fehlen,
daß sich Bewunderer fanden, die ihre eignen Räume mit diesem
Schmuck zu versehen wünschten, und so kam eine Bestellung nach der
andern. So auch die für das königl. Schloß, der wir eine nähere
Betrachtung widmen wollen. Vorbemerkt muß werden, daß die
Ideen für diese Gobelins dem Künstler vorgeschrieben waren; ihm
überlassen wurde nur die eigenthümliche Auffassung.

Das Hauptbild, oder die Hauptwand, zeigt uns den Apoll auf
seinem goldenen Wagen, gleichsam der Sonne entsteigend, deren
Strahlen sich in ein mattes Blau, in das Firmament verlieren, das
mit Sternen geschmückt und zunächst von einem Halbkreis, durch die
Himmelszeichen gebildet, umschlossen ist. Die Städtewappen und
danach Blumen- und Fruchtguirlanden auf Goldgrund umrahmen
das Ganze. In den vier Ecken werden die Wappen der vier Kreis-
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