Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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Noch auf der letzten grossen Berliner
Gewerbe - Ausstellung Hess sich
ziemlich ohne Einschränkung fest-
stellen, dass kaum ein anderer
Zweig des Kunstgewerbes so völlig vor
dem geistigen Bankerott stand als die Gold-
arbeiterkunst. Wo nicht mit der Fülle von
Brillanten geblendet werden sollte, zeigte
sich ein hülfloser Naturalismus oder ein
noch hülfloseres Wühlen in alten Vor-
bildern. Bei den grösseren Gegenständen
war man glücklich am trostlosesten Bieder-
meierstil angelangt, der mit blanken Flächen,
»antikischen« Säulen und Urnen wirthschaf-
tete oder gar, wie in den meisten Sportpreisen,
bei der Atrappe, der glänzendsten Leistung
menschlichen Witzes.

Es musste sonach scheinen, dass gerade
unsere wohlhabendsten Schichten in der
allergrössten Geschmacks - Verkümmerung
dahinlebten, dass Protzerei und blödes Gigerl-
thum die Gesellschafts-Schichten beherrsch-
ten, welche — die Zeit beherrschen.

Ist nun auf dem Gebiete dieser Luxus-
kunst wirklich ein Aufschwung festzustellen,
so haben wir in der That ein gewisses Recht,
an eine Wandelung der Zeit zu glauben.
Und wirklich, auch wer gleich mir gegen
das siegessichere Geschrei von unserer »neuen
Kunst«, eingedenk der vielen Schwären
unserer Zustände, ein gewisses herbes Miss-
trauen zurückbehalten, muss mit wachsender
Freude ein ernstliches Vorwärtskommen an-
erkennen. Langsam, doch immer mehr
Raum gewinnend, setzt sich neben den Schund
und die Thorheit von gestern eine Kunst,
die das besitzt, was uns schier seit hundert

Jahren immer mehr verloren gegangen:
Selbstvertrauen in die eigene Schöpferkraft,
Unabhängigkeit vom Stilfetisch.

Dass diese Kunst die Zeitschriften erfüllt,
dass sie auf den Ausstellungen sich her-
vorwagt, nachdem die Rufer im Streite seit
zwanzig Jahren ihr Bahn zu brechen gesucht,
war noch kein sicheres Zeichen. Aber wenn
sie gekauft wird, dann muss man zu glauben
beginnen. Als vor etwa zwei Jahren zuerst
in Berlin die zierlichen kleinen Broschen von
Cheret, Vernier, Van der Straeten u. A. auf-
tauchten, die kaum mehr als ein Knopf mit
etwas bewegtem Umriss und einer ungemein
zarten Reliefdarstellung in der leise vertieften
Fläche waren, da konnte man das Berliner
Publikum aus seiner süssen Gewöhnung an
Dreimarkbazare noch spotten hören, dass
»so'n Ding, das gar nichts 'mal hermacht«
mehrere Kronen kosten solle. Die Leute,
die es »dazu hatten«, wollten gerade das auch
sehen lassen; ja, eigentlich war der Schmuck
nur dazu da, zu prahlen, nicht zu schmücken.
Allmählich sind unseren Damen die Augen
aufgegangen; sie sind damit wirkliche Damen
geworden, denn sie lernten den eigentlichen
Werth des Schmuckstückes, seinen selb-
ständigen künstlerischen Reiz und die indi-
viduelle Note, die es zu verleihen vermag,
kennen. Man wagte, auf die intime Wir-
kung, die sich erst dem geschulten Auge
offenbart, nicht auf die Karatmenge der Edel-
steine zu vertrauen. Damit aber ist ein An-
fang gemacht, der eigentlich allen Hoffnungen
Raum lässt, denn wer erst den Schein vom
Wesen scheiden gelernt, der hat den schwersten
Schritt seiner Entwickelung gethan.

190«.II. 1.
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