Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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VON DEUTSCHEN MODEBESTREBUNGEN.

Eroberung des Bekleidungs-Marktes für die
deutsche Industrie und Durchtränkung der
gesamten Frauenkleidung mit deutschem Geiste
— das sind die Ziele. Was von diesen Zielen
mir erreichbar scheint, soll im weiteren Ver-
laufe dieser Aufführungen wenigstens ange-
deutet werden. Zunächst aber halte ich es für
meine Pflicht, zwei gewichtige Gründe anzu-
führen, die gegen den Mode-Reformplan in sei-
ner heutigen Gestalt sprechen dürften. Wohl-
gemerkt: in seiner heutigen Gestalt! Denn
daß in diesen ganzen Bestrebungen ein sehr
guter Kern steckt, kann nicht bezweifelt werden.

Ich bin fürs erste der Meinung, daß die
Frauenkleidung keinProblem des Kunst-
gewerbes ist. Oder, um es weniger schroff
zu sagen: ich bin der Meinung, daß Mode nicht
Kunst ist, daß ein noch so geschmackvoller
Künstler deshalb noch lange kein firmer Moden-
schöpfer zu sein braucht, daß es hierfür in erster
Linie schneiderischer Fähigkeiten und
Kenntnisse bedarf. Wir haben ja auf diesem
Gebiete unsere Erfahrungen. München hat 1908
Versuche in größerem Maßstabe gemacht; der
künstlerischen Frauenkleidung war damals ein
ziemlich großer Raum gegeben. Die Firmen
hatten es an Anstrengungen nicht fehlen lassen.
Und neben den Firmen hatte eine ganze Reihe
von Kunstgewerblerinnen Kleider und Entwürfe
ausgestellt. Es hilft nun nichts, daß man Aus-
flüchte sucht: das Ergebnis dieser Abteilung
von „München 1908" war durchaus kläglich.
Die Künstler und Künstlerinnen hatten unter
Meidung jedes Eingehens auf die herrschende
Mode selbständig Kleider entworfen, die oft
reizende Einzelheiten zeigten (hübsche Spitzen,
Applikationen, schöne Borten, gute Farben-
Zusammenstellungen), aber absolut keinen
weltmännischen Geist, keine großzügige
Eleganz, keine mitreißenden Einfälle und vor
allem keine neuen konstruktiven Ge-
danken. Es war jämmerlich wenig schöpfe-
rischer Schneidergeist in diesen Körper-
gardinen, es fehlte alles, was Laune und Phan-
tasie zu nennen gewesen wäre. Und warum?
Weil eben hier das Frauenkleid rein als kunst-
gewerbliches Problem genommen war. Eine
beneidenswert kindliche, ja paradiesische Auf-
fassung. Hinter diesen Entwürfen stand keine
formale Tradition, keine handwerkliche Über-
lieferung, kein Zusammenhang mit der Industrie
und nicht die leiseste Verbindung mit dem
Kleidergeiste Europas. Deshalb blieben auch

alle Opfer umsonst; die gemachten Anstreng-
ungen lieferten kein Ergebnis. Daraus ergibt
sich für uns die erste Warnung: Meidung die-
ses Fehlers! Die Deutsche Mode darf nicht
zum Vorwande für eine leichtfertige Betäti-
gung aller möglicher tatendurstiger Zeichenstifte
werden. Sie muß das Erzeugnis von fachmän-
nisch geschulten Kräften sein. Hüten wir uns
nun davor, allzulange zu verkennen, daß Mode
zu wesentlichen Teilen Schneiderei ist!
Der direkte Verkehr mit den Materialien, lange,
geduldige Übung und besonders eine eigene
schneiderische Begabung sind hier nicht zu ent-
behren. Künstlergeschmack ist nicht Schneider-
geschmack. Kleider sind keine weltanschau-
lichen Dokumente. Kleider sind — ja, was
sind sie? Eine Rhapsodie von Feigenblättern,
sagte ein Theologe. Also eine Angelegenheit
der Schamhaftigkeit. Eine Vorrichtung zum
Schutze gegen Wetter und Wind, meint ein
zweiter. Andere gehen der „Philosophie der
menschlichen Kleidung" mit dem Rüstzeug der
Sexual-Psychologie zu Leibe: die Mode, die
männliche wie die weibliche, wird darnach be-
stimmt durch das jeweilige erotische Ideal des
anderen Geschlechtes. Wonach der Zweck der
Kleidung letzten Endes nicht ein Verhüllen
wäre, sondern eher ein Unterstreichen, ein
Hervorheben. Wie dem aber auch sei, unbe-
stritten ist jedenfalls der Schmuckzweck der
Kleidung. Unbestritten ist auch, daß der Geist
der Mode seit undenklichen Zeiten ein leichter
und leichtsinniger gewesen ist.

Vergleiche ich nun damit den Geist, aus dem
nunmehr in diesen wildbewegten Zeiten eine
Deutsche Mode geboren werden soll, so muß
ich sagen: die Ähnlichkeit ist recht gering. Zu
gering, als daß man für die junge deutsche Mode
nicht einiges fürchten sollte.

Ist dieser Geist gewaltiger moralischer Auf-
raffung, dieser ausgesprochen männliche
Geist, in der Tat geeignet, einer neuen
Mode Vorschub zu leisten? Alles ist jetzt
in Deutschland auf Selbstverleugnung und harte
Pflichterfüllung gestellt. Die männlichenTugen-
den gelten. Alles, was nicht äußerstes Zweck-
streben ist, wird vom Geiste dieser Tage ver-
urteilt. Und mit asketischem Geiste macht man
niemals eine neue Mode.

Oder gibt es naive Gemüter, die sich ein-
bilden, die weibliche Kleidung würde von nun
an für alle Zeit auf Zweck und Logik und
düsteren Ernst gestimmt bleiben? Die Frauen
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