Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 33.1913-1914

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LUDWIG SCHMID-REUTTE.

»RUHENDE FLÜCHTLINGE«

LUDWIG SCHMID-REUTTE. (1863-1909)

Durch alle Kämpfe des Naturalismus, Realis-
mus, Impressionismus, der Neuromantik
hindurch geht ein mächtigerUnterstrom nach mo-
numentaler Kunst. Die monumentale mensch-
liche Form zu finden, hat die Besten beschäf-
tigt — und vorzeitig zu Grunde gerichtet. Feuer-
bach und Marees starben darüber. Auch Schmid-
Reutte gehört in diese Reihe. — Schmid-ReuMe
hat in den achtziger Jahren, nachdem er an der
Akademie zu München durch die Defregger-
und Loefftz-Schule gegangen war, der Genre-
malerei angehört, aber gleich mit eigenem Sinn
und einem unverkennbaren Zug auf Verein-
fachung der Formen.

Als Maler ist er wohl dem Naturalismus ver-
strickt geblieben. Seme Farbe ist hell, leuch-
tend, seine Technik zwar breit, von unreflek-
tierter Unmittelbarkeit und Sicherheit, aber
nicht flüssig. Er zeichnet gewissermaßen mit
dem Pinsel. Übergänge, Schattierungen, Ver-
treibungen und Lasierungen liebt und übt er
nicht. Mit ein paar Pinselschlägen das Wesen
einer Form herauszubringen, das ist seine Sache,
seine Kunst. Auch die rein handwerkstech-

nische Behandlung der Farbe steht bei ihm nicht
auf voller Höhe. Die Porträts und die Natur-
studien bekunden das. Aber auch hier offen-
bart sich die dem Künstler eingeborene Wesen-
heit: Vereinfachung des Geschauten. Schmid-
Reuttes Kunst ist also im wesentlichen höchster
Z2ichnerischer Ausdruck, bis zur elementaren
Gewaltigkeit beherrschte zeichnerische Verein-
fachung und Modellierung des Sichtbaren, der
menschlichen Gestalt und der Landschaft.

In den neunziger Jahren leitete Schmid-Reulte
mit F. Fehr in München eine Malschule, die
sich großen Rufes erfreute. Die Lehrtätigkeit
scheint den Meister ganz besonders zum Stu-
dium der menschlichen Anatomie und Form an-
geregt zu haben. Wenigstens bilden seine Akt-
zeichnungen von da an den Hauptinhalt seiner
Kunst. Die Vehemenz, mit der sie hingesetzt
sind, ist ohne Gleichen in der zeitgenössischen
Kunst. Der Meister geht allmählich von der
vermittelnden, schwingenden Linienführung zu
förmlich konstruktiver Behandlung der Einzel-
formen über, sodaß seine gezeichneten Akte,
infolge der Zerlegung der einzelnen Formen in

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