Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 33.1913-1914

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ROBERT GENIN—MÜNCHEN. »DREI KÖPFE« GALERIE THANNHAUSER.

ROBERT GENIN-MÜNCHEN.

Die Grundidee eines Werkes nennt Ibsen
Symbolik. Aber diese dürfe nicht kraß
und kunstlos hervortreten, denn dadurch gehe
eben das Künstlerische, das Kunstwerk als
geistiger Komplex, verloren, sinke zur Bedeu-
tungslosigkeit herab, indem es nur zu einem
Skelett von Begebenheiten werde. Der Ge-
danke der Symbolik müsse sich wie Silberadern
durchs Gestein ziehen, dürfe aber nicht unauf-
hörlich ans Tageslicht gezerrt werden. Unsere
Zeit geht diesem brutal banalen Tageslicht aus
dem Wege, nachdem es so lange der allverehrte
Götze im Bereiche der Kunst gewesen ist. Man
hat einsehen gelernt, daß das freie Licht nicht
allein und nicht alle Fäden anschaulicher Er-
kenntnis bloßlegen könnte, hat entdeckt, daß
nicht nur die sichtbaren Planeten im Reiche
der Kunst scheinen. Man sucht das Halbdunkel
wieder auf, um mit wachen Augen zu träumen
und geht mit stiller Andacht wieder den geheim-
nisvollen Fäden unserer Lebenszusammenhänge
nach. Die Kunst will Antwort geben auf Fragen,
die Kopf und Herz beschäftigen. Sie wertet

die Erscheinung nicht mehr bloß als sichtbare
Existenz, sondern erkennt in ihr das sichtbare
Walten einer höheren Ordnung. Die Formen
der umgebenden Natur werden zum Symbol
eines lebenschaffenden und lebenbeherrschen-
den Elementes. Das ist auch das Ziel der Kunst
Genins. Aber wo Ho dl er und die ihm ver-
wandten Künstler des Lebens Urgewalten zu
einem stolzen Hymnus göttlicher Gesetzesmacht
sich fügen lassen, erzählt Genin im Pianissimo
keuscher Weisen und Andacht von einem in
allem sichtbaren wirkenden Willen, der alles
Kleine und alles Große, alles Hassen und Lieben,
alle Schrecken und alle Freuden in einer ein-
zigen stillen Harmonie zusammenfaßt und jen-
seits von Gut und Böse nur das Leben mit
seinem stillen heimlichen Glück, mit seinem
heimlichen Stürmen und das liebende sanfte
Walten einer höheren Macht zum bildhaften
Ereignis werden läßt. Dies Ereignis wird aber
niemals zu einer gedanklich klaren Handlung,
zum „Skelett" einer Begebenheit, ihr Inhalt ge-
winnt vielmehr in der besonderen Erscheinungs-

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