Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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Dr. Ludwig Volkmann—Leipzig: Sascha Schneider als Maler.

zogin Victoria Melita eine begeisterte und
fein empfindende Freundin der schönen
Künste ist. Die hohe Frau übt selbst die
Malerei aus und verfolgt mit lebhafter Theil-
nahme alle Vorgänge des künstlerischen
Lebens. Sie hat insbesondere die Pflege der
feinen Frauen-Arbeit, der Stickerei und
Weberei etc. in Anregung gebracht und
unter ihren Schutz genommen, ein Gebiet,
das wie kein anderes dazu angethan ist, ver-
edelten Geschmack und künstlerische Auf-
fassung unter der gebildeten Frauen-Welt
und somit in den Familien zu verbreiten.

Die wichtigste Aufgabe, welche der
Grossherzog der Darmstädter Künstler-Ge-
meinde gestellt hat, ist eine künstlerische
Neubelebung des hessischen Kunstgewerbes.
Die geplante Darmstädter Kunstgewerbe-
Ausstellung, auf welcher das bis dahin ge-
leistete zur Vorführung gelangen soll, sowie
die in Entstehung begriffene Villen-Kolonie

auf der Mathildenhöhe, auf welcher auch
das Atelier-Haus stehen wird, hat bereits
verschiedene Aufgaben für die Künstler
und damit Gelegenheit gegeben, mit dem
heimischen Gewerbe Fühlung zu nehmen.
Dabei soll selbstverständlich die Thätigkeit
der einzelnen Künstler nicht auf Hessen
mit dessen Hauptstadt beschränkt sein.

Ernste Ziele will der hohe Herr er-
reichen. Mit Begeisterung sind die Künstler
allesammt auf seine Ideen eingegangen und
vielleicht werden auch sie dereinst von ihrem
erlauchten Beschützer Aehnliches sagen
dürfen, wie Goethe von dem Seinen:

Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich
der meine;

Kurz und schmal ist sein Land, massig nur was
er vermag.

Aber so wende nach innen, so wende nach
aussen die Kräfte

Jeder; da wär's ein Fest, Deutscher mit Deutschen
zu seyn!

Sascha Schneiper als Maler.

Als vor einigen Jahren Sascha Schneider's
grosse Kartons zum ersten Male eine
Rundreise durch die grösseren Städte
Deutschlands machten, da war der bis dahin
fast unbekannte junge Künstler mit einem
Schlage »berühmt« geworden. Staunend
fragte man sich wie es möglich sei, dass
ein Vierundzwanzigj ähriger der Schöpfer
dieser ausgeprägten, selbständigen Formen-
welt, der Denker dieser tiefsinnigen, fremd-
artigen Ideenkreise sein könne. Man drängte
sich vor seinen Arbeiten, man stritt über sie.
Publikum und Kritik waren sich darüber
einig, dass man hier eine höchst bedeutsame
künstlerische Erscheinung vor sich habe,
zahlreiche Kunstzeitschriften, ja selbst die
Familienblätter, beschäftigten sich eingehend
mit ihm, und die Mehrzahl seiner Werke
wurde in guten Nachbildungen der Allgemein-

heit zugänglich gemacht.*) Inwieweit die
Theilnahme des grossen Publikums an
Sascha Schneider's Kartons auf Rechnung
des blossen stofflichen Interesses zu setzen,
aus dem Reiz seiner kühnen, fast aus-
schweifenden Phantasie zu erklären war,
bleibe dahingestellt. Sicher ist, dass sehr
bald Stimmen laut wurden, welche bedauerten,
dass des Künstlers unleugenbar geniale
Schaffenskraft sich in Kartons erschöpfe, und
als einige Jahre vergingen ohne dass man
Anderes von seiner Hand gesehen hätte,

*) Von Abbildungen begleitete Artikel erschienen
z. B. in der Kunst für Alle, 10. Jahrg. Heft 8 und 16,
12. Jahrg. Heft 18; Moderne Kunst, 9. Jahrg. Heft 6
und 10; Deutsche Lesehalle 1896, Nr. 11; Leipziger
Illustrirte Zeitung 1896, Nr. 2749 und 1897, Nr. 2806,
Holzschnittwiedergaben bei J. J. Weber in Leipzig, Repro-
duktionen in Lichtdruck bei Breitkopf & Härtel. Die in
vorliegendem Hefte abgebildeten erscheinen zum ersten Male.
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